TEIL 5 — DAS ZWEITE KIND
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.
Ich dachte, ich hätte mich verhört.
— Was meinst du mit „nicht das einzige Kind“?
Anna sah Maria an.
Maria senkte den Kopf.
— Meine Mutter hat mir erst vor zwei Jahren alles erzählt.
Ich wartete.
Anna atmete tief durch.
— Als ich sechzehn war, war ich nicht die einzige junge Frau, die zu meinem Vater kam.
Ich verstand nicht.
— Andere Mädchen?
— Ja.
Sie erzählte mir von einem Haus, das ihr Vater außerhalb der Stadt besessen hatte.
Ein Haus, über das niemand sprechen durfte.
Dort waren junge Frauen untergebracht worden.
Mädchen aus Familien, die Geld hatten.
Mädchen, deren Schwangerschaften geheim bleiben sollten.
Und Babys, die nach der Geburt verschwanden.
Mir wurde übel.
— Dein Vater hat Kinder verkauft?
Anna nickte.
— Nicht offiziell.
Maria öffnete einen weiteren Ordner.
Darin lagen Namen.
Geburtsdaten.
Adressen.
Notizen.
— Wir haben vor einigen Jahren angefangen zu recherchieren.
Ich blätterte durch die Unterlagen.
Mehrere Namen.
Mehrere Babys.
Manche Einträge waren durchgestrichen.
Dann sah ich einen Namen.
Anna Keller.
Daneben stand:
weiblich — Mutter unbekannt — nicht registriert.
Ich sah Anna an.
— Was bedeutet das?
Sie antwortete nicht.
Maria nahm das Blatt.
— Das ist nicht meine Akte.
Ich runzelte die Stirn.
— Was?
— Meine Mutter hatte einen Bruder.
Ich sah Anna an.
Sie nickte.
— Einen Bruder?
— Einen Zwillingsbruder.
Mir blieb die Luft weg.
— Du hattest Zwillinge?
— Ja.
Anna begann zu weinen.
— Mein Vater sagte mir, das Baby sei tot geboren worden.
Maria setzte sich.
— Aber es war gelogen.
Ich sah die Unterlagen an.
— Wo ist er?
Anna schüttelte den Kopf.
— Wir wissen es nicht.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
— Dann ist das also der Grund, warum ihr zurückgekommen seid?
Maria nickte.
— Wir wollen ihn finden.
Ich sah auf das Dokument.
Plötzlich bemerkte ich etwas.
Ein Datum.
Und eine handschriftliche Notiz am Rand.
April 1976 — gelbes Zimmer.
Ich erstarrte.
— Warum steht hier mein Zimmer?
Anna sah mich erschrocken an.
— Was?
Ich zeigte auf die Notiz.
Niemand sagte etwas.
Dann erinnerte ich mich.
In jener Nacht, kurz bevor Anna verschwunden war, hatte ich etwas gehört.
Ein Auto.
Es hatte vor meinem Haus gehalten.
Ich hatte gedacht, Anna würde jemanden erwarten.
Vielleicht war jemand gekommen, um sie abzuholen.
Doch jetzt fragte ich mich:
Wer?
Maria sah mich an.
— Erinnern Sie sich an irgendetwas?
Ich schloss die Augen.
Langsam kam die Erinnerung zurück.
— In der Nacht vor deinem Verschwinden habe ich Stimmen gehört.
Anna wurde blass.
— Welche Stimmen?
— Einen Mann.
— Was hat er gesagt?
Ich dachte nach.
Dann sagte ich:
— Er sagte: „Das Kind muss verschwinden.“
Anna stand abrupt auf.
Maria hielt sie fest.
— Mama!
Anna zitterte.
— Dann war er hier.
Ich nickte.
— Wer?
Anna sah mich an.
— Mein Vater.
Plötzlich verstand ich.
Er war zu meinem Haus gekommen.
Er hatte Anna geholt.
Aber warum?
Maria blätterte hektisch durch die Unterlagen.
Dann fand sie eine Seite.
— Hier.
Sie zeigte darauf.
Es war eine alte Krankenhausliste.
Geburt.
April 1976.
Zwei Kinder.
Ein Junge.
Ein Mädchen.
Ich sah Anna an.
— Du hast zwei Kinder geboren.
Anna nickte.
— Ja.
— Aber du hast nur Maria mitgenommen?
Anna weinte.
— Ich durfte nur eines behalten.
Ich konnte kaum atmen.
— Wo war dein Sohn?
— Mein Vater nahm ihn mit.
— Wohin?
Anna schüttelte den Kopf.
— Ich weiß es nicht.
49 Jahre.
Fast ein halbes Jahrhundert.
Und irgendwo draußen könnte ein Mann leben, der nie wusste, wer seine Mutter war.
Ich sah Maria an.
— Wie wollt ihr ihn finden?
Sie holte ihr Handy heraus.
— Wir haben einen Hinweis.
Sie zeigte mir ein Foto.
Ein Mann, ungefähr in meinem Alter.
Vielleicht etwas jünger.
Graues Haar.
Dunkle Augen.
Neben dem Foto stand ein Name.
David Keller.
Ich starrte auf das Bild.
Mein Herz begann zu rasen.
Denn ich kannte diesen Mann.
Ich hatte ihn erst vor wenigen Monaten gesehen.
Hier.
In diesem Krankenhaus.
Er war ein Besucher gewesen.
Ein älterer Mann, der regelmäßig einen Patienten besucht hatte.
Ich hatte damals nicht gewusst, wer er war.
Ich sah Maria an.
— David ist hier.
Sie wurde blass.
— Sie kennen ihn?
Ich nickte.
— Ich habe ihn gesehen.
Anna begann zu weinen.
— Wo?
Ich deutete zur Tür.
— Auf dieser Station.
Maria sprang auf.
— Dann müssen wir ihn finden.
Doch bevor sie gehen konnte, öffnete sich die Tür.
Ein Mann stand davor.
Graues Haar.
Dunkle Augen.
Er sah zuerst Maria an.
Dann Anna.
Dann mich.
Sein Gesicht wurde kreidebleich.
Der Mann hielt sich am Türrahmen fest.
— Anna?
Anna erstarrte.
Ihre Lippen zitterten.
— David?
Der Mann begann zu weinen.
— Mama?
Ich sah die beiden an.
Nach neunundvierzig Jahren hatte sich ein Kreis geschlossen.
Doch David kam nicht allein.
Hinter ihm stand ein Arzt.
Und als ich den Arzt erkannte, wusste ich sofort:
Die Geschichte war noch lange nicht vorbei.



