TEIL 10 — Die Stimme der Vergangenheit
Das Geräusch der Schritte auf dem Kies klang klar und rhythmisch in der stillen Abendluft. Ich drehte den Kopf zum Weg hinter der Bank um, aber dort war niemand zu sehen. Nur die langen Schatten der Bäume, die in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne über das Gras tanzten. Dennoch hätte ich schwören können, dass ich jemanden atmen gehört hatte, ganz nah, als ob jemand über unsere Schultern blickte.
Die junge Frau neben mir schien sich daran nicht zu stören. Sie legte ihre Hand auf die Holzoberfläche der Bank, genau auf die Stelle, an der sich die Inschrift befand, die mir zuvor nie aufgefallen war. Mit ihren Fingern wischte sie ein paar Blätter und Moos aus den Rillen des Holzes. Dort, tief in die alten, verwitterten Bretter eingekerbt, befanden sich zwei Initialen: T & A. Umgeben von einem einfachen Herzen, das mittlerweile vom Wetter vergraut war.
„Diese Bank wurde hier nicht zufällig aufgestellt, William“, sagte sie leise, den Blick noch immer auf die Initialen gerichtet. „Sie wurde damals von Thomas selbst entworfen, in dem Jahr, in dem sich alles veränderte. Er wollte einen Ort schaffen, an dem die Zeit für einen Moment stillstehen konnte, einen Ort, an dem sich Liebende immer wiederfinden konnten, ganz gleich, ob sie noch aus Fleisch und Blut waren oder bereits auf die Schattenseite des Daseins hinübergewechselt waren.“
Ich sah sie mit offenem Mund an. „Willst du damit sagen, dass er diesen Park... dass er diese Bank absichtlich so entworfen hat?“
Sie nickte. „Jedes Gebäude, das er später in seinem Leben entwarf, hatte irgendwo eine versteckte Ecke, einen Ruhepunkt, an dem Menschen über das nachdenken konnten, was sie geliebt und verloren hatten. Aber diese Bank war sein Meisterwerk. Weil es nicht um Stein oder Beton ging, sondern um Erinnerung.“
Die Worte drangen langsam in mich ein. All die Monate, in denen ich neben ihm gesessen hatte, ohne zu wissen, wer er wirklich war, war ich Teil von etwas gewesen, das viel größer war als meine eigene Einsamkeit. Ich war kein zufälliger Passant gewesen, der Mitleid mit einem alten Mann hatte; ich war auserwählt worden, der Wächter einer Geschichte zu werden, die sonst für immer in Vergessenheit geraten wäre.
„Und wer bist du dann in dieser Geschichte?“ fragte ich, während ich in ihre durchdringenden Augen blickte. „Du bist zu jung, um sie zu sein, aber du sprichst über sie, als wärst du selbst dabei gewesen.“
Sie lächelte geheimnisvoll. Sie stand langsam von der Bank auf, warf sich ihren Mantel um und nahm ihre Tasche auf. Die Sonne verschwand nun endgültig hinter den Dächern, und die ersten Sterne begannen am Himmel zu erscheinen. Die Straßenlaternen rund um den Park schalteten sich mit ihrem vertrauten Summen ein.
„Manche Geschichten enden nicht, wenn die Seiten voll sind, William“, sagte sie, während sie einen Schritt auf den Kies tat. „Sie werden einfach an jemanden weitergegeben, der bereit ist zuzuhören.“
Bevor ich eine weitere Frage stellen konnte, drehte sie sich um und ging mit ruhigen, festen Schritten auf den Haupteingang des Parks zu. Ich wollte ihr hinterherlaufen, sie rufen, nach ihrem Namen fragen und wie sie all diese Informationen erhalten hatte, aber meine Beine verweigerten mir den Dienst. Ich blieb wie an den Boden genagelt auf der Holzbank zurück.
Ich blickte auf den Platz, an dem sie gesessen hatte. Auf dem Holz lag kein Mantel mehr, keine Tasche, aber etwas sehr Seltsames: ein kleines, silbernes Vorhängeschloss, genau so, wie junge Liebende früher sie an Brücken hängten, um ihre Liebe zu besiegeln. Und auf dem Schloss waren drei Initialen eingraviert: T, A und W.
Meine eigenen Initialen standen dabei.
Der Schock, der durch meinen Körper zuckte, war fast physisch. Ich hob das silberne Schloss auf; es fühlte sich warm an, als ob es gerade aus jemandes Hand gekommen wäre. Was bedeutete das? War ich nun Teil der Legende dieses Parks geworden? Meine Gedanken überschlugen sich in rasantem Tempo, während sich die Abendstille über den Park legte. Aber die echte Überraschung stand noch bevor, denn als ich in Richtung des Parkeingangs blickte, sah ich in der Ferne jemanden auf mich zukommen. Jemand, den ich niemals mehr zurückzuerwarten gewagt hätte.



