Der Winter des Jahres 1976 war einer der kältesten Winter, die ich je erlebt hatte.
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Der Winter des Jahres 1976 war einer der kältesten Winter, die ich je erlebt hatte.

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TEIL 4 — „ICH HABE DICH NIE VERGESSEN“

Anna bewegte sich nicht.

Ich auch nicht.

Wir sahen uns einfach an.

Zwei Menschen, die fast ein halbes Jahrhundert lang geglaubt hatten, der andere sei für immer aus ihrem Leben verschwunden.

Dann begann Anna zu weinen.

— Elisabeth.

Nur mein Name.

Aber darin lagen neunundvierzig Jahre.

Ich streckte meine Hand aus.

Anna kam langsam zu meinem Bett.

Sie nahm meine Hand.

Ihre Finger waren kalt.

Genau wie in jener Nacht.

Nur dass sie jetzt die Hände einer alten Frau waren.

— Du bist gekommen.

Sie nickte.

— Ich habe jeden Tag daran gedacht.

— Warum hast du mich nie besucht?

Anna schloss die Augen.

— Weil ich Angst hatte.

— Vor deinem Vater?

— Vor dem, was er tun konnte.

Maria stellte sich neben ihre Mutter.

— Sie hat Sie trotzdem nie vergessen.

Anna sah mich an.

— Ich habe versucht, Ihnen zu schreiben.

— Ich habe nie einen Brief bekommen.

— Ich weiß.

Ihre Stimme zitterte.

— Mein Vater hat alle Briefe abgefangen.

Ich spürte Wut.

Aber gleichzeitig war ich einfach froh, dass sie lebte.

— Was geschah nach deinem Verschwinden?

Anna setzte sich.

Dann begann sie zu erzählen.

Sie war nach der Geburt mit Maria in eine andere Stadt gebracht worden.

Ihr Vater hatte ihr gedroht.

Er hatte ihr gesagt, wenn sie Kontakt zu mir aufnehme, würde er dafür sorgen, dass ich alles verliere.

Haus.

Geld.

Sicherheit.

Anna hatte deshalb geschwiegen.

Sie arbeitete.

Sie zog Maria alleine groß.

Und Jahre später starb ihr Vater.

Doch selbst dann kam sie nicht zurück.

— Warum nicht?

Anna sah auf ihre Hände.

— Weil ich dachte, du hättest mich längst vergessen.

Ich schüttelte den Kopf.

— Niemals.

Anna weinte.

— Ich habe jeden Geburtstag von Maria an dich gedacht.

Maria lächelte traurig.

— Meine Mutter hat mir immer von dem gelben Zimmer erzählt.

Ich lächelte.

— Ich habe es nie verändert.

Anna sah mich überrascht an.

— Es existiert noch?

Ich nickte.

— Genau wie damals.

Anna legte eine Hand vor den Mund.

Dann sagte sie:

— Ich habe immer davon geträumt, es wiederzusehen.

Ich versprach ihr, dass wir dorthin gehen würden.

Aber bevor wir das konnten, fragte ich:

— Was ist mit Daniel passiert?

Annas Gesicht veränderte sich.

Sie wurde still.

— Ich habe die Wahrheit erst vor zehn Jahren erfahren.

— Und?

— Mein Vater hat Daniel nicht selbst getötet.

Ich wartete.

— Aber er hat jemanden dafür bezahlt.

Maria nahm einen kleinen Ordner aus ihrer Tasche.

— Wir haben Beweise.

Ich sah sie an.

— Welche Beweise?

Maria öffnete den Ordner.

Darin lagen Kopien alter Dokumente.

Polizeiberichte.

Bankunterlagen.

Ein Foto.

Und eine handschriftliche Notiz.

Anna sagte:

— Mein Vater hatte einen Mann bezahlt, der Daniel von der Straße abdrängen sollte.

Ich schloss die Augen.

— Ein Unfall.

— Ja.

— Warum erzählst du mir das jetzt?

Anna sah mich an.

— Weil ich nicht möchte, dass du stirbst, ohne die Wahrheit zu kennen.

Ich sah sie lange an.

Dann fragte ich:

— Und was ist mit deinem Vater passiert?

Maria antwortete:

— Er starb vor zwölf Jahren.

Ich atmete erleichtert aus.

Doch dann sagte sie:

— Aber sein Geheimnis starb nicht mit ihm.

Sie holte ein weiteres Dokument heraus.

Es war ein Testament.

Oben stand der Name:

Richard Keller.

Ich las die erste Seite.

Dann die zweite.

Und plötzlich wurde mir klar, warum Maria heute hier war.

Es ging nicht nur um die Vergangenheit.

Es ging um etwas, das mein Leben unmittelbar betraf.

— Was hat das mit mir zu tun?

Maria sah ihre Mutter an.

Anna nickte.

Maria schob mir das Dokument entgegen.

— Ihr Großvater hat Ihnen etwas hinterlassen.

Ich lachte bitter.

— Er hat mich gehasst.

— Genau deshalb.

Ich verstand es nicht.

Dann sagte Maria:

— Er wusste, dass Sie eines Tages die Wahrheit erfahren würden.

Sie legte einen Schlüssel auf meinen Tisch.

Ein alter Messingschlüssel.

An ihm hing ein kleines Schild.

Darauf stand:

Zimmer 17.

Ich sah Anna an.

— Was ist Zimmer 17?

Anna antwortete:

— Ein Raum in dem alten Haus meines Vaters.

Maria fügte hinzu:

— Und dort liegt etwas, das erklärt, warum er Sie all die Jahre beobachtet hat.

Mein Herz schlug schneller.

— Was?

Anna flüsterte:

— Das Original der Geburtsurkunde von Maria.

Ich runzelte die Stirn.

— Das kann doch nicht alles sein.

Anna schüttelte langsam den Kopf.

— Nein.

Sie nahm meine Hand.

— Es gibt noch etwas.

— Was?

Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.

— Maria war nicht das einzige Kind, das mein Vater damals verstecken wollte.