Der Fahrstuhl in die Ungewissheit
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Der Fahrstuhl in die Ungewissheit

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Teil 3: Der Schatten der Vergangenheit

Die Stunden bis zum Eintreffen von Julian fühlten sich an wie ein schmerzhafter Zustand der Schwerelosigkeit. Katharina saß wie unter Strom auf dem Stuhl neben dem Bett, die Hände fest ineinander verschränkt, den Blick starr auf die geschlossene Zimmertür gerichtet. Jedes Mal, wenn draußen auf dem Flur Schritte erklangen, zuckte sie zusammen, in der Hoffnung, aber auch in tödlicher Angst vor dem, was kommen würde.

Als die Tür schließlich aufging, trat nicht Julian ein, sondern zwei Kriminalbeamte in zivil, gefolgt von einem hastig atmenden, blassen Julian. Seine Augen waren gerötet, das Hemd halb ausgeknöpft, als sei er direkt aus dem Auto gerannt, ohne auf sein Äußeres zu achten. „Katharina!“ rief er und stürzte auf sie zu. Er wollte sie in die Arme schließen, doch sie wich zurück, als trage er eine ansteckende Krankheit. „Julian...“ Ihre Stimme zitterte unkontrolliert. „Hast du es gehört?

Weißt du, was hier passiert ist?“ Julian nickte langsam, und die Tränen standen ihm in den Augen. Er sah aus, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. „Die Polizei... sie haben mich auf dem Parkplatz abgefangen. Sie haben mir die Dokumente gezeigt. Katharina, wie konnte das passieren? Wie konnte dieses Kind...“ Er brach ab und blickte in das Beistellbettchen, in dem das kleine Mädchen friedlich schlief, völlig unbeeindruckt von dem Orkan, der über ihrem Leben tobte.

Einer der Kriminalbeamten, ein älterer Mann mit grauem Haar und einem melancholischen Zug um den Mund, der sich als Kommissar Brandner vorstellte, trat näher. Er zog einen Notizblock hervor, schlug ihn auf und blickte die beiden an. „Herr und Frau Wagner, ich weiß, dass dieser Schock unbeschreiblich ist. Aber wir müssen die Fakten klären, und zwar schnell.

Frau Radek kooperiert bisher nicht. Sie schweigt, seit sie heute Morgen in Gewahrsam genommen wurde. Sie fordert nur eines: sie will ihr Kind sehen. Oder besser gesagt – das Kind, das sie für das ihre hält.“ „Das ist mein Kind!“ rief Katharina, und der Schmerz in ihrer Brust entlud sich in einem wütenden Schluchzen. „Ich habe sie vier Tage lang gestillt!

Ich habe sie im Arm gehalten! Egal, was ein DNA-Test sagt – sie gehört zu mir!“ „Frau Wagner, ich verstehe das vollkommen“ sagte Kommissar Brandner mit ruhiger, fast beschwichtigender Stimme. „Aber die wissenschaftlichen Beweise sind eindeutig. Die Frage ist nicht ob ein Austausch stattgefunden hat, sondern wann und wie . Und vor allem: War es wirklich ein Versehen im Kreißsaal, oder steckt System dahinter?“ Julian trat neben seine Frau, legte ihr zögernd eine Hand auf die Schulter.

Seine Berührung fühlte sich fremd an, fast wie die eines Fremden. „Katharina... erinnerst du dich an die Nacht der Geburt? Du warst nach dem Kaiserschnitt stundenlang im Aufwachraum. Ich war kurz draußen, um Kaffee zu holen. Als ich wiederkam, schliefst du, und die Schwester brachte das Baby.“ Katharina fror das Blut in den Adern. Sie erinnerte sich.

Der Nebel der Narkose, das dumpfe Summen der Monitore, die Müdigkeit, die sie wie eine bleierne Decke erdrückt hatte. Damals hatte sie sich nichts dabei gedacht. Es war ein modernes Krankenhaus, ein sicherer Ort. Aber jetzt... jetzt schien jede Erinnerung an jene Nacht wie ein mit Gift getränktes Rätsel. „Glauben Sie... glauben Sie, dass das Absicht war?“ flüsterte Julian und blickte den Kommissar an. „Glauben Sie, dass jemand die Babys absichtlich vertauscht hat?“ Kommissar Brandner schloss den Notizblock und steckte ihn langsam ein. „Das ist genau das, was wir jetzt herausfinden müssen. Und um das zu tun, Herr Wagner, müssen wir dorthin zurückgehen, wo alles seinen Anfang nahm: in den Kreißsaal des Sankt-Anna-Hospitals.“