TEIL 13 — ELIAS
Für einige Sekunden bewegte sich niemand.
Das einzige Geräusch war der Regen, der gegen das Dach des Lagerhauses prasselte.
Dann hörten wir Schritte.
Langsam.
Ruhig.
Jemand kam den Flur entlang.
Daniel zog mich hinter sich.
Michael versuchte aufzustehen.
„Wir müssen hier raus.“
„Kannst du laufen?“, fragte Daniel.
Michael nickte.
„Ich kann.“
Die Schritte kamen näher.
Dann blieb jemand vor der Tür stehen.
Eine Stimme sagte:
„Michael.“
Er erstarrte.
„Nein.“
Ich sah ihn an.
„Wer ist das?“
Er antwortete nicht.
Die Stimme vor der Tür sprach erneut.
„Du hättest nicht zurückkommen dürfen.“
Michael flüsterte:
„Elias.“
Mein Herz schlug schneller.
Der dritte Bruder.
Er war hier.
Die Tür begann sich langsam zu öffnen.
Daniel zog mich zurück.
Doch bevor sie vollständig aufging, stürzte Michael dagegen.
„Lauf!“
Wir rannten durch einen Seitengang.
Hinter uns hörten wir einen Schuss.
Dann einen zweiten.
„Schneller!“, rief Daniel.
Wir erreichten eine Hintertür.
Daniel trat sie auf.
Kalte Luft schlug uns entgegen.
Wir rannten hinaus.
Erst auf der Straße blieben wir stehen.
Michael hielt sich die Seite.
„Du bist verletzt.“
„Nicht schlimm.“
„Du blutest.“
„Das ist nicht wichtig.“
Er nahm mir den USB-Stick aus der Hand.
„Du musst ihn verstecken.“
„Warum?“
„Weil sie wissen, dass du ihn hast.“
„Wer sind sie?“
Michael sah mich an.
„Die Organisation, für die unser Großvater gearbeitet hat.“
Ich dachte an den Anwalt.
„Er gehört dazu?“
„Er war einer der wichtigsten Männer.“
„Und Elias?“
Michael schwieg.
„Sag es mir.“
Er sah zu Daniel.
Dann wieder zu mir.
„Elias wurde ihnen weggenommen.“
„Als Baby?“
„Ja.“
„Warum?“
Michael atmete schwer.
„Weil unser Großvater nach deiner Geburt Angst bekam.“
„Wovor?“
„Vor dir.“
Ich verstand es nicht.
„Warum sollte er Angst vor mir haben?“
„Weil du das einzige Kind warst, das deine Mutter nicht kontrollieren ließ.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Deine Mutter wollte aussteigen. Sie wollte dich mitnehmen. Dein Großvater wusste, dass er dadurch seine wichtigste Kontrolle verlieren würde.“
Michael setzte sich auf eine alte Betonmauer.
„Also nahm er Elias.“
Ich sah ihn an.
„Und was geschah mit ihm?“
„Er wurde unter einem anderen Namen aufgezogen.“
„Von wem?“
„Von einem Mann innerhalb der Organisation.“
„Und dieser Mann?“
Michael sah mich an.
„Der Anwalt.“
Mir wurde schlecht.
„Er hat meinen Bruder großgezogen?“
„Nicht wie einen Sohn.“
Michael senkte den Blick.
„Wie einen Soldaten.“
Daniel fluchte leise.
„Deshalb war Elias bei ihm.“
Michael nickte.
„Elias kennt die Organisation von innen.“
„Dann ist er gefährlich.“
„Ja.“
„Aber er ist mein Bruder.“
Michael sah mich lange an.
„Genau deshalb ist er gefährlich.“
Wir fuhren zu Daniels Wohnung.
Dort steckte ich den USB-Stick in meinen Laptop.
Eine einzige Datei erschien.
FAMILIE_HARTMANN_FINAL
Ich klickte darauf.
Ein Video startete.
Meine Mutter saß darin vor einer Kamera.
Sie war viel jünger.
Vielleicht Anfang dreißig.
Neben ihr stand mein Vater.
Und hinter ihnen ein Mann, den ich sofort erkannte.
Mein Großvater.
Meine Mutter sprach.
„Wenn meine Tochter dieses Video irgendwann sieht, bedeutet das, dass alles gescheitert ist.“
Ich hielt den Atem an.
„Du wurdest nicht verlassen.“
Tränen stiegen mir in die Augen.
„Du wurdest versteckt.“
Das Bild wechselte.
Man sah ein Baby.
Ein kleines Mädchen.
Mich.
Dann erschien ein zweites Baby.
„Michael.“
Danach ein drittes.
Ein Junge.
„Elias.“
Meine Mutter weinte.
„Drei Kinder. Drei Wege.“
Mein Vater sagte etwas, das ich kaum verstand.
Dann hörte ich meine Mutter:
„Wenn eines Tages alle drei zusammenkommen, wird die Wahrheit über das Vermögen ans Licht kommen.“
Daniel sah mich an.
„Welches Vermögen?“
Das Video lief weiter.
Meine Mutter sagte:
„Dein Großvater hat nicht nur Geld gestohlen.“
Sie blickte direkt in die Kamera.
„Er hat Identitäten gestohlen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was bedeutet das?“
Michael trat näher.
„Spiel weiter.“
Im Video erschien eine Liste.
Namen.
Kontonummern.
Geburtsdaten.
Vermögenswerte.
Grundstücke.
Firmen.
Und dann sah ich meinen eigenen Namen.
Darunter stand:
Erbin — 51 %
Ich konnte nicht sprechen.
Daniel starrte auf den Bildschirm.
Michael flüsterte:
„Jetzt weißt du, warum sie dich nie töten wollten.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Was?“
„Du bist nicht nur eine Zeugin.“
Er zeigte auf den Bildschirm.
„Du bist der Schlüssel.“
Plötzlich erschien eine neue Zeile.
ZWEITE ERBIN: ELIAS HARTMANN
Ich erstarrte.
„Elias ist ebenfalls Erbe?“
Michael nickte.
„Und es gibt noch eine dritte Datei.“
Ich klickte darauf.
Ein Foto erschien.
Ein Mann.
Dunkle Haare.
Blasse Augen.
Ein kleines Tattoo am Hals.
Darunter stand:
ELIAS HARTMANN — AKTUELLER STANDORT: UNBEKANNT
Dann hörten wir draußen ein Geräusch.
Ein Auto hielt vor dem Gebäude.
Michael trat ans Fenster.
Sein Gesicht wurde bleich.
„Zu spät.“
„Was?“
Er drehte sich um.
„Elias hat uns gefunden.“
* * *



