TEIL 6 — DER VATER
Der Mann stand still.
Ich konnte sein Gesicht kaum erkennen.
Dann trat er ins Licht.
Graue Haare.
Blasses Gesicht.
Tiefe Linien um die Augen.
Aber diese Augen…
Ich kannte sie.
Aus alten Fotos.
Aus meinen Kindheitserinnerungen.
Aus meinen Träumen.
„Papa?“
Der Mann sah mich an.
Seine Lippen zitterten.
„Anna.“
Ich konnte mich nicht bewegen.
Zwanzig Jahre lang hatte ich geglaubt, mein Vater sei tot.
Und jetzt stand er vor mir.
Lebendig.
„Du bist es wirklich.“
Er nickte.
Ich lief die Treppe hinauf.
Er breitete die Arme aus.
Ich blieb kurz vor ihm stehen.
Dann fiel ich ihm in die Arme.
Ich weinte.
Er auch.
„Warum?“, fragte ich.
„Ich wollte dich schützen.“
Ich löste mich von ihm.
„Nicht dieses Wort.“
Er verstand.
„Du hast recht.“
Ich sah ihn an.
„Sag mir die Wahrheit.“
Er nickte.
„Das werde ich.“
Hinter uns stöhnte Pieter.
Er lebte noch.
Mein Vater sah zu ihm.
„Er wollte dich töten.“
„Warum?“
„Weil du die letzte Person bist, die die Wahrheit kennt.“
„Welche Wahrheit?“
Mein Vater sah Johan an.
„Er hat dir nicht alles erzählt.“
Johan senkte den Kopf.
„Ich weiß.“
„Dann fang an.“
Johan holte tief Luft.
„Die 340 Euro waren ursprünglich Schutzgeld.“
„Für wen?“
„Für Familien, die Kinder aufgenommen hatten.“
Ich sah meinen Vater an.
„Du hast das organisiert.“
„Am Anfang.“
„Warum?“
„Weil wir Kinder retten wollten.“
„Und wann wurde es zu einem Geschäft?“
„Als Pieter und Heinrich Bauer die Kontrolle übernahmen.“
Pieter lag am Boden.
Er lachte schwach.
„Du glaubst immer noch, du wärst der Held.“
Mein Vater sah ihn an.
„Nein.“
„Dann sag ihr, wer die 340 Euro heute bekommt.“
Mein Vater schwieg.
Ich sah ihn an.
„Wer?“
Er antwortete:
„Niemand.“
„Was?“
„Seit drei Monaten wird das Geld nicht mehr weitergeleitet.“
„Dann wohin geht es?“
Er sah mich an.
„Auf dein Konto.“
Ich erstarrte.
„Mein Konto?“
„Ja.“
„Aber warum?“
„Weil ich wusste, dass du irgendwann alles entdecken würdest.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich verstehe nichts.“
Mein Vater ging zu einem alten Tisch.
Er nahm das schwarze Notizbuch.
„Vor zwanzig Jahren wollte ich die Organisation verlassen.“
„Warum hast du es nicht getan?“
„Weil sie deine Mutter bedrohten.“
„Sie ist tot.“
„Sie starb, weil sie zu viel wusste.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Wer hat sie getötet?“
Mein Vater sah mich an.
„Nicht Pieter.“
„Wer dann?“
Er zeigte auf Johan.
Ich drehte mich langsam zu ihm.
„Johan?“
Johan weinte.
„Ich habe sie nicht getötet.“
„Aber du weißt, wer es getan hat.“
Er nickte.
„Ja.“
„Wer?“
Johan antwortete:
„Der Mann, der die Organisation heute noch leitet.“
„Wer ist das?“
Pieter begann zu lachen.
Alle sahen ihn an.
„Ihr habt es immer noch nicht verstanden.“
„Was?“
Er zeigte auf meinen Vater.
„Markus ist nicht zurückgekommen, um dich zu retten.“
Mein Vater wurde blass.
Pieter sagte:
„Er ist zurückgekommen, weil die Liste bei ihm ist.“
Ich sah meinen Vater an.
„Welche Liste?“
Er schwieg.
„Papa.“
Endlich zog er einen USB-Stick aus seiner Jackentasche.
„Die vollständige Liste.“
„Warum hast du sie?“
„Weil ich sie damals gestohlen habe.“
„Von wem?“
Er sah mich an.
„Von Heinrich Bauer.“
Johan flüsterte:
„Das bedeutet, dass er noch lebt.“
Ich sah beide an.
„Heinrich Bauer?“
Mein Vater nickte.
„Er hat die ganze Zeit gewartet.“
„Wo?“
„In der Stadt.“
„Wo genau?“
Mein Vater sah auf die Uhr.
„Er kommt heute Nacht.“
„Warum?“
„Weil er weiß, dass wir die Liste haben.“
Pieter versuchte sich aufzurichten.
„Zu spät.“
Mein Vater drehte sich um.
„Was meinst du?“
Pieter lächelte.
„Die Polizei ist bereits unterwegs.“
Ich sah ihn an.
„Hast du sie gerufen?“
„Nein.“
Er lachte.
„Heinrich.“
Draußen hörten wir Sirenen.
Mein Vater griff nach meiner Hand.
„Wir müssen gehen.“
„Nein.“
Ich zog meine Hand zurück.
„Nicht mehr fliehen.“
„Anna.“
„Zwanzig Jahre lang seid ihr alle gerannt.“
Ich hielt den USB-Stick hoch.
„Jetzt nicht mehr.“
Johan sah mich an.
„Was willst du tun?“
Ich antwortete:
„Die Wahrheit veröffentlichen.“
Mein Vater wurde blass.
„Dann werden sie dich finden.“
„Dann sollen sie kommen.“
In diesem Moment ging die Tür des Kellers auf.
Ein Mann trat herein.
Anzug.
Graue Haare.
Ein schwarzer Gehstock.
Mein Vater erstarrte.
Johan wich zurück.
Pieter begann zu lachen.
„Da ist er.“
Der Mann sah mich an.
Dann sagte er ruhig:
„Anna Keller.“
Ich sah ihn an.
„Heinrich Bauer.“
Er lächelte.
„Du bist deiner Mutter sehr ähnlich.“
Mein Herz raste.
„Du hast meine Mutter getötet.“
Heinrich antwortete nicht.
Stattdessen sah er auf den USB-Stick in meiner Hand.
„Gib ihn mir.“
„Nein.“
Er zog langsam eine Waffe aus seinem Mantel.
„Dann werde ich dich zwingen.“
Mein Vater trat vor mich.
„Du wirst meine Tochter nicht anfassen.“
Heinrich lächelte.
„Deine Tochter?“
Er sah mich an.
Dann sagte er einen Satz, der alles veränderte:
„Anna, du bist nicht seine Tochter.“
Die Stille war vollkommen.
Ich sah meinen Vater an.
Er sagte nichts.
Ich sah Johan an.
Auch er schwieg.
Heinrich lächelte.
„Deine Mutter hat dir zwanzig Jahre lang eine Lüge erzählt.“
Ich konnte kaum atmen.
„Wer bin ich dann?“
Heinrich antwortete:
„Das ist die Wahrheit, die dein Vater niemals wollte, dass du erfährst.“
Und dann ging plötzlich das Licht aus.



