TEIL3— DAS DOKUMENT, DAS JUSTIN NIEMALS SEHEN DURFTE
Die Türklinke bewegte sich.
Langsam.
Mein Herz schlug so heftig, dass ich sicher war, die Person auf der anderen Seite der Tür müsse es hören können.
Ich stand im Arbeitszimmer meines verstorbenen Arbeitgebers und hielt noch immer den Brief in den Händen.
„Helena?“
Ich erstarrte.
Es war Justins Stimme.
„Bist du da drin?“
Ich blickte auf das geöffnete Dielenbrett.
Die schwarze Metallkassette lag noch immer auf dem Boden.
Ich hatte nur wenige Sekunden.
Panisch schob ich die Kassette unter den alten Schreibtisch und legte den Brief in meine Tasche.
Dann zog ich das Dielenbrett zurück an seinen Platz.
„Helena?“
Die Tür öffnete sich.
Justin trat ein.
Er blieb stehen, als er mich sah.
Sein Blick wanderte sofort durch den Raum.
„Was machst du hier?“
Ich zwang mich zu einem ruhigen Gesichtsausdruck.
„Ich wollte ein paar persönliche Dinge holen.“
Er musterte mich misstrauisch.
„Du hast doch bereits alles mitgenommen.“
„Nicht alles.“
Justin schloss die Tür hinter sich.
„Du solltest eigentlich gar nicht mehr hier sein.“
Ich sah ihn an.
„Dann ruf die Polizei.“
Für einen Moment schien ihn meine Antwort zu überraschen.
Dann lachte er spöttisch.
„Du bist plötzlich mutig geworden.“
„Vielleicht habe ich einfach nichts mehr zu verlieren.“
Sein Lächeln verschwand.
Er ging zum Schreibtisch und strich mit den Fingern über die Oberfläche.
„Mein Vater hat dir viel zu viel Vertrauen geschenkt.“
Ich sagte nichts.
„Er hätte niemals gedacht, dass du irgendwann versuchen würdest, dich an seinem Vermögen zu bereichern.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Ich habe nie etwas von deinem Vater verlangt.“
„Aber du erwartest offenbar etwas.“
Er trat näher.
„Was hat Samuel dir erzählt?“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
Also wusste Justin bereits von dem Anruf.
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
„Nichts.“
Justin sah mich lange an.
Dann lächelte er.
„Lüg mich nicht an.“
Ich antwortete nicht.
Er ging zur Tür.
„Verlass das Haus.“
Ich blieb stehen.
„Und Helena?“
Ich drehte mich um.
„Wenn du irgendetwas findest, das dir nicht gehört, wirst du es bereuen.“
Dann verschwand er.
Ich wartete, bis seine Schritte verklungen waren.
Erst danach atmete ich wieder.
Ich kniete mich hin und zog die schwarze Kassette hervor.
Meine Hände zitterten.
Darin lagen drei Dokumente.
Das erste war eine notarielle Urkunde.
Das zweite enthielt eine Liste von Konten.
Das dritte war ein persönlicher Brief.
Ich begann zu lesen.
„Liebe Helena, wenn du diesen Brief in den Händen hältst, bedeutet das, dass Justin genau das getan hat, wovor ich dich warnen wollte.“
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
Christopher hatte gewusst, dass sein Sohn mich hinauswerfen würde.
Er hatte es vorhergesehen.
Ich las weiter.
„Ich habe dir achtzehn Jahre lang zugesehen. Du hast dich nie beschwert. Du hast nie mehr verlangt, als dir zustand. Und du hast mich nie danach beurteilt, wie viel Geld ich besaß.“
Ich presste den Brief an meine Brust.
Dann kam der Satz, der alles veränderte.
„Deshalb habe ich beschlossen, dir nicht nur Geld zu hinterlassen.“
Darunter stand:
„Ich hinterlasse dir das Herrenhaus.“
Ich starrte auf die Worte.
Nein.
Das konnte nicht wahr sein.
Das Haus war Millionen wert.
Vielleicht mehr.
Ich las weiter.
Christopher hatte das Anwesen bereits sechs Monate vor seinem Tod in eine Stiftung übertragen.
Und die Begünstigte dieser Stiftung war ich.
Nicht Justin.
Nicht irgendein Geschäftspartner.
Ich.
Doch dann entdeckte ich eine weitere Klausel.
Wenn Justin innerhalb von drei Monaten nach Christophers Tod versuchen würde, mich aus dem Haus zu entfernen oder meinen Arbeitsvertrag ohne berechtigten Grund zu kündigen, würde eine zusätzliche Vereinbarung aktiviert.
Ich las die Klausel zweimal.
Dann ein drittes Mal.
Justin hatte nicht nur einen Fehler gemacht.
Er hatte möglicherweise selbst die Bedingung ausgelöst, die Christopher vorbereitet hatte.
Ich griff nach dem Telefon und rief Samuel an.
Er nahm nach dem ersten Klingeln ab.
„Haben Sie es gefunden?“
„Ja.“
„Dann wissen Sie es jetzt.“
„Das Haus gehört mir.“
Samuel schwieg.
„Offiziell“, sagte er schließlich, „ist es etwas komplizierter.“
Mein Herz sank.
„Was bedeutet das?“
„Christopher hat Ihnen das Haus nicht einfach überschrieben.“
„Sondern?“
„Er hat Ihnen die Kontrolle über die Christopher-Holdings-Stiftung übertragen.“
Ich setzte mich.
„Was bedeutet das?“
Samuel atmete tief durch.
„Das Herrenhaus ist nur ein kleiner Teil davon.“
Ich verstand nicht.
„Wie klein?“
„Helena, Ihr ehemaliger Arbeitgeber besaß mehrere Immobilien, Aktiengesellschaften, Beteiligungen und Treuhandkonten.“
Ich sagte nichts.
„Und all diese Vermögenswerte befinden sich in derselben Stiftung.“
Mir wurde schwindelig.
„Wie viel ist das wert?“
Samuel schwieg.
Dann sagte er:
„Wir haben die endgültige Bewertung noch nicht abgeschlossen.“
„Aber?“
„Mehrere hundert Millionen Dollar.“
Ich konnte nicht sprechen.
Christopher hatte mir ein Vermögen hinterlassen.
Doch warum?
Warum ausgerechnet mir?
Samuel gab mir die Antwort.
„Weil er wollte, dass jemand die Stiftung führt, der nicht käuflich ist.“
Ich dachte an Justin.
An seine kalten Augen.
An seinen Versuch, mich loszuwerden.
„Was passiert jetzt?“
Samuel wurde ernst.
„Jetzt müssen wir verhindern, dass Justin die Stiftung übernimmt.“
„Kann er das?“
„Er versucht es bereits.“
Mein Herz schlug schneller.
„Wie?“
„Er behauptet, Ihr ehemaliger Arbeitgeber sei zum Zeitpunkt der Übertragung nicht mehr geschäftsfähig gewesen.“
Ich erstarrte.
„Das ist gelogen.“
„Das wissen wir.“
„Dann kann er damit nicht durchkommen.“
Samuel schwieg.
„Helena, es gibt noch etwas.“
„Was?“
„Christopher hat eine Videoaufnahme hinterlassen.“
Mein Atem stockte.
„Was sagt er darin?“
Samuel antwortete:
„Das müssen Sie selbst sehen.“
„Wo?“
„In seinem Arbeitszimmer.“
Ich blickte auf den alten Schreibtisch.
„Er hat die Aufnahme für den Fall vorbereitet, dass Justin versucht, seinen letzten Willen anzufechten.“
Ich stand langsam auf.
„Dann sehe ich sie mir an.“
Samuel sagte:
„Seien Sie vorsichtig.“
„Warum?“
Seine Stimme wurde leiser.
„Weil Justin nicht der Einzige ist, der versucht, an dieses Geld zu kommen.“
Ich erstarrte.
„Wer noch?“
Doch Samuel hatte bereits aufgelegt.
In diesem Moment hörte ich draußen ein Auto vorfahren.
Ich ging zum Fenster.
Ein schwarzer Wagen hielt vor dem Herrenhaus.
Ein Mann stieg aus.
Ich kannte ihn nicht.
Doch als er zum Eingang ging, sah ich, dass er einen Umschlag in der Hand hielt.
Und auf diesem Umschlag stand mein Name.
HELENA.
Ich wich vom Fenster zurück.
Denn plötzlich hatte ich das Gefühl, dass Christophers Plan viel größer war, als ich bisher verstanden hatte.



