Teil 5: Das Verhör im Präsidium
Das Polizeipräsidium im Zentrum von München roch nach kaltem Kaffee, verbrauchter Luft und dem metallenen Staub von alten Aktenregalen. Katharina saß in einem kühlen, fensterlosen Verhörraum, beleuchtet von einer summenden Deckenlampe. Vor ihr stand ein Becher mit lauwarmem Wasser, den sie nicht anrührte. Julian saß neben ihr, seine Hand suchte die ihre, doch ihre Finger blieben starr und kalt wie Eis.
Die schwere Metalltür öffnete sich. Kommissar Brandner trat ein, gefolgt von einer Frau in einem viel zu großen, grauen Trainingsanzug. Es war Elena Radek. Aus der Nähe wirkte sie noch zerbrechlicher als in jener Nacht im Fahrstuhl. Ihr Gesicht war eingefallen, die Wangenknochen traten scharf hervor, und ihre Augen schienen tief in ihren Höhlen zu liegen.
Doch als ihr Blick auf Katharina fiel, wogte in diesen Augen kein Hass und keine Wut auf – nur eine erschreckende, bodenlose Leere, die von einer jahrzehntelangen Verzweiflung genährt wurde. Elena setzte sich langsam auf den Stuhl gegenüber. Sie legte die schmalen Hände flach auf den Tisch, die Handgelenke noch leicht gerötet von den Handschellen, die man ihr kurz zuvor abgenommen hatte. „Sie sind also die andere Mutter“ sagte Elena, und ihre Stimme klang überraschend klar, fast musikalisch, wenn auch von einer unendlichen Müdigkeit durchzogen.
Katharina lehnte sich vor, die Zähne aufeinandergepresst. „Wo ist mein Kind, Frau Radek? Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht? Wenn Sie auch nur einen Hauch von Anstand in sich tragen, dann sagen Sie mir sofort, wo sie ist!“ Elena zuckte nicht einmal zusammen. Sie blickte Katharina ruhig an, beinahe mitleidig. „Ihr Kind ist dort, wo es sicher ist.
Bei den Menschen, die es lieben können, ohne dass sie eine Vergangenheit mit sich herumschleppen, die schwerer wiegt als Blei.“ „Das ist kein Argument!“ schaltete sich Julian ein, seine Stimme überschlug sich vor Zorn. „Das ist unsere Tochter! Sie haben sie gestohlen! Sie haben die Bänder vertauscht!“ „Gestohlen?“ Ein bitteres, fast schmerzhaftes Lächeln huschte über Elenas blasses Gesicht. „Glauben Sie wirklich, Herr Wagner, dass das eine spontane Tat aus Habgier oder Wahnsinn war?
Glauben Sie, dass man so etwas aus Langeweile tut?“ Sie lehnte sich langsam nach vorn, und die Intensität ihres Blicks fesselte Katharina wie ein unsichtbares Seil. „Vor fünf Jahren wurde mir im Klinikum Schwabing mein erstes Kind weggenommen. Man sagte mir, es sei tot. Aber ich habe das Weinen gehört, Herr Wagner. Ich habe das kleine Herz schlagen hören, bevor man mir das Bündel aus den Armen riss.
Man sagte mir damals: Ihr Kind gehört zu einer besseren Familie. Einer Familie, die es sich leisten kann. “ Katharinas Atem stockte. Sie starrte Elena an, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. „Was... was reden Sie da für einen Unsinn? Das klingt nach einer Verschwörungstheorie...“ „Keine Verschwörung, Frau Wagner. Ein System“ erwiderte Elena eiskalt. „Ein Netzwerk von Ärzten, Vermittlern und verzweifelten Eltern, die bereit waren, Zehntausende Euro zu zahlen, um ein gesundes Kind zu bekommen.
Und wissen Sie, wer damals die Papiere unterschrieben hat? Wer die Zustimmung gab, dass mein Kind in eine ‚bessere Zukunft‘ vermittelt wurde?“ Elena nannte einen Namen. Einen Namen, der Katharina das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war der Name von Julians Vater. Einem Mann, der vor drei Jahren verstorben war – angesehen, reich und als Wohltäter des Sankt-Anna-Hospitals gefeiert.


