MEINE SCHWESTER ZERSTÖRTE MEIN LEBEN, NACHDEM ICH IHR GEHEIMNIS ENTDECKTE
News Story

MEINE SCHWESTER ZERSTÖRTE MEIN LEBEN, NACHDEM ICH IHR GEHEIMNIS ENTDECKTE

0 Aufrufe

TEIL 11 – DIE ADRESSE IN AMSTERDAM

Ich schlief in dieser Nacht keine einzige Minute.

Immer wieder nahm ich den Umschlag aus meiner Tasche und betrachtete die Adresse.

Amsterdam. Morgen.

Darunter das Symbol.

Ein Kreis mit drei Linien.

Und die Worte:

Projekt 0047 – Phase Zwei.

Mila saß mir gegenüber am Küchentisch. Auch sie hatte den Blick seit Stunden nicht von dem kleinen Blatt Papier genommen.

„Glaubst du, er lebt wirklich?“, fragte sie leise.

Ich antwortete nicht sofort.

Unser Großvater.

Der Mann, von dem wir neunundzwanzig Jahre lang geglaubt hatten, er sei tot.

Der Mann, dessen Entscheidungen unsere gesamten Leben zerstört und gleichzeitig miteinander verbunden hatten.

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll“, sagte ich schließlich.

Mila verschränkte die Arme.

„Vielleicht ist die Nachricht eine Falle.“

„Das habe ich auch gedacht.“

„Und trotzdem willst du hingehen.“

Ich sah sie an.

„Ja.“

Sie seufzte.

„Dann komme ich mit.“

„Mila, das könnte gefährlich sein.“

„Eva, wir haben gerade erfahren, dass unsere Familie uns nach unserer Geburt getrennt hat. Wir haben einen Mann getroffen, der uns seit Jahren überwachen ließ. Wir haben erfahren, dass unser Großvater offenbar ein geheimes Forschungsprojekt finanziert hat.“

Sie beugte sich vor.

„Wenn wir jetzt getrennt bleiben, machen sie es wieder.“

Ihre Worte trafen mich.

Sie hatte recht.

Zum ersten Mal seit unserer Begegnung fühlte ich, dass ich nicht allein entscheiden musste.

Wir würden gemeinsam gehen.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Amsterdam.

Thomas wollte uns begleiten.

Ich hatte lange darüber nachgedacht, ob ich ihn überhaupt noch in meinem Leben haben wollte.

Er hatte mich nicht biologisch gezeugt.

Aber er hatte mich großgezogen.

Er hatte mich als Kind getröstet, wenn ich krank war.

Er war bei meinen Schulaufführungen gewesen.

Er hatte mir beigebracht, Fahrrad zu fahren.

Und er hatte mich geliebt.

Vielleicht war das nicht weniger wert als Blut.

„Du musst nicht mitkommen“, sagte ich zu ihm, als wir im Auto saßen.

Thomas sah mich über den Rückspiegel an.

„Doch.“

„Warum?“

Er schwieg einige Sekunden.

„Weil ich zu lange geschwiegen habe.“

Mila saß neben mir.

„Was weißt du wirklich über unseren Großvater?“

Thomas atmete tief ein.

„Mehr, als ich euch bisher gesagt habe.“

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.

„Dann fang an.“

„Euer Großvater hieß Hendrik Vermeer.“

Mila erstarrte.

„Vermeer?“

Thomas nickte.

„Ja.“

Ich sah sie an.

„Deshalb unsere Namen.“

„Ihr seid nicht zufällig bei der Familie Vermeer gelandet“, sagte Thomas. „Sie gehörten ursprünglich zu seinem engsten Kreis.“

„Und du?“

„Ich war damals sein Anwalt.“

Stille.

Ich starrte aus dem Fenster.

Amsterdam zog an uns vorbei.

Kanäle.

Fahrräder.

Menschen, die ihren normalen Alltag lebten.

Niemand dort wusste, dass wir gerade auf dem Weg zu einem Mann waren, der möglicherweise unser ganzes Leben geplant hatte.

Nach etwa vierzig Minuten hielt Thomas vor einem alten Gebäude am Wasser.

Die Adresse auf dem Umschlag stimmte.

Es war ein ehemaliges Lagerhaus.

Die Fenster waren dunkel.

Die Tür stand offen.

Mila griff nach meiner Hand.

Wir gingen hinein.

Im Erdgeschoss war niemand.

Nur Staub.

Alte Regale.

Und an der Wand dasselbe Symbol.

Der Kreis mit drei Linien.

„Projekt 0047“, flüsterte ich.

Hinter uns fiel plötzlich die Tür ins Schloss.

Ich drehte mich um.

Thomas war blass geworden.

„Das war nicht der Wind.“

Dann hörten wir Schritte.

Langsam.

Ruhig.

Jemand kam die Treppe herunter.

Ein älterer Mann erschien.

Graues Haar.

Dunkler Mantel.

Ein schmaler Gehstock.

Aber seine Augen waren erstaunlich klar.

Er blieb auf halber Höhe stehen.

Dann sah er zuerst Mila an.

Danach mich.

Und lächelte.

„Ihr seid größer geworden, als ich erwartet hatte.“

Mila wich zurück.

Ich konnte keinen Ton sagen.

Der Mann kam näher.

„Eva.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

„Woher kennen Sie meinen Namen?“

Er sah mich lange an.

„Weil ich ihn gewählt habe.“

Thomas trat vor.

„Hendrik.“

Der alte Mann sah ihn an.

„Thomas.“

„Du solltest tot sein.“

Hendrik lächelte schwach.

„Das war der Sinn.“

Mila schüttelte den Kopf.

„Warum hast du uns getrennt?“

Sein Gesicht wurde ernst.

„Weil ich damals glaubte, dass ich euch damit retten würde.“

„Du hast unser Leben zerstört!“

„Ich weiß.“

„Du hast uns einander weggenommen!“

„Ich weiß.“

Ihre Stimme brach.

„Dann warum?“

Hendrik ging zu einem alten Tisch.

Er legte eine schwarze Mappe darauf.

„Weil Projekt 0047 niemals ein Forschungsprojekt war.“

Ich sah ihn an.

„Was war es dann?“

Er öffnete die Mappe.

Darin lagen Fotos.

Blutanalysen.

Geburtsurkunden.

Und ein Bild von zwei Babys.

Mila und ich.

Doch darunter stand etwas, das mir den Atem nahm.

Subjekt A – Eva.

Subjekt B – Mila.

Und daneben:

Phase Zwei beginnt erst, wenn beide Subjekte wieder vereint sind.

Ich hob den Kopf.

„Was bedeutet das?“

Hendrik sah uns an.

„Dass ihr beide nicht das Ergebnis des Projekts seid.“

Er machte eine Pause.

„Ihr seid der Schlüssel.“

Plötzlich hörten wir draußen ein Auto.

Dann zwei weitere.

Hendrik schloss die Mappe.

„Wir haben nicht viel Zeit.“

Thomas trat näher.

„Wer kommt?“

Hendrik sah zur Tür.

„Die Menschen, vor denen ich euch all die Jahre versteckt habe.“

Und dann gingen draußen die ersten Scheinwerfer an.