TEIL 4 — DIE NACHT VON 1998
Wir waren eingeschlossen.
Ich rüttelte an der Tür.
Nichts.
„Johan!“
„Ruhig.“
„Ruhig? Wir sind eingesperrt!“
Er sah sich um.
Die Lagerhalle war dunkel.
Nur ein kleines Fenster ließ etwas Mondlicht herein.
Ich schaltete meine Taschenlampe ein.
An den Wänden standen alte Aktenschränke.
Viele waren leer.
Einige jedoch waren verschlossen.
„Wir müssen hier raus.“
Johan nickte.
Aber er bewegte sich nicht.
„Was ist los?“
Er sah mich an.
„Ich war schon einmal hier.“
Ich erstarrte.
„Wann?“
„1998.“
„Mit wem?“
„Mit Willem.“
Ich sah ihn ungläubig an.
„Warum hast du mir das nie erzählt?“
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor wem?“
Er antwortete:
„Vor Pieter.“
Ich schwieg.
Johan setzte sich auf eine alte Holzkiste.
„Damals war ich noch kein Pastor.“
„Was warst du?“
„Ich war freiwilliger Helfer.“
„Und Willem?“
„Er hatte begonnen, Unregelmäßigkeiten in den Kirchenfinanzen zu untersuchen.“
„Die 340 Euro?“
„Ja.“
Ich setzte mich ihm gegenüber.
„Was hat er herausgefunden?“
Johan sah zu Boden.
„Das Geld wurde nicht gestohlen.“
„Was?“
„Es wurde absichtlich entnommen.“
„Aber warum?“
„Um jemanden zu bezahlen.“
„Wen?“
Johan schwieg.
Dann sagte er:
„Familien.“
Ich verstand es nicht.
„Welche Familien?“
„Familien, die Probleme hatten.“
„Was für Probleme?“
„Schulden. Krankheit. Arbeitslosigkeit.“
„Und die Kirche hat ihnen geholfen?“
„Nicht offiziell.“
Er schüttelte den Kopf.
„Sie wurden dafür bezahlt, bestimmte Dinge zu tun.“
„Welche Dinge?“
„Kinder aufzunehmen.“
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
„Was?“
Johan sah mich an.
„Es gab Kinder, deren Eltern verschwanden.“
„Verschwanden?“
„Einige starben. Andere flohen. Manche wurden für tot erklärt.“
„Und dann?“
„Die Kinder kamen zu anderen Familien.“
Ich stand auf.
„Das ist Menschenhandel.“
Johan sagte nichts.
„Und Pieter?“
„Er war damals einer der Vermittler.“
Ich erinnerte mich an die Nachricht.
An den Schuhkarton.
An das Konto.
Alles begann plötzlich Sinn zu ergeben.
Aber dann fand ich etwas.
Eine Tür am Ende der Halle.
Ich öffnete sie.
Dahinter befand sich ein kleines Büro.
Auf dem Tisch lag ein altes Tonbandgerät.
Daneben ein Umschlag.
Mein Name stand darauf.
ANNA KELLER.
Ich öffnete ihn.
Darin lag ein Brief.
Die Handschrift erkannte ich sofort.
Meine Mutter.
„Anna,
wenn du diesen Brief liest, habe ich keine Möglichkeit mehr, dir die Wahrheit selbst zu erzählen.
Du wirst glauben, dass dein Vater dich verlassen hat.
Das stimmt nicht.
Er wurde zum Schweigen gebracht.
Und ich habe zugelassen, dass du ihn hasst, weil ich dachte, dadurch wärst du sicher.
Du warst nie zufällig in dieser Kirche.
Willem hat dich dort versteckt.
Denn du hast als Kind etwas gesehen.“
Ich hörte auf zu lesen.
„Was?“, fragte Johan.
Ich las weiter.
„Du hast gesehen, wie ein Mann Geld aus einem schwarzen Koffer nahm.
Du hast seinen Namen gehört.
Pieter van Dijk.“
Ich sah Johan an.
„Ich kann mich nicht erinnern.“
„Du warst siebzehn.“
„Warum sollte ich mich nicht erinnern?“
„Vielleicht wollte jemand, dass du es vergisst.“
Ich las die letzte Zeile.
„Die 340 Euro sind kein Diebstahl. Sie sind eine Zahlung.“
Darunter stand:
„Die letzte Zahlung erfolgt am kommenden Sonntag.“
Ich sah auf die Uhr.
Sonntag.
Es war Samstagabend.
„Morgen.“
Johan nickte.
„Ja.“
„Was passiert morgen?“
„Jemand kommt, um das Geld abzuholen.“
„Wer?“
„Ich weiß es nicht.“
In diesem Moment hörten wir ein Geräusch.
Ein Schlüssel.
Die Tür der Lagerhalle wurde geöffnet.
Johan löschte meine Taschenlampe.
Wir versteckten uns hinter den Aktenschränken.
Schritte näherten sich.
Ein Mann kam herein.
Ich konnte nur seine Silhouette sehen.
Er stellte einen schwarzen Koffer auf den Tisch.
Dann sagte er:
„Die Zahlung ist morgen.“
Eine zweite Stimme antwortete:
„Nein.“
Ich erkannte sie.
Pieter.
„Morgen endet alles.“
Der andere Mann lachte.
„Das hast du schon vor zwanzig Jahren gesagt.“
Pieter wurde still.
„Anna weiß zu viel.“
Mein Herz raste.
„Dann bringen wir sie zum Schweigen.“
Johan griff nach meiner Hand.
Ich zitterte.
Die Männer gingen.
Erst als die Tür wieder geschlossen war, wagten wir uns hervor.
Ich sah Johan an.
„Er will mich töten.“
Johan nickte.
„Ja.“
Dann bemerkte ich etwas am Boden.
Ein kleiner Schlüssel.
Ich hob ihn auf.
Daran hing ein Anhänger.
KELLER 3.
Johan wurde blass.
„Was?“
„Was bedeutet das?“
Er antwortete:
„Es gibt unter dieser Lagerhalle einen Keller.“
„Warum?“
„Dort wurden die alten Unterlagen aufbewahrt.“
„Dann gehen wir hin.“
„Anna, nein.“
„Ich will die Wahrheit.“
Wir fanden eine versteckte Treppe.
Unten öffnete der Schlüssel eine schwere Metalltür.
Dahinter standen Dutzende Kartons.
Ich zog einen heraus.
Darauf stand:
KIRCHENDACH — 1998
Ich öffnete ihn.
Oben lag eine Liste.
Und ganz oben stand ein Name.
Nicht Pieter.
Nicht Heinrich.
Nicht Johan.
Sondern:
ANNA KELLER — FALL 01
Ich starrte auf meinen Namen.
Dann fand ich darunter ein Foto.
Ein Foto von mir.
Mit siebzehn.
Neben einem schwarzen Koffer.
Und hinter mir stand mein Vater.
Er lebte.
Aber auf der Rückseite des Fotos stand:
„Sie darf niemals erfahren, dass ihr Vater noch lebt.“



