TEIL 7 — DER MANN IM KRANKENHAUSBETT
Ich starrte auf das Foto.
Immer wieder.
Daniel.
Lebendig.
Nicht irgendwo weit entfernt.
Nicht tot.
Nicht verschwunden.
Lebendig.
In einem Krankenhausbett.
Und neben ihm stand Michael.
Mein Onkel.
Der Mann, von dem mein Vater gerade behauptet hatte, er habe Daniel ein Verbrechen angehängt.
Meine Hände wurden kalt.
„Das kann nicht sein“, flüsterte ich.
Eleanor sagte nichts.
Mein Vater wich meinem Blick aus.
Ich zeigte auf das Foto.
„Wann wurde dieses Bild aufgenommen?“
Niemand antwortete.
Ich sah wieder auf den Zeitstempel.
Drei Tage.
Vor drei Tagen hatte ich noch geglaubt, dass mein ganzes Leben auf einer einzigen Lüge aufgebaut worden war.
Jetzt wusste ich nicht einmal mehr, welche Lüge ich zuerst auseinandernehmen sollte.
Ich wählte die Nummer, von der die Nachricht gekommen war.
Einmal.
Zweimal.
Kein Anschluss.
Ich schrieb:
Wer sind Sie?
Keine Antwort.
Dann:
Wo ist dieses Krankenhaus?
Wieder nichts.
Ich sah Eleanor an.
„Du kennst ihn.“
Sie schluckte.
„Wen?“
„Daniel.“
Ihre Augen verrieten sie.
„Du weißt, wo er ist.“
„Ja.“
Mein Vater trat sofort dazwischen.
„Du solltest nicht dorthin gehen.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Warum?“
„Weil es gefährlich ist.“
Ich lachte bitter.
„Für wen? Für mich? Oder für euch?“
Er sagte nichts.
Ich ging zum Schreibtisch, nahm meinen Mantel und steckte das Foto in meine Tasche.
„Ich fahre zu ihm.“
„Nein.“
Die Stimme meines Vaters war plötzlich so hart, dass ich stehen blieb.
„Du verstehst nicht, worauf du dich einlässt.“
„Dann erklär es mir.“
Er schwieg.
„Du hast mein ganzes Leben lang entschieden, was ich wissen darf.“
Ich trat näher.
„Das ist vorbei.“
Eleanor stellte sich zwischen uns.
„Lass sie gehen.“
Mein Vater sah sie wütend an.
„Du weißt nicht, was passieren wird.“
„Doch“, sagte Eleanor leise.
„Ich weiß, was passiert, wenn wir weiterhin schweigen.“
Sie sah mich an.
„Ich komme mit.“
Eine Stunde später saßen wir in ihrem Wagen.
Während der Fahrt sprach keiner von uns.
Der Himmel war grau.
Regen zog über die Windschutzscheibe.
Ich hielt das Foto in der Hand.
Immer wieder betrachtete ich Michaels Gesicht.
Er stand neben Daniels Bett.
Nicht wie ein Feind.
Nicht wie ein Täter.
Er sah aus wie jemand, der seit Jahren eine Last trug, die ihn langsam zerstörte.
„Warum hat Michael mich nie zu Daniel gebracht?“, fragte ich.
Eleanor hielt den Blick auf der Straße.
„Weil er glaubte, dass du sonst sterben könntest.“
Ich drehte mich zu ihr.
„Was bedeutet das?“
„Michael wusste, dass jemand euch beobachtete.“
„Wer?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Du hast gerade gesagt, dass du es weißt.“
„Ich weiß, dass Michael Angst hatte. Aber er hat mir nie den Namen genannt.“
Ich schwieg.
Dann fragte ich:
„Was ist damals wirklich passiert?“
Eleanor atmete tief ein.
„Daniel hatte Beweise gegen jemanden.“
„Gegen wen?“
„Gegen einen Mann, der deiner Mutter sehr nahe stand.“
Mein Herz schlug schneller.
„Wer?“
Sie sah mich kurz an.
„Dein Großvater.“
Ich erstarrte.
„Mein Großvater ist seit zwölf Jahren tot.“
„Das weiß ich.“
„Dann kann er nichts getan haben.“
Eleanor schwieg.
„Er hat etwas getan“, sagte sie schließlich. „Aber nicht allein.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Mit wem?“
Sie antwortete nicht.
Das Krankenhaus kam in Sicht.
Ein modernes Gebäude am Stadtrand.
Wir parkten.
Ich sprang aus dem Wagen.
Doch bevor ich die Eingangstür erreichte, vibrierte mein Telefon.
Eine neue Nachricht.
Geh nicht hinein.
Ich blieb stehen.
Dann kam eine zweite Nachricht.
Sie wissen, dass du kommst.
Ich sah Eleanor an.
„Wer schreibt mir?“
Sie wurde blass.
„Zeig es mir.“
Ich hielt ihr das Telefon hin.
Sie las die Nachrichten.
Dann sah sie zum Krankenhaus.
„Wir sind zu spät.“
„Warum?“
„Weil jemand Daniel gefunden hat.“
Plötzlich öffneten sich die automatischen Türen.
Ein Mann kam heraus.
Er trug einen dunklen Mantel.
Er blieb stehen.
Und sah direkt zu uns.
Eleanor griff nach meinem Arm.
„Nicht bewegen.“
Der Mann nahm sein Telefon heraus.
Mein Herz raste.
Dann sagte Eleanor:
„Das ist Michaels Sohn.“
Ich starrte ihn an.
„Michael hat einen Sohn?“
Sie nickte.
„Und wenn er hier ist …“
Sie brach ab.
„Dann ist Daniel nicht mehr sicher.“
* * *



