TEIL 2 — DAS DRITTE DIELENBRETT
Ich legte auf und blieb noch lange regungslos am Küchentisch sitzen.
Das Wort meines ehemaligen Arbeitgebers ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
„Öffnen Sie das Fach unter dem dritten Dielenbrett in seinem Arbeitszimmer.“
Warum hatte Christopher mir nie davon erzählt?
Und warum hatte er ausgerechnet mich damit beauftragt?
Ich sah zu meinem Enkel Lucas.
Er schlief noch.
Sein Gesicht war friedlich, als hätte sich in unserer Welt nichts verändert.
Ich wollte nicht, dass er merkte, wie große Angst ich hatte.
Also stand ich auf, machte mir einen Kaffee und wartete, bis es draußen heller wurde.
Doch kaum war die Sonne aufgegangen, wusste ich, was ich tun musste.
Ich musste zurück in das Herrenhaus.
Nicht, um Justin um meinen Arbeitsplatz zu bitten.
Nicht, um mich zu rechtfertigen.
Sondern um herauszufinden, was Christopher mir hinterlassen hatte.
Gegen zehn Uhr fuhr ich mit meinem alten Wagen zurück.
Das Herrenhaus sah genauso aus wie immer.
Die hohen Fenster.
Das schmiedeeiserne Tor.
Die langen Steinmauern.
Aber diesmal fühlte es sich anders an.
Zum ersten Mal stand ich vor diesem Haus und wusste, dass ich hier nicht mehr willkommen war.
Ich stieg aus.
Bevor ich die Tür öffnen konnte, hörte ich eine Stimme hinter mir.
„Was wollen Sie hier?“
Ich drehte mich um.
Justin stand auf der Veranda.
Er trug einen teuren Mantel und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand.
„Ich habe etwas vergessen“, sagte ich.
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Sie haben alles bekommen, was Ihnen gehört.“
„Ich brauche nur ein paar Minuten.“
„Nein.“
Er kam die Treppe herunter.
„Sie arbeiten hier nicht mehr.“
Ich sah ihn ruhig an.
„Ich weiß.“
„Dann verschwenden Sie nicht meine Zeit.“
Seine Worte waren kalt.
Aber plötzlich bemerkte ich etwas.
Seine rechte Hand zitterte.
Nur ganz leicht.
Warum?
Wovor hatte er Angst?
„Ich möchte nur ein paar persönliche Dinge holen“, sagte ich.
Justin musterte mich.
Dann trat er zur Seite.
„Fünf Minuten.“
Ich ging hinein.
Sobald sich die schwere Tür hinter mir schloss, traf mich ein Gefühl, das ich kaum beschreiben konnte.
Ich kannte jeden Winkel dieses Hauses.
Achtzehn Jahre lang hatte ich hier gearbeitet.
Ich wusste, welche Diele im Flur knarrte.
Welche Tür klemmte.
Welches Fenster bei starkem Wind klapperte.
Und ich wusste genau, wo Christophers Arbeitszimmer lag.
Ich ging langsam dorthin.
Justin blieb im Flur stehen und beobachtete mich.
„Was suchen Sie?“
„Meine Sachen.“
Ich öffnete einen Schrank.
Dann eine Schublade.
Dabei beobachtete ich ihn aus dem Augenwinkel.
Er war nervös.
Sehr nervös.
Als ich das Arbeitszimmer betrat, folgte er mir sofort.
„Hier gibt es nichts für Sie.“
Ich lächelte schwach.
„Dann dürfte es Sie doch nicht stören, wenn ich kurz nachsehe.“
Sein Gesicht wurde noch angespannter.
Ich wusste jetzt:
Er wusste etwas.
Ich ging zum alten Schreibtisch.
Christopher hatte dort jeden Morgen gesessen.
Auf dem Tisch stand noch immer die kleine bronzene Uhr, die ich ihm vor vielen Jahren geschenkt hatte.
Ich berührte sie.
Für einen Moment fühlte es sich an, als würde er gleich hinter mir stehen.
Dann erinnerte ich mich.
Das dritte Dielenbrett.
Ich ging langsam vom Schreibtisch weg.
Eins.
Zwei.
Drei.
Ich blieb stehen.
Die Diele sah vollkommen normal aus.
Ich ging in die Hocke.
„Was machen Sie da?“, fragte Justin plötzlich.
Ich blickte auf.
„Ich suche nur etwas.“
„Stehen Sie auf.“
Seine Stimme war scharf.
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
Er hatte Angst.
Ich legte meine Hand auf das dritte Brett.
Es bewegte sich tatsächlich.
Nur ein winziger Spalt.
Mein Atem stockte.
Justin machte einen Schritt auf mich zu.
„Helena.“
Zum ersten Mal hatte ich meinen Namen so bedrohlich aus seinem Mund gehört.
Ich stand langsam auf.
„Was ist darunter?“
„Nichts.“
„Dann können Sie mich doch nachsehen lassen.“
„Nein.“
Seine Antwort kam zu schnell.
Ich sah ihn an.
Und plötzlich wusste ich, dass Samuel recht gehabt hatte.
Etwas war hier versteckt.
Etwas, das Justin niemals finden durfte.
Ich trat einen Schritt zurück.
„Ich gehe.“
Justin entspannte sich sichtbar.
Aber er hatte einen Fehler gemacht.
Denn bevor ich mich umdrehte, hatte ich die kleine Metallkante unter dem Brett gesehen.
Ein Schloss.
Am Abend rief ich Samuel erneut an.
„Ich war im Arbeitszimmer.“
„Und?“
„Das dritte Brett ist tatsächlich beweglich.“
Am anderen Ende herrschte Stille.
Dann sagte Samuel:
„Hat Justin versucht, Sie davon abzuhalten?“
„Ja.“
„Dann wissen wir jetzt, dass er von dem Fach weiß.“
„Was ist darin?“
Samuel atmete tief durch.
„Ich darf es Ihnen am Telefon nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Weil Ihr Großvater befürchtet hat, dass jemand Ihre Gespräche überwachen könnte.“
Ich setzte mich.
„Was soll das bedeuten?“
„Helena, hören Sie mir genau zu.“
Seine Stimme wurde ernst.
„Morgen früh kommen Sie in mein Büro.“
„Warum?“
„Weil ich Ihnen dort etwas zeigen werde.“
„Was?“
Er antwortete:
„Das Originaltestament von Christopher.“
Mein Herz setzte aus.
„Ich dachte, Justin wäre der Alleinerbe.“
„Das dachte Justin auch.“
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
Samuel fuhr fort:
„Aber Christopher hat sein Testament drei Monate vor seinem Tod geändert.“
„Was hat er geändert?“
Wieder diese Stille.
Dann sagte Samuel:
„Er hat das Herrenhaus nicht Justin hinterlassen.“
Ich hielt den Atem an.
„Wem dann?“
„Ihnen.“
Ich schloss die Augen.
„Nein.“
„Doch.“
„Das kann nicht sein.“
„Doch, Helena.“
Seine Stimme wurde sanfter.
„Aber das Herrenhaus ist nicht das Wichtigste.“
Mein Herz schlug schneller.
„Was dann?“
„Das Unternehmen.“
Ich sprang auf.
„Welches Unternehmen?“
Samuel sagte nur:
„Christopher besaß nicht nur das Herrenhaus.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Er besaß die Mehrheitsanteile an einer Unternehmensgruppe.“
„Und diese Anteile …?“
„Gehören nach seinem Testament Ihnen.“
Mir wurde schwindelig.
„Warum hat er mir das nie erzählt?“
„Weil er wusste, dass Sie es niemals ausgenutzt hätten.“
Ich dachte an Christopher.
An all die Jahre.
An seine ruhige Art.
An die Art, wie er immer jedem Menschen geholfen hatte, ohne darüber zu sprechen.
Dann fragte ich:
„Und Justin?“
Samuel schwieg.
„Was bekommt Justin?“
Seine Antwort war leise.
„Nichts von dem, was er glaubt.“
Ich legte auf.
Doch bevor ich mich setzen konnte, klingelte mein Telefon erneut.
Diesmal war es eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Hallo?“
Niemand antwortete.
Dann hörte ich eine männliche Stimme.
„Helena.“
Mein Blut gefror.
„Wer ist da?“
„Sie sollten aufhören, nach dem Fach unter dem Dielenbrett zu suchen.“
Ich sagte nichts.
„Christopher ist tot.“
Eine Pause.
„Sie sollten es dabei belassen.“
„Wer sind Sie?“
Die Stimme lachte leise.
„Jemand, der weiß, was in diesem Fach liegt.“
Dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Ich starrte auf mein Handy.
Meine Hände zitterten.
Doch plötzlich wusste ich etwas mit absoluter Sicherheit:
Das Geheimnis unter dem dritten Dielenbrett war gefährlicher, als ich mir jemals hätte vorstellen können.
Und wenn jemand bereit war, mich wegen eines alten Geheimfachs zu bedrohen, dann musste darin etwas liegen, das mein ganzes Leben verändern konnte.
Am nächsten Morgen würde ich Samuel treffen.
Und zum ersten Mal würde ich das Testament von Christopher mit eigenen Augen sehen.
Aber ich ahnte noch nicht, dass auf der letzten Seite des Dokuments mein Name neben einer Zahl stand, die fast unmöglich zu glauben war.



