TEIL 8 — Der Morgen nach dem Brief
Am nächsten Morgen wachte ich mit einer seltsamen, fast fieberhaften Klarheit im Kopf auf. Der Regen des gestrigen Abends war abgezogen und hatte einem frischen, klaren Herbstmorgen Platz gemacht, an dem die Sonne ihre ersten Strahlen über die Dächer des Dorfes schicken ließ. Normalerweise bestand meine Morgenroutine aus einem langsamen Frühstück mit leise laufendem Radio im Hintergrund, gefolgt von einer Tasse schwarzem Kaffee am Fenster, während ich die Zeitung durchblätterte. Aber heute fand ich keine Ruhe. Meine Gedanken blieben an dem weißen Umschlag hängen, der auf dem Tisch lag, neben meiner Kaffeetasse, als ob er ein Lebewesen wäre, das mich anblickte.
Ich nahm den Brief erneut zur Hand und las bestimmte Sätze noch einmal. War es wirklich wahr, was Thomas geschrieben hatte? War es möglich, dass eine Erinnerung so stark werden konnte, dass sie physische Formen annahm? Oder war die ganze Geschichte einfach das Produkt eines alten Mannes, dessen Geist unter dem Gewicht eines halben Jahrhunderts der Trauer zusammenbrach? Was auch immer die Wahrheit sein mochte, die Wirkung auf mich war unumkehrbar. Ich blickte auf die Uhr im Wohnzimmer. Es war erst neun Uhr morgens. Es gab noch acht volle Stunden, bevor die Uhr fünf Uhr schlagen würde. Acht Stunden, in denen die Zeit wie eine Schnecke über eine feuchte Fliese zu kriechen schien.
Um die Zeit totzuschlagen, beschloss ich ins Stadtzentrum zu gehen, um Besorgungen zu machen. Normalerweise grüßte ich die Leute auf der Straße mit einem höflichen Nicken und hielt jede Unterhaltung so kurz wie möglich. Schließlich war ich ein Mann, der Wert auf seine Privatsphäre legte, jemand, der seine Tage am liebsten in aller Ruhe und ohne viel Aufhebens verbrachte.
Aber heute schienen die Menschen um mich herum anders zu reagieren. Oder lag das an mir? Als ich beim Bäcker in der Schlange stand, blickte ich zu einer älteren Frau, die zögernd nach ihrer Geldbörse suchte. Normalerweise hätte ich ungeduldig geseufzt, aber jetzt lächelte ich und sagte, sie solle sich ruhig Zeit nehmen. Sie blickte mich überrascht an und lächelte zurück, ein warmes, aufhriges Lächeln, das mich an die Art erinnerte, wie Thomas früher mich angesehen hatte.
Während des Spaziergangs durch das Dorf wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie viele einsame Seelen eigentlich umherliefen. Menschen, die mit eingezogenen Schultern durch die Straßen gingen, den Blick fest auf den Boden gerichtet, als hätten sie Angst, von jemandem bemerkt zu werden. Ich hatte es zuvor nie so scharf gesehen. Thomas hatte Recht gehabt. Die Welt war voller Menschen, die warteten – nicht auf eine verlorene Liebe aus der Vergangenheit, sondern einfach auf das Gefühl, irgendwo dazuzugehören, dass jemand ihre Anwesenheit bemerkte.
Die Stunden vergingen langsam. Die Nachmittagssonne brach durch die Wolkendecke und sorgte für einen goldenen Schein über den Blättern, die massenhaft von den Bäumen fielen. Um vier Uhr konnte ich es zu Hause nicht mehr aushalten. Ich zog meinen Mantel an, denselben Mantel, den ich immer trug, und lief mit festen Schritten Richtung Park. Mein Herz schlug in beschleunigtem Rhythmus in meiner Brust, nicht aus Angst, sondern aus tiefer, unbändiger Neugier.
Was würde passieren, wenn ich mich um fünf Uhr auf jene Bank setzte? Würde jemand kommen? Würde ich die Bank mit einem Fremden teilen müssen oder würde sie leer bleiben als Hommage an den Mann, der dort so lange seine Seele und sein Herz gelassen hatte?
Als ich den Haupteingang des Parks näherte, sah ich die Bank schon von weitem stehen. Sie lag dort in der weichen Nachmittagssonne, umgeben von den hohen Bäumen, deren Blätter im Wind rauschten. Und in diesem Moment, als ich noch ein Dutzend Meter von der Bank entfernt war, sah ich etwas, das mir den Atem im Hals stocken ließ. Die Bank war nicht leer. Es saß bereits jemand da.



