TEIL 10 — CHRISTOPHER IST NICHT SO GESTORBEN, WIE ICH DACHTE
Niemand sagte ein Wort.
Ich starrte Samuel an.
„Du willst mir sagen, Christopher ist nicht einfach gestorben?“
Samuel nickte.
„Sein Tod wurde inszeniert.“
„Warum?“
„Um Richard zu stoppen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber ich habe seine Beerdigung gesehen.“
„Du hast eine Urne gesehen.“
Ich wurde blass.
„Was war darin?“
Samuel antwortete nicht.
Meine Mutter übernahm:
„Nicht Christopher.“
Ich musste mich setzen.
Achtzehn Jahre lang hatte ich geglaubt, dieser Mann sei tot.
Und jetzt erfuhr ich, dass möglicherweise alles eine Lüge gewesen war.
„Wo ist er?“
Samuel sah mich an.
„Ich weiß es nicht.“
„Du lügst.“
„Nein.“
„Du hast ihn doch gesehen!“
„Vor drei Jahren.“
Mein Herz raste.
„Lebt er noch?“
Samuel schwieg.
Meine Mutter sagte:
„Wir wissen es nicht.“
„Wie könnt ihr das nicht wissen?“
Samuel legte einen weiteren Brief auf den Tisch.
„Christopher wollte, dass wir dich finden, falls er nie zurückkommt.“
Ich öffnete ihn.
Helena,
wenn du diesen Brief liest, hat mein Plan funktioniert. Richard glaubt, dass ich tot bin.
Aber wenn du die Wahrheit findest, bedeutet das, dass Richard wieder aktiv ist.
Ich las weiter.
Vertraue nicht jedem, der behauptet, auf deiner Seite zu stehen.
Darunter war eine Liste von Namen.
Richard.
Mein Vater.
Meine Mutter.
Samuel.
Und ein Name, den ich nicht kannte.
Eleanor.
Ich sah sie an.
„Warum steht dein Name hier?“
Eleanor wurde blass.
„Weil Christopher wusste, dass ich irgendwann gegen ihn arbeiten musste.“
„Was bedeutet das?“
Sie setzte sich.
„Ich war damals Richards Buchhalterin.“
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
„Du hast für Richard gearbeitet?“
„Ja.“
„Und du hast ihn verraten.“
„Als ich herausfand, was er plante.“
Sie öffnete eine alte Festplatte.
„Ich habe Kopien seiner Konten erstellt.“
„Und deshalb hat er dich verfolgt.“
Eleanor nickte.
„Aber ich wusste nicht, dass Christopher seinen Tod vortäuschen würde.“
Samuel sagte:
„Nur drei Menschen wussten davon.“
„Wer?“
„Christopher. Deine Mutter. Und ich.“
Ich sah ihn an.
„Warum hast du mich dann angelogen?“
„Weil Christopher es verlangt hat.“
„Du hättest mir sagen können, dass er vielleicht lebt!“
Samuel senkte den Kopf.
„Wenn Richard erfahren hätte, dass du es weißt, hätte er dich benutzt, um Christopher zu finden.“
Ich schwieg.
Zum ersten Mal verstand ich, wie gefährlich die Situation wirklich war.
Richard wollte nicht nur das Geld.
Er wollte die Kontrolle über alles, was Christopher aufgebaut hatte.
Und jetzt besaß ich dessen gesamtes Vermögen.
„Was wollte Richard mit der Stiftung?“
Eleanor antwortete:
„Die Stiftung besitzt nicht nur Geld.“
„Was dann?“
„Beteiligungen.“
Sie legte mehrere Dokumente vor mich.
„Christopher hat vor seinem Verschwinden Unternehmensanteile in die Stiftung übertragen.“
Ich sah die Zahlen.
Es ging um Milliarden.
„Wie viel?“
Eleanor nannte die Summe.
Mir wurde schwindelig.
„Und Richard kann darauf zugreifen?“
„Wenn er beweist, dass du nicht geschäftsfähig bist oder die Stiftung unter falschen Voraussetzungen übernommen hast.“
„Deshalb die gefälschten Dokumente.“
„Genau.“
Ich stand auf.
„Dann müssen wir sie öffentlich machen.“
Samuel schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“
„Warum?“
„Weil wir zuerst beweisen müssen, dass Richard hinter Christophers Verschwinden steckt.“
„Und wie?“
Samuel sah meine Mutter an.
Sie nickte.
„Es gibt eine Person.“
„Wer?“
„Der Arzt.“
Ich runzelte die Stirn.
„Welcher Arzt?“
„Der Arzt, der Christophers Tod bestätigt hat.“
„Er lebt?“
„Ja.“
„Wo?“
Meine Mutter nannte eine Adresse.
Wir fuhren noch am selben Tag dorthin.
Der Arzt, Dr. Keller, lebte inzwischen in einem kleinen Dorf.
Als er uns sah, wollte er die Tür schließen.
Samuel hielt sie auf.
„Wir wollen nur Antworten.“
Dr. Keller sah mich an.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Du bist seine Tochter.“
Ich schluckte.
„Sie wussten es?“
„Ja.“
„Warum haben Sie die Todesurkunde unterschrieben?“
Er zitterte.
„Weil Christopher mich darum bat.“
„Warum?“
„Weil er wusste, dass Richard ihn töten lassen würde.“
„Was ist in dieser Nacht passiert?“
Dr. Keller sah zur Straße.
„Christopher wurde vergiftet.“
Meine Mutter hielt den Atem an.
„Was?“
„Aber das Gift war nicht tödlich.“
„Wer hat es ihm gegeben?“
Der Arzt schloss die Augen.
„Dein Vater.“
Ich erstarrte.
„Mein Vater?“
„Er hatte keine Wahl.“
„Warum?“
„Richard hatte deine Mutter in seiner Gewalt.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Was hat Richard mit ihr gemacht?“
Dr. Keller sah mich direkt an.
„Er hielt sie drei Tage lang gefangen.“
Meine Hände wurden kalt.
„Und Christopher?“
„Er nahm das Gift, täuschte seinen Tod vor und verschwand.“
„Wohin?“
Der Arzt schwieg.
Dann zog er ein altes Foto aus einer Schublade.
Darauf war Christopher.
Lebendig.
Und neben ihm stand ein kleines Mädchen.
Ich starrte das Bild an.
„Wer ist das?“
Dr. Keller sagte:
„Deine Schwester.“



