TEIL 3 — DAS KONTO
Ich schlief in dieser Nacht kaum.
Immer wieder sah ich die Nachricht auf meinem Handy.
Diesmal fehlst du.
Am nächsten Morgen fuhr ich zur Bank.
Ich musste wissen, was hinter meinem Namen steckte.
Die Bankangestellte überprüfte meinen Ausweis.
Dann tippte sie meinen Namen in den Computer.
„Sie haben mehrere Konten.“
„Mehrere?“
„Ja.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe nur mein Gehaltskonto und mein Sparkonto.“
Sie runzelte die Stirn.
„Dann gibt es hier ein Problem.“
Sie drehte den Bildschirm leicht zu mir.
Dort stand ein Konto, das angeblich auf meinen Namen lief.
Eröffnet vor neunzehn Jahren.
Mein Geburtsdatum stimmte.
Meine Adresse von damals stimmte.
Sogar meine alte Unterschrift war hinterlegt.
„Das ist unmöglich.“
„Das Konto wurde nie geschlossen.“
„Wie viel Geld ist darauf?“
Sie zögerte.
„Das darf ich Ihnen nicht sagen, bevor wir Ihre Identität vollständig geprüft haben.“
Eine Stunde später saß ich in einem kleinen Beratungsraum.
Die Bankangestellte legte mir einen Ausdruck vor.
Ich sah die Zahl.
Mein Herz begann zu schlagen.
86.700 Euro.
„Woher kommt dieses Geld?“
„Das ist nicht ersichtlich.“
„Seit wann wird es eingezahlt?“
Sie blätterte durch die Unterlagen.
„Regelmäßig.“
„Wie regelmäßig?“
„Jeden Sonntag.“
Ich starrte sie an.
„Jeden Sonntag?“
Sie nickte.
„Seit neunzehn Jahren.“
Ich dachte an die 340 Euro.
„Wie viel?“
Sie sah nach.
„Immer 340 Euro.“
Ich konnte nichts sagen.
Jeden Sonntag.
Seit neunzehn Jahren.
Das bedeutete, dass jemand nicht erst seit drei Monaten Geld aus der Kirche nahm.
Jemand tat es seit fast zwei Jahrzehnten.
Und das Geld landete auf einem Konto unter meinem Namen.
Ich verließ die Bank mit einer Kopie der Unterlagen.
Mein Kopf war voller Fragen.
Warum ich?
Wer hatte dieses Konto eröffnet?
Und warum hatte ich nie davon erfahren?
Als ich wieder in der Kirche ankam, wartete Johan bereits auf mich.
Ich legte die Unterlagen vor ihn.
Er las schweigend.
Dann sah er mich an.
„Das erklärt einiges.“
„Was?“
„Willem hatte einmal erwähnt, dass ein Konto existiert.“
„Ein Konto auf meinen Namen?“
„Nicht direkt.“
„Was meinst du?“
Johan ging zum Fenster.
„Willem sagte, dass jemand in der Kirche als Deckname benutzt wurde.“
„Mein Name?“
Er nickte.
„Aber ich wusste nicht, dass du die Person bist.“
Ich konnte es kaum glauben.
„Warum sollte jemand meinen Namen benutzen?“
Johan antwortete:
„Weil du damals niemandem verdächtig erschienen bist.“
„Ich war siebzehn.“
„Genau.“
Ich sah ihn an.
„Ich war ein Kind.“
„Und deshalb warst du perfekt.“
Mir wurde kalt.
Dann erinnerte ich mich an etwas.
Eine alte Erinnerung.
Meine Mutter hatte mir immer verboten, über einen bestimmten Sommer zu sprechen.
Ich war siebzehn gewesen.
In diesem Sommer war ich oft in der Kirche gewesen.
Ich hatte bei einer Jugendgruppe geholfen.
Und Pieter…
Pieter war damals auch dort gewesen.
„Johan.“
„Ja?“
„Wann hat Pieter angefangen, hier zu arbeiten?“
„Vor drei Monaten.“
„Nein. Ich meine früher.“
Johan sah mich an.
„Er war als Jugendlicher hier.“
Mein Herz schlug schneller.
„Wann?“
„Ende der neunziger Jahre.“
Ich setzte mich.
„Dann kennt er mich.“
„Vielleicht.“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Er kennt mich sehr gut.“
Plötzlich erinnerte ich mich an ein Bild.
Pieter stand neben meiner Mutter.
Und hinter ihnen…
Willem.
Ich griff nach meinem Handy und suchte alte Fotos.
Dann fand ich eines.
Meine Hände wurden kalt.
Pieter war darauf.
Aber neben ihm stand noch jemand.
Ein Mann mit schwarzem Mantel.
Ich kannte ihn.
„Johan.“
Er kam näher.
„Wer ist das?“
Johan sah das Foto.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das ist Heinrich Bauer.“
„Wer?“
„Der Mann, der vor Willem die Kirchenfinanzen verwaltete.“
„Wo ist er jetzt?“
Johan schwieg.
„Johan.“
„Er ist verschwunden.“
„Wann?“
„1998.“
Ich sah wieder auf das Foto.
„Dann war er derjenige, der das Konto eröffnet hat.“
„Vielleicht.“
„Nein.“
Ich zeigte auf Pieter.
„Er war dabei.“
In diesem Moment hörten wir die Kirchentür.
Wir gingen hinaus.
Pieter stand im Eingangsbereich.
Er hatte uns offensichtlich gehört.
„Worüber sprechen Sie?“
Ich sah ihn an.
„Über Heinrich Bauer.“
Sein Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos.
Nur seine Hände verrieten ihn.
Seine rechte Hand begann zu zittern.
„Warum?“, fragte er.
„Kennst du ihn?“
„Nein.“
„Lüg nicht.“
Er sah mich lange an.
Dann sagte er:
„Anna, du solltest nach Hause gehen.“
„Warum?“
„Weil du Dinge ausgräbst, die besser begraben bleiben.“
„Wer hat das Konto auf meinen Namen eröffnet?“
Er schwieg.
„Wer bekommt die 340 Euro?“
Noch immer keine Antwort.
Dann ging er an mir vorbei.
Ich hielt ihn am Arm fest.
„Pieter.“
Er drehte sich um.
Seine Augen waren plötzlich kalt.
„Lass mich los.“
„Nein.“
Er beugte sich zu mir.
Und flüsterte:
„Deine Mutter wusste davon.“
Ich ließ ihn los.
„Was?“
Doch Pieter ging bereits.
Ich stand mitten in der Kirche.
Johan kam zu mir.
„Was hat er gesagt?“
Ich sah ihn an.
„Er sagte, meine Mutter wusste davon.“
„Anna…“
„Meine Mutter ist seit sechs Jahren tot.“
Johan nickte.
„Ich weiß.“
„Dann kann ich sie nicht fragen.“
Ich nahm die alten Unterlagen.
„Aber vielleicht hat sie etwas hinterlassen.“
Wir fuhren noch am selben Nachmittag zu ihrem alten Haus.
Im Schlafzimmer öffnete ich einen Schrank, den ich seit ihrem Tod nicht mehr angerührt hatte.
Ganz hinten fand ich eine kleine Holzkiste.
Darin lagen Briefe.
Einer trug meinen Namen.
Für Anna. Wenn du eines Tages wissen willst, wohin das Geld geht.
Ich öffnete den Brief.
Nur ein Satz stand darin:
„Vertraue Johan nicht.“
Ich sah den Pastor an.
Er wurde blass.
Dann sagte er:
„Das hat deine Mutter geschrieben.“
„Warum sollte ich dir nicht vertrauen?“
Johan antwortete nicht.
Stattdessen sah er auf die Rückseite des Briefes.
Dort war etwas geschrieben.
Eine Adresse.
Und darunter:
„Dort begann alles.“
Die Adresse führte zu einem verlassenen Gebäude am Stadtrand.
Einer alten Lagerhalle.
Und als wir ankamen, sah ich etwas, das mir den Atem nahm.
An der Wand hing ein Schild.
BAUER & VAN DIJK — FINANZVERWALTUNG
Johan flüsterte:
„Wir hätten niemals herkommen dürfen.“
Dann ging hinter uns die Tür zu.
* * *



