TEIL 13 – DER MANN AUF DEM FOTO
Niemand sagte etwas.
Der Mann stand noch immer in der Tür.
Seine Worte hallten in meinem Kopf.
Komm allein.
Ich hob das Foto auf.
Adrian sah direkt in die Kamera.
Sein Gesicht war verletzt.
Aber er lebte.
Das war das Einzige, was zählte.
„Wo ist er?“, fragte ich.
Der Mann lächelte.
„Das weißt du.“
„Im alten Krankenhaus?“
„Morgen.“
„Warum nicht jetzt?“
„Weil du noch nicht bereit bist.“
Ich ging einen Schritt auf ihn zu.
„Du kennst mich nicht.“
„Doch.“
Er sah auf meine Hände.
„Wir kennen dich besser, als du dich selbst kennst.“
Hendrik trat zwischen uns.
„Lass sie in Ruhe.“
Der Mann lachte.
„Du hast immer noch nicht verstanden, Hendrik.“
Er zog einen Umschlag hervor.
„Es geht längst nicht mehr um dich.“
Er warf ihn auf den Tisch.
„Es geht um sie.“
Dann verschwand er.
Thomas wollte ihm folgen.
Hendrik hielt ihn zurück.
„Nein.“
„Warum?“
„Weil er genau das will.“
Mila öffnete den Umschlag.
Darin lag eine alte Geburtsurkunde.
Meine.
Aber der Name war falsch.
Eva Vermeer.
Nicht Eva de Wit.
Mila fand eine zweite.
Mila Vermeer.
Wir sahen uns an.
„Unsere ursprünglichen Namen“, sagte sie.
Hendrik nickte.
„Ja.“
Dann entdeckte ich etwas auf der Rückseite.
Eine handschriftliche Notiz.
Wenn die Mädchen getrennt werden, darf niemand erfahren, dass sie Zwillinge sind.
Darunter die Unterschrift meiner Mutter.
Ich konnte kaum atmen.
„Sie hat das unterschrieben.“
„Ja“, sagte Hendrik.
„Sie hat zugestimmt.“
„Unter Zwang.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du sagst immer, sie wollte uns schützen. Aber woher soll ich wissen, dass das stimmt?“
Hendrik schwieg.
Dann sagte er:
„Weil sie dafür gestorben ist.“
Mila erstarrte.
„Was?“
„Eure Mutter starb nicht bei einem Unfall.“
Ich sah ihn an.
„Was hast du gesagt?“
„Der Unfall wurde inszeniert.“
Die Welt schien für einen Moment stillzustehen.
Thomas senkte den Kopf.
Ich sah ihn an.
„Du wusstest davon.“
Er antwortete nicht.
„Thomas.“
„Ja.“
Meine Stimme wurde lauter.
„Du wusstest, dass meine Mutter ermordet wurde?“
„Ich wusste, dass sie verfolgt wurde.“
„Das ist nicht meine Frage.“
Thomas schloss die Augen.
„Ja.“
Ich wich zurück.
Tränen brannten in meinen Augen.
„Warum hast du mir das nie gesagt?“
„Weil ich versprochen hatte, dich zu schützen.“
„Ihr habt alle dasselbe Wort benutzt.“
Ich lachte bitter.
„Schutz.“
Mila nahm meine Hand.
„Wir müssen herausfinden, wer sie getötet hat.“
Hendrik nickte.
„Und dafür müsst ihr morgen ins Krankenhaus.“
„Warum?“
Er deutete auf die Akten.
„Weil dort die Originaldaten von Projekt 0047 gespeichert wurden.“
Thomas sah ihn erschrocken an.
„Das Archiv wurde vor zwanzig Jahren zerstört.“
„Das glaubst du.“
Hendrik öffnete einen geheimen Ordner.
Darin befand sich ein Grundriss des Krankenhauses.
Ein Raum war rot markiert.
Untergeschoss B7.
„Dort befindet sich das Originalarchiv.“
Mila sah ihn an.
„Und Adrian?“
„Er war dort.“
„Wann?“
„Vor sechs Jahren.“
Ich starrte auf die Karte.
„Warum ist er wieder dort?“
Hendrik antwortete nicht.
Ich wusste plötzlich, dass er etwas verschwieg.
„Was weißt du über Adrian?“
„Mehr als du denkst.“
„Dann sag es.“
Hendrik atmete schwer.
„Adrian ist nicht nur ein ehemaliger Mitarbeiter des Projekts.“
Ich wartete.
„Er ist dein Halbbruder.“
Die Worte trafen mich so hart, dass ich einen Schritt zurücktaumelte.
„Nein.“
Mila sah ebenfalls fassungslos aus.
„Das ist unmöglich.“
Hendrik schüttelte den Kopf.
„Euer Vater hatte eine Tochter.“
„Unsere Mutter hatte zwei Kinder.“
„Nein“, sagte Hendrik.
„Eure Mutter hatte drei.“
Stille.
Ich konnte nichts sagen.
Adrian.
Der Mann, den ich geliebt hatte.
Der Mann, von dem ich geglaubt hatte, er sei verschwunden.
Der Mann, dessen Tod mich jahrelang verfolgt hatte.
Mein Bruder.
„Wer ist seine Mutter?“, fragte Mila.
Hendrik sah mich an.
„Dieselbe Frau.“
Ich spürte, wie mir die Luft wegblieb.
„Unsere Mutter.“
„Ja.“
„Dann warum hat sie uns nie von ihm erzählt?“
„Weil Adrian selbst Teil des Projekts war.“
Ich setzte mich.
Mein Kopf schmerzte.
„Was wurde mit ihm gemacht?“
Hendrik antwortete:
„Er war das erste erfolgreiche Subjekt.“
Mila flüsterte:
„Und wir?“
„Ihr wart die zweite Generation.“
Ich sah auf den Bildschirm.
Phase Zwei.
Plötzlich verstand ich.
Die genetischen Daten.
Die Trennung.
Die Stiftung.
Adrian.
Mila.
Mich.
Alles gehörte zu demselben Plan.
„Was soll morgen passieren?“
Hendrik sah mich ernst an.
„Ihr müsst entscheiden, ob ihr Phase Zwei beendet.“
„Und wenn wir Nein sagen?“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Dann wird Adrian sterben.“
Ich stand auf.
„Dann gehen wir.“
Mila nickte.
Thomas trat näher.
„Ihr geht nicht allein.“
Ich sah ihn an.
„Doch.“
„Eva—“
„Nein.“
Ich legte das Foto von Adrian auf den Tisch.
„Diesmal entscheidet niemand für mich.“
Draußen begann es zu regnen.
Und irgendwo in Amsterdam wartete ein Mann darauf, dass zwei Schwestern endlich die Tür öffneten, hinter der die Wahrheit über ihre Geburt verborgen lag.



