TEIL 4
— DIE AUFNAHME, DIE ALLES VERÄNDERTE
Der Fremde klingelte.
Ich blieb im Arbeitszimmer stehen.
Ich wusste nicht, ob ich die Tür öffnen sollte.
Dann klingelte er erneut.
„Frau Helena?“
Seine Stimme war ruhig.
„Mein Name ist Richard Cole. Ich bin Wirtschaftsprüfer.“
Ich öffnete die Tür nur einen Spalt.
„Was wollen Sie?“
Er hielt den Umschlag hoch.
„Das hier wurde mir von Christopher vor seinem Tod anvertraut.“
Ich nahm den Umschlag.
Auf der Rückseite befand sich Christophers Siegel.
„Warum haben Sie ihn nicht Samuel gegeben?“
Richard sah mich ernst an.
„Weil Christopher ausdrücklich wollte, dass ich ihn persönlich übergebe.“
Ich öffnete den Umschlag.
Darin lag ein USB-Stick.
Und eine kurze Notiz.
„Nur Helena darf diese Aufnahme sehen.“
Mein Herz schlug schneller.
Richard trat einen Schritt zurück.
„Ich sollte Ihnen außerdem sagen, dass Justin versucht hat, mehrere Konten der Stiftung zu sperren.“
„Kann er das?“
„Nicht ohne Ihre Zustimmung.“
Ich sah ihn an.
„Dann hat er ein Problem.“
Richard nickte.
„Das hat er.“
Nachdem er gegangen war, kehrte ich ins Arbeitszimmer zurück.
Ich steckte den USB-Stick in den Computer.
Ein Video erschien.
Christopher saß vor der Kamera.
Er wirkte müde.
Aber seine Augen waren klar.
„Helena.“
Allein das Hören seiner Stimme brachte mich zum Weinen.
„Wenn du das siehst, bin ich wahrscheinlich nicht mehr da.“
Er lächelte schwach.
„Und ich hoffe, du bist gerade wütend auf mich.“
Ich musste trotz meiner Tränen lächeln.
„Denn wenn du nicht wütend bist, habe ich dir nicht genug erklärt.“
Dann wurde sein Gesicht ernst.
„Ich wusste, dass Justin versuchen würde, alles an sich zu reißen.“
Ich hielt den Atem an.
„Er hat seit Jahren Schulden.“
Ich erstarrte.
„Nicht kleine Schulden.“
Christopher nannte eine Summe.
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
Mehrere Millionen Dollar.
Justin hatte sein ganzes Leben über seine Verhältnisse gelebt.
Autos.
Luxuswohnungen.
Glücksspiele.
Geschäftsinvestitionen.
Und Christopher hatte immer wieder seine Schulden bezahlt.
Doch irgendwann hatte er aufgehört.
„Ich wollte, dass mein Sohn Verantwortung übernimmt.“
Christopher seufzte.
„Er hat es nicht getan.“
Dann sagte er etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegzog.
„Justin hat versucht, meine Unterschrift zu fälschen.“
Ich schlug die Hand vor den Mund.
Christopher erklärte, dass er Beweise gesammelt hatte.
Bankunterlagen.
E-Mails.
Überweisungen.
Und Gespräche.
Alles war gesichert.
„Aber Helena, es gibt einen Grund, warum ich dir die Kontrolle über alles übertrage.“
Sein Blick wurde weicher.
„Du hast nie versucht, etwas von mir zu bekommen.“
„Du hast mir sogar dann geholfen, wenn du selbst kaum etwas hattest.“
Ich weinte inzwischen offen.
Dann kam der letzte Teil.
„Wenn Justin dich nach meinem Tod entlässt, ist das der Beweis, dass er die Stiftung niemals in seinem eigenen Interesse führen würde.“
Christopher lehnte sich zurück.
„Dann wird die Stiftung vollständig auf dich übergehen.“
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Und jetzt kommt das Wichtigste.“
Er senkte die Stimme.
„Es gibt eine zweite Person, die du finden musst.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Sie kennt die Wahrheit über meine letzten Jahre.“
Ein Name erschien auf dem Bildschirm.
Eleanor Hayes.
Ich kannte diesen Namen nicht.
Christopher fuhr fort:
„Sie war meine persönliche Finanzberaterin.“
Dann sagte er:
„Und sie weiß, wer versucht hat, mich kurz vor meinem Tod zu manipulieren.“
Das Video endete.
Ich blieb regungslos sitzen.
Eleanor.
Wer war sie?
Warum hatte Christopher sie erwähnt?
Und warum hatte Samuel gesagt, dass noch jemand hinter dem Geld her war?
Mein Telefon klingelte.
Samuel.
„Haben Sie die Aufnahme gesehen?“
„Ja.“
„Dann wissen Sie von Eleanor.“
„Wer ist sie?“
Samuel antwortete nicht sofort.
„Sie ist seit zwei Wochen verschwunden.“
Mein Magen verkrampfte sich.
„Was?“
„Niemand weiß, wo sie ist.“
„Hat Justin etwas damit zu tun?“
„Wir wissen es nicht.“
In diesem Moment hörte ich ein Geräusch.
Ein dumpfer Schlag.
Unten.
Ich stand auf.
„Samuel, ich glaube, jemand ist im Haus.“
„Gehen Sie sofort aus dem Gebäude.“
Ich griff nach meinem Telefon.
Doch bevor ich die Tür erreichen konnte, hörte ich eine Männerstimme.
„Helena.“
Ich blieb stehen.
Es war Justin.
„Ich weiß, dass du noch hier bist.“
Meine Hände wurden kalt.
„Komm heraus.“
Ich antwortete nicht.
Dann hörte ich Schritte auf der Treppe.
Langsam kamen sie näher.
Und plötzlich wurde mir klar:
Justin wusste nicht nur, dass ich die Wahrheit entdeckt hatte.
Er wusste auch, dass ich die Aufnahme gesehen hatte.
Ich wich zurück.
Doch dann vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Nur drei Worte:
VERTRAUEN SIE NIEMANDEM.
Darunter ein Foto.
Eine Frau.
Eleanor Hayes.
Lebendig.
Und sie saß in einem Auto.
Neben ihr?
Justin.



