TEIL 12 — DIE NACHRICHT VON MICHAEL
Ich las die Nachricht noch einmal.
Dann ein drittes Mal.
„Wenn du diese Nachricht liest, bin ich nicht mehr sicher.“
Darunter stand die Adresse.
Ein altes Lagerhaus am Rand der Stadt.
Und der letzte Satz:
„Komm allein. Wir müssen über das zweite Kind sprechen.“
Meine Hände zitterten.
„Was steht da?“, fragte Daniel.
Ich zeigte ihm mein Telefon.
Er las die Nachricht.
Sein Gesicht veränderte sich sofort.
„Nein.“
„Was?“
Er nahm mein Handgelenk.
„Du gehst da nicht hin.“
„Michael ist in Gefahr.“
„Genau deshalb gehst du nicht hin.“
„Er ist mein Bruder.“
Die Worte fühlten sich immer noch fremd an.
Mein Bruder.
Michael.
Der Mann, der seit meiner Kindheit immer irgendwo in meiner Nähe gewesen war.
Der Mann, der mich beschützt hatte, ohne dass ich jemals verstanden hatte, warum.
Ich erinnerte mich plötzlich an Dinge, die ich längst vergessen geglaubt hatte.
Wie Michael mir als Kind heimlich Schokolade zugesteckt hatte.
Wie er einmal mitten in der Nacht vor meiner Haustür gestanden hatte, nachdem mein Vater mit mir gestritten hatte.
Wie er jedes Mal nervös geworden war, wenn ich nach meiner Mutter gefragt hatte.
Damals hatte ich geglaubt, er sei einfach ein überfürsorglicher Verwandter.
Jetzt wusste ich die Wahrheit.
Er war mein Bruder.
„Daniel“, sagte ich leise.
„Nein.“
„Ich muss gehen.“
„Dann gehe ich mit.“
„In der Nachricht steht allein.“
„Mir egal.“
Ich sah zu meiner Mutter.
Sie stand noch immer zwischen zwei Polizisten.
Ihre Augen waren rot vom Weinen.
„Mama.“
Sie hob den Kopf.
„Wo ist Michael?“
Sie schwieg.
„Du weißt es.“
Ihre Lippen begannen zu zittern.
„Ich weiß nicht, ob er noch lebt.“
Mein Herz setzte aus.
„Was bedeutet das?“
„Michael hat vor Jahren angefangen, nach der Wahrheit zu suchen.“
„Welche Wahrheit?“
Sie sah zu dem Anwalt, der inzwischen von zwei Polizisten abgeführt wurde.
„Die Wahrheit über dich.“
Ich verstand es nicht.
„Warum über mich?“
„Weil du nicht das einzige Kind warst.“
„Das weiß ich inzwischen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Du verstehst es nicht.“
Sie trat einen Schritt auf mich zu.
Die Polizisten wollten sie zurückhalten, doch sie hob die Hände.
„Du und Michael seid nicht die einzigen.“
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
„Was?“
Meine Mutter sah mich direkt an.
„Es gab ein drittes Kind.“
Daniel wurde vollkommen still.
„Was hast du gerade gesagt?“, fragte ich.
„Ein drittes Kind.“
„Wo ist es?“
Meine Mutter schloss die Augen.
„Ich weiß es nicht.“
„Du weißt es nicht?“
„Ich habe geglaubt, es sei gestorben.“
„Und jetzt?“
Sie sah zu meinem Telefon.
„Wenn Michael dir geschrieben hat, dann hat er vielleicht herausgefunden, dass es lebt.“
Ich konnte kaum atmen.
Drei Kinder.
Drei Geschwister.
Und niemand hatte mir je davon erzählt.
„Wie alt ist es?“
Meine Mutter antwortete nicht.
„Mama!“
Sie flüsterte:
„Jünger als du.“
Daniel sah mich an.
„Wir müssen herausfinden, was Michael weiß.“
Ich steckte das Telefon ein.
„Ich gehe.“
„Ich komme mit.“
„Nein.“
„Du hast gehört, was deine Mutter gesagt hat.“
„Ja.“
„Dann weißt du, dass das eine Falle sein könnte.“
Ich sah ihn an.
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
„Aber wenn Michael wirklich in Gefahr ist, kann ich nicht hier sitzen.“
Daniel presste die Lippen zusammen.
Dann griff er nach seiner Jacke.
„Dann komme ich wenigstens bis zum Gebäude.“
Ich widersprach nicht.
Eine halbe Stunde später standen wir vor dem alten Lagerhaus.
Der Wind trieb kalten Regen über den Parkplatz.
Alle Fenster waren dunkel.
Kein Licht.
Kein Geräusch.
„Bleib im Auto“, sagte Daniel.
„Nein.“
„Bitte.“
Ich sah ihn an.
„Ich habe gerade erfahren, dass meine Mutter lebt, dass mein Vater jahrelang gelogen hat und dass ich vielleicht zwei Geschwister habe, von denen ich nichts wusste.“
Ich öffnete die Tür.
„Ich werde jetzt nicht im Auto sitzen.“
Wir gingen hinein.
Die Tür war nicht verschlossen.
Drinnen roch es nach Staub und Öl.
„Michael?“
Keine Antwort.
Dann hörte ich etwas.
Ein leises Klopfen.
Dreimal.
Ich folgte dem Geräusch.
Am Ende des Flurs stand eine alte Metalltür.
Ich öffnete sie.
Michael saß auf einem Stuhl.
Sein Gesicht war blutverschmiert.
Seine Hände waren gefesselt.
„Michael!“
Ich rannte zu ihm.
Daniel kniete sich neben ihn und löste die Fesseln.
Michael hob langsam den Kopf.
„Du bist gekommen.“
„Natürlich.“
Er sah zu Daniel.
„Und du hast sie mitgebracht.“
„Sie wollte nicht allein kommen.“
Michael lächelte schwach.
„Gut.“
„Wer hat dir das angetan?“
Er antwortete nicht.
Stattdessen griff er in seine Jackentasche.
Er zog einen kleinen USB-Stick hervor.
„Nimm ihn.“
„Was ist darauf?“
„Alles.“
„Alles was?“
Er sah mich an.
„Die Wahrheit über unsere Mutter.“
Dann wurde sein Gesicht ernst.
„Und die Wahrheit darüber, warum du nie erfahren solltest, dass du einen dritten Bruder hast.“
Ich erstarrte.
„Einen dritten Bruder?“
Michael nickte.
„Sein Name ist Elias.“
Plötzlich hörten wir draußen einen Motor.
Michael wurde blass.
„Sie sind hier.“
Daniel stand auf.
„Wer?“
Michael sah zur Tür.
„Die Menschen, vor denen ich mich seit zwanzig Jahren verstecke.“
Dann ging draußen das Licht aus.
Und im selben Moment wurde die Tür hinter uns abgeschlossen.
* * *



