Der Fahrstuhl in die Ungewissheit
News Story

Der Fahrstuhl in die Ungewissheit

0 Aufrufe

Teil 7: Die Fahrt an den See

Die Fahrt an den Starnberger See glich einer Prozession zur Hinrichtung. Der graue Oktoberhimmel schien fast auf die nasse Asphaltdecke der Autobahn zu drücken. Kommissar Brandner saß am Steuer des zivilen Polizeiwagens, während Julian auf dem Beifahrersitz stumm aus dem Fenster starrte, die Hände in den Schoß gekrampft. Katharina saß auf der Rückbank, das Herz schwer wie Blei, während ihre Gedanken zwischen der kleinen, verlassenen Hütte am See und dem Krankenhauszimmer im Sankt-Anna-Hospital hin und her wanderten.

Elena hatte ihnen die genaue Adresse genannt – ein altes, eingeschossiges Fischerhaus, versteckt hinter einer dichten Hecke aus alten Kiefern, nur wenige Meter vom grauen, schimmernden Wasser des Sees entfernt. Als der Wagen auf den schotterten Hof einbog, knirschten die Steine laut in der Stille. Kein Licht brannte im Haus. Die Fensterläden waren halb geschlossen, als schliefe das Gebäude selbst noch den Schlaf der Ungewissheit.

Kommissar Brandner zog die Handbremse an und wandte sich nach hinten. „Wir gehen gemeinsam hinein. Keine Hektik. Frau Radek hat uns versichert, dass ihre Schwester kooperieren wird, wenn wir die Papiere vorlegen.“ Sie stiegen aus. Die feuchte, kalte Luft schlug ihnen entgegen, vermischt mit dem herben Geruch von nassem Holz und dem weiten, grauen Wasser.

Katharina folgte den Schritten des Kommissars über den unebenen Boden. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch zähen Schlamm waten. Kommissar Brandner klopfte dreimal an die schwere Holztür. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis drinnen ein leises Scharren zu hören war. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Eine Frau Anfang fünfzig, mit grauem Haar und einem Gesicht, das von Sorge und Angst gezeichnet war, spähte heraus.

Sie hielt ein Bündel in den Armen. Ein winziges Bündel, eingehüllt in eine hellblaue Wolldecke. Katharina hielt den Atem an. Ein unbeschreiblicher Sog zog sie nach vorn. Ohne auf den Kommissar zu warten, trat sie einen Schritt näher. „Ich... ich bin Katharina Wagner“ stieß sie hervor, und ihre Stimme überschlug sich fast vor Tränen. „Das... das ist mein Kind.“ Die Frau an der Tür – Elenas Schwester Marta – sah sie mit großen, verängstigten Augen an.

Sie blickte kurz zu Kommissar Brandner, der ihr den offiziellen Durchsuchungs- und Rückführungsbefehl zeigte. Langsam, mit zitternden Händen, öffnete Marta die Tür ganz. „Sie... sie hat die ganze Nacht geweint“ flüsterte Marta, und eine Träne lief über ihre Wange. „Sie hat nach ihrer Mutter gerufen. Ich wusste, dass das nicht gut ausgehen würde...“ Katharina trat über die Schwelle.

Sie streckte die Arme aus. Und als Marta ihr das kleine Bündel in die Arme legte, als sie das winzige Gesicht sah – ein Gesicht, das so unglaublich vertraut und doch neu war, mit denselben dunklen Augen wie Julians –, brach alle Damm in ihr zusammen. Sie hielt ihr Kind. Ihr echtes Fleisch und Blut. Julian trat von hinten heran, legte die Arme um sie beide, und zum ersten Mal seit Tagen weinten sie gemeinsam – nicht aus Angst, sondern aus der schmerzhaften, überwältigenden Gewissheit, dass sie einander gefunden hatten.