Teil 10 – Die Wahrheit über unsere Geburt
„Genetisch verändert?“
Ich wiederholte die Worte, aber sie klangen nicht wie eine Sprache, die ich verstand.
Dr. van Dijk sah mich an.
„Nicht so, wie du denkst.“
„Dann erklär es mir.“
Er schwieg.
Joris hob seine Waffe.
„Das reicht.“
„Nein“, sagte ich. „Jetzt reicht es nicht mehr.“
Ich trat einen Schritt nach vorn.
„Neunundzwanzig Jahre lang haben alle über mein Leben entschieden. Meine Mutter. Willem. Thomas. Du. Dieser Arzt.“
Ich sah Mila an.
„Und niemand hat uns die Wahrheit gesagt.“
Mila weinte.
„Ich wusste selbst nicht alles.“
„Was weißt du?“
Sie sah zu Dr. van Dijk.
„Dass wir nach unserer Geburt getrennt wurden.“
„Warum?“
„Weil unser Großvater wollte, dass wir verschiedene Leben führen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Aber warum?“
Dr. van Dijk antwortete schließlich:
„Weil eure genetischen Daten für ihn wertvoll waren.“
Mir wurde schlecht.
„Wir waren Kinder.“
„Ja.“
„Wir waren Menschen.“
„Das weiß ich.“
„Dann warum?“
Er senkte den Kopf.
„Weil ich feige war.“
Joris lachte.
„Jetzt spielt er plötzlich den reuigen Arzt.“
Dr. van Dijk ignorierte ihn.
„Eure Großmutter hatte Zugang zu einem privaten Forschungsprogramm. Sie ließ bei euch Blut- und DNA-Tests durchführen. Nicht, um euch zu verändern, sondern um bestimmte genetische Merkmale zu dokumentieren.“
„Welche Merkmale?“
„Eine seltene Kombination.“
Mila trat näher.
„Und was hat das mit dem Geld zu tun?“
Dr. van Dijk sah sie an.
„Alles.“
Er erklärte, dass unser Großvater sein Vermögen in eine Stiftung eingebracht hatte. Doch die eigentliche Kontrolle über das Vermögen war an eine biologische Bedingung geknüpft.
Nur ein direkter Nachkomme konnte darauf zugreifen.
Und weil es zwei Nachkommen gab, hatte er die Kontrolle geteilt.
Zwischen Mila und mir.
„Deshalb wurden wir getrennt“, sagte ich.
Dr. van Dijk nickte.
„Euer Großvater wollte verhindern, dass ihr jemals gemeinsam herausfindet, was euch gehört.“
Ich sah Willem an.
„Du wusstest davon.“
Er schwieg.
„Du hast mich all die Jahre beobachtet.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich sicherstellen musste, dass du sicher bist.“
Ich lachte bitter.
„Sicher? Du hast mich mein ganzes Leben lang belogen.“
„Weil deine Mutter einen Fehler gemacht hatte.“
„Welchen?“
Willem sah zu meiner Mutter, die nicht hier war.
„Sie wollte dich retten. Aber dabei gab sie dich den falschen Menschen.“
Ich verstand nicht.
„Welche Menschen?“
„Der Familie Vermeer.“
Ich sah Thomas an.
„Was bedeutet das?“
Thomas trat vor.
„Ich habe dich aufgenommen, weil ich dich schützen wollte.“
„Aber du bist nicht mein Vater.“
„Nein.“
Er sah mich mit Tränen in den Augen an.
„Aber ich war dein Vater in jeder Hinsicht, die für mich wichtig war.“
Diese Worte trafen mich.
Ich wollte wütend bleiben.
Aber ich konnte nicht.
Thomas hatte mich groß werden sehen.
Er hatte meine ersten Schritte erlebt.
Meine Schulabschlüsse.
Meine Ängste.
Meine Fehler.
Vielleicht war Blut nicht die einzige Wahrheit.
Doch dann erinnerte ich mich an Mila.
Sie hatte dasselbe Recht auf eine Familie gehabt.
Und man hatte ihr dieses Recht genommen.
„Warum wurde Mila zu einer Vermeer?“
Dr. van Dijk antwortete:
„Damit niemand nach ihr sucht.“
„Und warum bekam ich den Namen de Wit?“
„Weil Willem wollte, dass du in seiner Nähe bleibst.“
Ich sah Willem an.
„Du hast mich absichtlich in deine Familie gebracht.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich dich nicht verlieren wollte.“
Joris unterbrach uns.
„Genug.“
Er ging auf mich zu.
„Das Buch.“
Ich hielt es fester.
„Nein.“
„Dann stirbt Mila.“
Mila schrie:
„Eva, gib es ihm nicht!“
Joris richtete die Waffe auf sie.
Ich sah sie an.
Dann das Buch.
Dann Thomas.
„Wenn ich es dir gebe, lässt du sie gehen?“
Joris lächelte.
„Natürlich.“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Eva, glaub ihm nicht.“
Ich wusste, dass er recht hatte.
Aber ich konnte Mila nicht sterben lassen.
Ich warf das Buch auf den Boden.
Joris hob es auf.
Er blätterte darin.
Dann wurde sein Gesicht plötzlich blass.
„Was …?“
„Was ist?“, fragte ich.
Er blätterte schneller.
„Die letzte Seite fehlt.“
Ich lächelte zum ersten Mal.
„Nein.“
Ich zog ein gefaltetes Blatt aus meiner Jackentasche.
„Sie ist bei mir.“
Joris hob die Waffe.
„Gib sie her.“
„Komm und hol sie.“
Er machte einen Schritt.
Dann ertönte hinter ihm eine Stimme.
„Leg die Waffe nieder.“
Polizisten kamen aus den dunklen Containergassen.
Joris drehte sich um.
Thomas hatte sie gerufen.
„Du hast die Polizei informiert“, sagte ich.
Thomas nickte.
„Bevor wir hergekommen sind.“
Joris ließ die Waffe fallen.
Dr. van Dijk hob die Hände.
Willem stand regungslos da.
Und Mila fiel mir in die Arme.
Ich hielt meine Schwester fest.
Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich, wie es sich anfühlte, jemanden zu umarmen, den ich hätte kennen sollen.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
Mila weinte.
„Du kannst nichts dafür.“
Hinter uns wurden Handschellen angelegt.
Joris wurde abgeführt.
Dr. van Dijk ebenfalls.
Willem stand noch immer da.
Ein Polizist kam auf ihn zu.
„Herr de Wit, Sie müssen mitkommen.“
Willem nickte.
Doch bevor er ging, sah er mich an.
„Eva.“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Es gibt noch etwas, das du wissen musst.“
Ich wartete.
„Deine Mutter hat dich nicht nur vor mir geschützt.“
Mein Herz schlug schneller.
„Vor wem dann?“
Willem sah zu Mila.
„Vor eurem Großvater.“
Ich erstarrte.
„Er lebt noch.“
„Wo?“
Willem antwortete:
„Er ist seit Jahren im Ausland.“
„Warum hast du ihn nie gefunden?“
Er sah mich ernst an.
„Weil wir dachten, er sei tot.“
Ich schluckte.
„Und jetzt?“
Willem sagte:
„Vor drei Tagen hat er eine Nachricht geschickt.“
Er nahm einen kleinen Umschlag aus seiner Tasche.
Darauf stand nur:
Für Eva und Mila.
Ich öffnete ihn.
Eine einzige Zeile.
„Ihr habt endlich angefangen, die richtigen Fragen zu stellen.“
Darunter eine Adresse.
Amsterdam.
Und ein Datum.
Morgen.
Mila sah mich an.
„Was machen wir?“
Ich faltete den Brief zusammen.
Zum ersten Mal seit neunundzwanzig Jahren würde ich nicht weglaufen.
Ich würde die Wahrheit suchen.
Doch als wir den Hafen verließen, bemerkte ich etwas auf der Rückseite des Briefes.
Ein kleines Symbol.
Ein Kreis mit drei Linien.
Ich kannte es.
Es war auf der ersten Seite der alten Akte gewesen.
Und darunter stand:
Projekt 0047 – Phase Zwei.
Mir wurde eiskalt.
Denn plötzlich war mir klar:
Die Geschichte meiner Familie war nicht vor neunundzwanzig Jahren begonnen.
Sie hatte dort nur ihren ersten Versuch gemacht.
Und morgen würde ich erfahren, warum mein Großvater all diese Jahre darauf gewartet hatte, dass Mila und ich uns endlich wiederfinden.



