TEIL 5 — DER MANN AUF DEM FOTO
Ich konnte nicht mehr sprechen.
Mein Vater.
Auf einem Foto.
Neben mir.
Und ich hatte keine Erinnerung daran.
„Johan…“
Er nahm das Bild.
Seine Hände zitterten.
„Das kann nicht sein.“
„Du hast gesagt, mein Vater sei verschwunden.“
„Das dachte ich.“
„Nein.“
Ich sah ihn an.
„Du wusstest mehr.“
Er senkte den Blick.
„Ja.“
„Wie viel?“
„Nicht genug.“
„Dann sag mir alles.“
Johan setzte sich auf den kalten Boden.
„Dein Vater hieß Markus Keller.“
„Das weiß ich.“
„Er war nicht nur dein Vater.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was meinst du?“
„Er war der Mann, der die Zahl 340 erfunden hat.“
Ich verstand nichts.
„Warum 340?“
„Weil es unauffällig war.“
„Unauffällig?“
„Ein kleiner Betrag. Groß genug, um etwas zu finanzieren. Klein genug, damit niemand Fragen stellte.“
„Was wurde finanziert?“
Johan sah mich an.
„Neue Identitäten.“
Ich spürte einen Schauer.
„Für wen?“
„Für Kinder.“
„Und mein Vater hat das organisiert?“
„Am Anfang ja.“
„Warum?“
„Er wollte sie retten.“
„Aber später?“
„Er merkte, dass Pieter und andere daraus ein Geschäft machten.“
„Und dann wollte er aufhören.“
Johan nickte.
„Das war sein Fehler.“
„Was ist passiert?“
„Er wollte die Namen veröffentlichen.“
„Welche Namen?“
„Alle Familien. Alle Vermittler. Alle Zahlungen.“
Ich sah auf den Schuhkarton.
„Die Liste.“
„Ja.“
„Wo ist sie?“
Johan sah mich an.
„Du hast sie gerade in der Hand.“
Ich blickte auf das Papier.
„Das hier?“
„Nein.“
Er zeigte auf mein Foto.
„Die Rückseite.“
Ich drehte das Foto um.
Eine dünne Papierkante war sichtbar.
Ich zog daran.
Ein kleines Stück Papier kam heraus.
Darauf standen Zahlen.
Immer wieder.
Und daneben Namen.
Ich las den ersten.
Dann den zweiten.
Dann den dritten.
Plötzlich erkannte ich einen Namen.
Johan de Vries.
Ich sah ihn an.
„Du.“
Er schloss die Augen.
„Ja.“
„Du hast Geld genommen.“
„Ja.“
„Warum?“
„Für deinen Vater.“
„Du hast mich angelogen.“
„Ich habe dich beschützt.“
„Alle sagen das!“
Meine Stimme hallte durch den Keller.
„Meine Mutter sagte es. Pieter sagte es. Du sagst es. Jeder benutzt dieses Wort!“
Johan stand auf.
„Weil es wahr ist.“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich will keine Schutzlügen mehr.“
Er sah mich lange an.
„Dann musst du die Wahrheit über deinen Vater hören.“
„Sag sie mir.“
„Er lebt.“
Mein Herz blieb stehen.
„Wo?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du hast ihn gesehen?“
„Vor drei Jahren.“
„Wo?“
„Im Krankenhaus.“
Ich konnte kaum atmen.
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Weil er mich darum gebeten hat.“
„Warum?“
„Weil er wusste, dass Pieter dich beobachtet.“
Plötzlich hörten wir ein Geräusch.
Ein dumpfer Schlag.
Dann Schritte.
Johan löschte das Licht.
„Sie sind hier.“
„Wer?“
„Pieter.“
Wir hörten eine Stimme.
„Anna.“
Ich erstarrte.
Pieter stand am anderen Ende des Kellers.
Er hielt eine Taschenlampe.
„Du hättest auf mich hören sollen.“
Ich ging einen Schritt zurück.
„Du hast meine Familie zerstört.“
„Nein.“
„Du hast meinen Namen benutzt.“
„Ja.“
„Du hast das Geld genommen.“
„Nein.“
Ich war überrascht.
„Was?“
Pieter sah Johan an.
„Er war es.“
Ich drehte mich zu Johan.
„Was?“
Pieter sagte:
„Die 340 Euro stammen nicht aus der Kirche.“
Johan schloss die Augen.
„Pieter, hör auf.“
„Anna muss wissen, was passiert ist.“
Pieter kam näher.
„Johan hat die Zahlungen jahrelang weitergeführt.“
„Warum?“
„Weil dein Vater ihm vertraute.“
Johan sagte:
„Das stimmt nicht.“
Pieter lachte.
„Dann zeig ihr den Brief.“
Johan wurde blass.
„Welchen Brief?“
„Den Brief von Markus.“
Pieter zog einen Umschlag aus seiner Tasche.
Er warf ihn auf den Boden.
Ich hob ihn auf.
Auf der Vorderseite stand:
ANNA.
Ich öffnete ihn.
Nur eine Zeile.
„Wenn du diesen Brief liest, bedeutet das, dass Johan dich verraten hat.“
Ich sah den Pastor an.
„Warum?“
Er sagte nichts.
Pieter lächelte.
„Weil dein Vater nie verschwunden ist.“
„Was?“
„Er wurde versteckt.“
„Von wem?“
Pieter antwortete:
„Von Johan.“
Ich starrte ihn an.
Johan weinte.
„Anna…“
„Ist es wahr?“
Er schwieg.
„Johan!“
Dann sagte er:
„Ja.“
Die Welt um mich herum schien stillzustehen.
„Warum?“
„Weil dein Vater mich darum gebeten hat.“
„Wo ist er?“
Johan sah mich an.
„Hier.“
Ich verstand nicht.
„Was meinst du?“
Er zeigte auf die Wand hinter mir.
Dort hing ein altes Gemälde.
Ich ging näher.
Hinter dem Rahmen war ein kleines Fach.
Darin lag ein Schlüssel.
Und ein Foto.
Ein Mann.
Älter.
Graue Haare.
Aber ich erkannte seine Augen.
Mein Vater.
Auf der Rückseite stand eine Adresse.
Pfarrhaus, Zimmer 4.
Ich sah Johan an.
„Warum ist diese Adresse hier?“
Er antwortete:
„Weil dein Vater vor drei Jahren hier war.“
Ich hielt das Foto fest.
„Und er ist noch am Leben.“
Johan nickte.
Dann hörten wir plötzlich einen Schuss.
Pieter fiel zu Boden.
Blut breitete sich auf seinem Hemd aus.
Johan schrie.
Ich drehte mich um.
Am oberen Ende der Treppe stand ein Mann.
Eine Waffe in der Hand.
Ich kannte ihn nicht.
Aber Pieter sah ihn.
Und flüsterte:
„Markus…“
* * *



