Teil 6 – Mein Vater wartete im alten Haus
Ich fuhr allein.
Zumindest glaubte ich das.
Das alte Haus meiner Kindheit lag am Rand von Utrecht, hinter einer Reihe hoher Bäume. Seit dem Tod meines Vaters hatte niemand mehr dort gewohnt.
Meine Mutter hatte immer gesagt, sie könne diesen Ort nicht mehr betreten.
Jetzt wusste ich warum.
Als ich aus dem Wagen stieg, fiel mir sofort etwas auf.
Die Haustür war offen.
Ich blieb stehen.
Mein Vater hatte gesagt, ich solle allein kommen.
Aber ich wusste inzwischen, dass Vertrauen in meiner Familie ein gefährliches Spiel war.
Ich nahm mein Handy heraus und schickte Sanne eine Nachricht.
„Ich bin angekommen. Warte zehn Minuten. Wenn ich mich nicht melde, ruf die Polizei.“
Dann ging ich hinein.
Der Geruch traf mich sofort.
Altes Holz.
Staub.
Feuchtigkeit.
Und darunter etwas, das ich sofort erkannte.
Das Parfüm meiner Mutter.
„Thomas?“
Keine Antwort.
Ich ging durch den Flur.
An der Wand hingen noch immer die alten Familienfotos.
Ich blieb vor einem stehen.
Ich war vielleicht drei Jahre alt.
Sanne hielt mich auf dem Arm.
Mein Vater stand daneben.
Und meine Mutter lächelte.
Doch jemand hatte das Gesicht einer Person auf dem Foto mit schwarzer Tinte durchgestrichen.
Ich wischte darüber.
Darunter kam ein Name zum Vorschein.
Thomas Vermeer.
Ich hörte Schritte hinter mir.
Ich drehte mich um.
Ein Mann stand im Türrahmen.
Er war vielleicht Ende fünfzig.
Graues Haar.
Bart.
Tiefe Narben an der linken Wange.
Aber die Augen …
Ich kannte diese Augen.
Meine eigenen Augen.
„Eva.“
Ich konnte nicht sprechen.
Er sah mich an.
Dann sagte er:
„Du bist deiner Mutter ähnlicher, als du denkst.“
Ich schluckte.
„Du bist mein Vater.“
Er nickte.
„Ja.“
Ich hatte mir diesen Moment tausendmal vorgestellt.
In meinen Fantasien würde ich ihn umarmen.
Fragen stellen.
Vielleicht weinen.
Aber jetzt stand er vor mir und ich konnte nur einen Satz sagen:
„Warum hast du mich verlassen?“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Ich habe dich nie verlassen.“
„Dann warum warst du zwölf Jahre lang tot?“
„Weil ich tot sein musste.“
„Für wen?“
Er sah zum Fenster.
„Für deine Mutter.“
Ich wurde wütend.
„Alle sagen, sie wollte mich schützen.“
„Sie wollte Sanne schützen.“
Ich erstarrte.
„Nicht mich?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Dann sag mir endlich die Wahrheit.“
Er ging zu einem alten Schrank.
Dort holte er eine Metallkassette hervor.
„Das hier gehört dir.“
Ich öffnete sie.
Darin lagen Dokumente.
Fotos.
Ein alter Schlüssel.
Und eine Geburtsurkunde.
Ich nahm sie heraus.
Mein Name stand darauf.
Eva Vermeer.
Nicht de Wit.
Ich starrte auf das Papier.
„Meine Mutter hat meinen Namen geändert.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil sie wusste, dass die Familie Vermeer verfolgt wurde.“
„Von wem?“
Thomas setzte sich.
„Von Menschen, die mehr Macht hatten als wir.“
Er legte ein Foto auf den Tisch.
Darauf waren fünf Männer zu sehen.
Einer davon war Joris' Vater.
Ich erkannte ihn sofort.
„Joris' Vater?“
„Ja.“
„Was hatte er mit euch zu tun?“
Thomas antwortete:
„Er hat die Stiftung gegründet.“
„Familienhilfe Nederland.“
„Genau.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Und Joris hat sie übernommen.“
„Nachdem sein Vater gestorben war.“
„Also war alles geplant?“
„Nicht alles.“
Thomas sah mich an.
„Deine Mutter hat versucht, aus diesem System auszusteigen.“
„Aber sie hat dich verraten.“
„Ja.“
„Warum?“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Weil sie einen Deal gemacht hat.“
„Mit wem?“
„Mit Joris' Vater.“
„Was wollte er?“
Thomas sah mich lange an.
„Dich.“
Ich konnte kaum atmen.
„Mich?“
„Du warst damals noch ein Baby. Er wusste, dass du meine Tochter bist.“
„Warum wollte er mich?“
Thomas antwortete:
„Weil du der Schlüssel zu meinem Vermögen warst.“
Ich lachte ungläubig.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Dein Großvater hatte ein geheimes Konto eingerichtet. Er konnte es nur auf ein Kind übertragen, das nachweislich von mir abstammte.“
„Und das war ich.“
„Ja.“
Ich setzte mich.
„Wie viel Geld?“
„Mehr als dreißig Millionen Euro.“
Ich starrte ihn an.
Plötzlich ergaben die monatlichen Überweisungen Sinn.
„Die Stiftung.“
„Sie haben jahrelang versucht, das Geld zu finden.“
„Und Sanne?“
„Sanne war ihnen egal.“
Ich senkte den Kopf.
„Aber sie wurde trotzdem hineingezogen.“
„Weil deine Mutter sie benutzt hat.“
Ich sah ihn scharf an.
„Was meinst du damit?“
Thomas holte ein weiteres Dokument hervor.
„Sanne hat vor sechs Jahren einen Vertrag unterschrieben.“
Ich las ihn.
Es war eine Vollmacht.
Unterzeichnet von meiner Schwester.
„Sie wusste, dass sie unterschreibt?“
„Nein.“
„Wie kann das sein?“
„Joris hat sie unter Druck gesetzt.“
Ich dachte an den blauen Fleck an ihrem Handgelenk.
An ihre Angst.
Plötzlich hörte ich draußen einen Wagen.
Thomas stand sofort auf.
„Du musst gehen.“
„Nein.“
„Eva.“
„Ich will Antworten.“
„Dafür ist keine Zeit.“
Er ging zum Fenster.
„Sie sind hier.“
„Wer?“
Er sah mich an.
„Deine Mutter.“
Mein Herz schlug schneller.
Dann hörte ich die Haustür.
Meine Mutter kam herein.
Hinter ihr stand Sanne.
„Eva!“
Ich sah sie an.
„Warum bist du hier?“
Sanne sah zu Thomas.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Weil ich endlich die Wahrheit sagen muss.“
Meine Mutter schloss die Tür.
„Nein.“
Sanne drehte sich zu ihr.
„Es reicht.“
„Sanne.“
„Nein, Mama.“
Sie trat vor.
„Ich habe sechs Jahre lang geschwiegen.“
Ihre Stimme zitterte.
„Ich habe Eva angelogen. Ich habe Joris geheiratet, obwohl ich wusste, was er getan hat.“
Ich sah sie an.
„Warum?“
„Weil ich dachte, ich könnte dich schützen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Alle sagen das.“
Sanne weinte.
„Aber diesmal ist es wahr.“
Sie holte ihr Handy heraus.
„Ich habe etwas aufgenommen.“
Sie drückte auf Play.
Eine Männerstimme ertönte.
Joris.
„Wenn Eva die Wahrheit erfährt, bring sie zum Schweigen.“
Ich erstarrte.
Dann kam die Stimme meiner Mutter.
„Und wenn sie nicht schweigt?“
Joris antwortete:
„Dann wird sie denselben Unfall haben wie Willem.“
Ich sah meinen Vater an.
Er wurde blass.
„Das war nicht der Unfall.“
„Nein“, sagte Sanne.
„Es war ein Mordversuch.“
Plötzlich hörten wir draußen Reifen quietschen.
Thomas griff nach meiner Hand.
„Ihr müsst sofort verschwinden.“
Doch bevor wir uns bewegen konnten, zerbarst das Fenster.
Ein Schuss.
Dann noch einer.
Meine Mutter schrie.
Thomas riss mich zu Boden.
Sanne ging neben uns in Deckung.
Und dann hörten wir eine Stimme draußen:
„Thomas!“
Ich erkannte sie sofort.
Joris.
„Du kannst dich nicht ewig verstecken!“
Thomas sah mich an.
„Jetzt weißt du, warum ich verschwinden musste.“
Ich sah ihn an.
„Was sollen wir tun?“
Er griff nach dem alten Schlüssel aus der Metallkassette.
„Wir gehen in den Keller.“
„Warum?“
„Weil dort etwas versteckt ist, das Joris niemals finden darf.“
Wir rannten zur Kellertür.
Doch als Thomas den Schlüssel ins Schloss steckte, hörten wir Schritte hinter uns.
Meine Mutter stand dort.
Sie hielt eine Waffe.
Ich blieb stehen.
„Mama?“
Ihre Hand zitterte.
Thomas sah sie an.
„Mach es nicht.“
Sie weinte.
„Ich habe keine Wahl.“
Ich sah sie fassungslos an.
„Was willst du tun?“
Meine Mutter hob die Waffe.
Aber sie zielte nicht auf Thomas.
Sie zielte auf mich.
„Es tut mir leid, Eva.“
Dann sagte sie etwas, das ich niemals vergessen würde:
„Du bist nicht wegen des Geldes in Gefahr.“
Sie schluchzte.
„Du bist in Gefahr, weil du damals als Baby etwas gesehen hast, das du niemals hättest sehen dürfen.“
Ich erstarrte.
„Was?“
Meine Mutter senkte die Waffe.
„Du hast gesehen, wer deinen Großvater getötet hat.“
Im selben Moment ging das Licht aus.
Und aus dem Keller ertönte plötzlich ein Kinderschrei.



