TEIL 14 — DER BRUDER IM SCHATTEN
Wir löschten sofort das Licht.
Daniel zog die Vorhänge zu.
Michael stand am Fenster und beobachtete die Straße.
Ein schwarzer Wagen parkte gegenüber.
Niemand stieg aus.
„Wie lange?“, fragte Daniel.
„Vielleicht zehn Sekunden.“
„Was?“
Michael drehte sich um.
„Bis sie hier sind.“
Dann klopfte es an der Tür.
Drei Mal.
Ich hielt den Atem an.
Eine Stimme sagte:
„Ich weiß, dass ihr da seid.“
Elias.
Ich wusste nicht, warum, aber seine Stimme machte mir keine Angst.
Sie machte mich traurig.
„Ich will mit meiner Schwester sprechen.“
Daniel sah mich an.
„Nein.“
Ich ging zur Tür.
„Warte.“
Ich legte meine Hand auf den Türgriff.
Michael packte meinen Arm.
„Du weißt nicht, wer er ist.“
„Aber ich weiß, dass er mein Bruder ist.“
„Das reicht nicht.“
„Für mich schon.“
Ich öffnete die Tür nur einen Spalt.
Ein Mann stand davor.
Vielleicht Mitte zwanzig.
Dunkles Haar.
Blasses Gesicht.
Und tatsächlich ein kleines Tattoo am Hals.
Seine Augen waren genauso wie meine.
Ich wusste es sofort.
Blut erkannte Blut.
Er sah mich an.
Für einen Moment sagte keiner etwas.
Dann flüsterte er:
„Du bist es.“
„Elias?“
Er nickte.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich habe dich gesucht.“
„Warum?“
„Weil ich wissen wollte, ob du wirklich existierst.“
Michael trat hinter mich.
„Du solltest nicht hier sein.“
Elias sah ihn an.
„Du auch nicht.“
„Was hast du vor?“
Elias antwortete:
„Ich bin nicht gekommen, um euch zu töten.“
Daniel blieb misstrauisch.
„Warum sollten wir dir glauben?“
Elias zog langsam eine Pistole aus seiner Jacke.
Daniel spannte sich an.
Doch Elias legte die Waffe auf den Boden.
„Weil ich sie nicht mehr brauche.“
Er hob die Hände.
„Ich will raus.“
Ich öffnete die Tür.
Elias trat ein.
Zum ersten Mal standen wir drei Geschwister im selben Raum.
Michael.
Elias.
Und ich.
Drei Leben.
Drei Geheimnisse.
Eine Familie.
„Warum hast du mich gesucht?“, fragte ich.
Elias sah mich an.
„Weil unsere Mutter nicht die Einzige war, die uns getrennt hat.“
„Wer dann?“
„Unser Vater.“
Ich erstarrte.
„Papa?“
„Ja.“
„Aber er hat dich auch verloren.“
Elias schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er setzte sich.
„Er hat mich verkauft.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Das glaube ich nicht.“
„Du musst es nicht glauben.“
Er griff in seine Jacke.
Er zog einen Umschlag heraus.
Darin lagen alte Dokumente.
Verträge.
Unterschriften.
Fotos.
Und ein Schreiben meines Vaters.
Ich las die erste Zeile.
„Im Austausch für die Sicherheit meiner Tochter übergebe ich das Kind Elias Hartmann in die Obhut von…“
Ich konnte nicht weiterlesen.
Meine Hände zitterten.
„Nein.“
Michael nahm das Dokument.
Sein Gesicht wurde hart.
„Ich wusste davon nichts.“
Elias sah ihn an.
„Du warst ein Kind.“
Dann sah er mich an.
„Und du warst zu klein.“
Ich setzte mich.
„Warum?“
„Weil unser Vater Schulden hatte.“
„Bei der Organisation?“
„Ja.“
„Und er hat Elias dafür gegeben?“
Elias nickte.
„Aber er glaubte, er würde mich zurückbekommen.“
„Hat er es versucht?“
„Einmal.“
„Und?“
Elias lächelte bitter.
„Er wurde bedroht.“
Ich dachte an die vielen Jahre, in denen mein Vater schweigend neben mir gesessen hatte.
Seine Angst.
Seine Schuld.
Sein Schweigen.
Plötzlich verstand ich vieles.
Aber nicht alles.
„Warum hat Michael mich beschützt?“
Elias sah zu Michael.
„Weil er wusste, dass du die letzte Chance unserer Familie bist.“
Michael schwieg.
„Welche Chance?“
Elias zeigte auf den USB-Stick.
„Die Organisation existiert noch.“
Daniel trat näher.
„Wo?“
„Überall.“
„Das ist keine Antwort.“
„Banken. Firmen. Anwaltskanzleien. Immobiliengesellschaften.“
Elias sah mich an.
„Und sie wollen dein Erbe.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe kein Interesse an diesem Geld.“
Elias antwortete ruhig:
„Das Problem ist, dass sie es nicht interessiert, was du willst.“
Plötzlich vibrierte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sprach.
Dann hörte ich eine verzerrte Stimme.
„Drei Kinder.“
Ich erstarrte.
„Drei Erben.“
Michael stand sofort auf.
„Wer ist da?“
Die Stimme lachte.
„Einer wird sterben.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Dann klingelte mein Telefon erneut.
Eine Nachricht.
Ein Foto.
Meine Mutter saß in einem Polizeiwagen.
Daneben ein Mann.
Der Anwalt.
Er lächelte direkt in die Kamera.
Darunter stand:
„Du hast eine Stunde, um die drei Erben zusammenzubringen.“
Eine zweite Nachricht kam.
„Sonst stirbt deine Mutter.“
Ich sah Michael an.
Dann Elias.
Zum ersten Mal standen meine beiden Brüder auf derselben Seite.
Elias sagte:
„Jetzt beginnt der Krieg.“
* * *



