TEIL 10 — DANIEL
Der See lag außerhalb der Stadt.
Dunkel.
Still.
Der Regen hatte aufgehört.
Nur Nebel lag über dem Wasser.
Ich stieg aus dem Auto.
Eleanor war hinter mir.
„Bleib hier.“
„Nein.“
„Eleanor.“
Sie griff nach meiner Hand.
„Wenn etwas passiert, rufe ich die Polizei.“
Ich nickte.
Dann ging ich allein weiter.
Am Ufer stand ein Mann.
Sein Rücken war mir zugewandt.
Graue Haare.
Ein langer Mantel.
Ich blieb stehen.
„Daniel?“
Der Mann drehte sich um.
Die Welt schien für einen Moment stillzustehen.
Ich kannte dieses Gesicht.
Aus alten Fotos.
Aus Dokumenten.
Aus meinen Albträumen.
Aber ich hatte nie erwartet, es wirklich zu sehen.
Er sah mich an.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Du bist es.“
Meine Stimme versagte.
„Du bist Daniel.“
Er nickte.
Ich ging langsam auf ihn zu.
„Warum?“
Er verstand sofort.
„Warum ich nie gekommen bin?“
Ich nickte.
„Warum hast du mich nie gesucht?“
Er senkte den Kopf.
„Ich habe dich jeden einzelnen Tag gesucht.“
„Aber ich habe nie etwas von dir bekommen.“
„Weil sie alles abgefangen hat.“
„Wer?“
„Deine Mutter.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sie sagte, du hättest mich verlassen.“
Daniel schloss die Augen.
„Ich hätte dich niemals verlassen.“
Tränen liefen über sein Gesicht.
„Du warst das Einzige, was mir geblieben war.“
Ich wollte ihm glauben.
Aber nach allem, was passiert war, konnte ich niemandem mehr blind vertrauen.
„Warum hat Michael mich beschützt?“
Daniel sah auf den See.
„Weil er wusste, was wirklich passiert ist.“
„Was?“
„Er hat deinen Vater damals gezwungen, mich wegzufahren.“
Ich erstarrte.
„Was?“
„Dein Vater wollte mich nicht verraten. Er hatte Angst.“
„Vor meiner Mutter?“
„Vor dem Mann hinter ihr.“
„Dem Anwalt?“
Daniel nickte.
„Er arbeitete für deinen Großvater.“
„Aber mein Großvater ist tot.“
„Ja.“
Daniel sah mich an.
„Aber sein Netzwerk lebt.“
Ich bekam Gänsehaut.
„Wer steckt dahinter?“
„Menschen mit Geld.“
„Das ist keine Antwort.“
„Menschen, die nicht wollten, dass ich die Wahrheit über das Unternehmen veröffentliche.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“
Daniel schwieg.
Dann sagte er:
„Du warst der Druckpunkt.“
„Ich?“
„Sie wussten, dass ich alles tun würde, um dich zu schützen.“
Ich setzte mich auf eine Bank.
„Deshalb haben sie mich von dir ferngehalten.“
„Ja.“
„Und Michael?“
Daniel lächelte traurig.
„Michael war der einzige Mensch, der sich ihnen widersetzt hat.“
„Mein Vater sagte, Michael hätte dir ein Verbrechen angehängt.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Michael hat das Gegenteil getan.“
„Was?“
„Er hat die Beweise gefälscht.“
Ich starrte ihn an.
„Er hat was?“
„Er nahm die Schuld auf sich.“
„Warum?“
„Damit sie mich nicht töten.“
Ich konnte kaum atmen.
„Aber warum sollte er dann so tun, als wäre er der Täter?“
„Weil jemand einen Schuldigen brauchte.“
Ich dachte an Michaels Verhalten.
An seine geheimnisvollen Nachrichten.
An seine Angst.
An die Briefe.
Alles ergab plötzlich Sinn.
„Aber wer hat das Verbrechen tatsächlich begangen?“
Daniel sah mich an.
Lange.
Dann sagte er:
„Deine Mutter.“
Ich erstarrte.
„Nein.“
„Sie hat nicht allein gehandelt.“
„Mit wem?“
„Mit deinem Großvater.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber du hast gesagt, dass der Anwalt dahinterstand.“
„Er war ihr Werkzeug.“
„Und warum hast du dann überlebt?“
Daniel sah zum Wasser.
„Weil Michael mich in der Nacht aus dem Wagen holte.“
Ich hielt den Atem an.
„Mein Vater dachte, ich wäre tot?“
„Ja.“
„Und Michael?“
„Er brachte mich zu einem sicheren Ort.“
„Warum hat er mich nie besucht?“
Daniel sah mich an.
„Weil er wusste, dass sie dich beobachten.“
Dann hörten wir ein Geräusch.
Ein Auto.
Scheinwerfer erschienen im Nebel.
Daniel stand sofort auf.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Wir müssen gehen.“
„Wer ist das?“
„Der Mann, vor dem ich dich die ganze Zeit schützen wollte.“
Das Auto hielt.
Die Fahrertür öffnete sich.
Ein Mann stieg aus.
Der Anwalt meiner Mutter.
Er hielt eine Waffe in der Hand.
Und hinter ihm stieg jemand aus dem Wagen.
Meine Mutter.
Lebendig.



