Der Winter des Jahres 1976 war einer der kältesten Winter, die ich je erlebt hatte. DAS MÄDCHEN IN DER SCHNEENACHT UND DAS GELBE ZIMMER
Ich erinnere mich noch heute an diese Nacht, als wäre sie erst gestern gewesen.
Der Wind heulte durch die kahlen Bäume hinter meinem Haus. Eine dicke Schneeschicht bedeckte den schmalen Weg zum Hinterhof. Mein altes Haus war immer ruhig gewesen, aber in dieser Nacht fühlte sich die Stille schwerer an als sonst.
Ich lebte damals allein.
Mein Mann war einige Jahre zuvor gestorben. Meine Kinder waren erwachsen geworden und fortgezogen. Ich hatte mich daran gewöhnt, alleine zu essen, alleine aufzuwachen und dem Ticken der Uhr im Wohnzimmer zuzuhören.
Ich hätte niemals gedacht, dass ein Klopfen an meiner Hintertür mein ganzes Leben verändern würde.
Es war fast Mitternacht, als ich ein Geräusch hörte.
Zuerst dachte ich, es wäre nur ein Ast, der durch den starken Wind gegen die Tür schlug.
Doch dann hörte ich es erneut.
Klopf… klopf… klopf…
Ein leises, zögerndes Klopfen.
Ich zog meinen alten Wollpullover an, nahm eine Lampe und ging zur Hintertür.
Als ich die Tür öffnete, stand dort ein junges Mädchen.
Sie konnte kaum älter als sechzehn Jahre sein.
Ihr Haar war vom Schnee durchnässt. Ihre Lippen waren blau vor Kälte. Ihre Hände zitterten.
Doch das, was mir sofort auffiel…
war ihr Bauch.
Sie war schwanger.
Später erfuhr ich, dass sie bereits im siebten Monat schwanger war.
Aber in diesem Moment sah ich nur ein Kind, das mitten in einer eiskalten Nacht draußen stand, voller Angst und ganz allein.
Sie sah mich mit Tränen in den Augen an.
— Bitte… darf ich eine Nacht hier bleiben?
Ihre Stimme war so schwach, dass der Wind ihre Worte fast davontrug.
Ich fragte sie nicht, woher sie kam.
Ich fragte nicht, wer der Vater des Babys war.
Ich fragte nicht, warum ein sechzehnjähriges Mädchen allein durch die Kälte lief.
Manchmal muss man nicht alle Antworten kennen, um jemandem zu helfen.
Manchmal muss man nur erkennen, dass jemand leidet.
Ich öffnete die Tür weiter.
— Komm herein, mein Kind. Du erfrierst ja fast.
Sie blieb einige Sekunden stehen, als könnte sie nicht glauben, dass ich sie wirklich hereinließ.
Dann begann sie zu weinen.
Ich brachte sie in die Küche, machte ihr eine warme Milch und gab ihr die dickste Decke, die ich besaß.
Nach einer Weile erzählte sie mir ihren Namen.
Anna.
Sie hatte fast nichts bei sich.
Nur eine kleine, alte Tasche.
Darin befanden sich ein paar Babykleider, die sie für ihr ungeborenes Kind vorbereitet hatte.
Ich brachte Anna in das leere Zimmer am Ende des Flurs.
Es war ein Raum, den ich kaum benutzte.
Die Wände waren gelb gestrichen, aber die Farbe war alt und an einigen Stellen abgeblättert. Neben dem Fenster stand ein kleines Bett und in der Ecke befand sich ein alter Holzschrank.
Es war kein schönes Zimmer.
Kein luxuriöses Zimmer.
Aber in dieser Nacht war es der sicherste Ort, den Anna hatte.
Ich erinnere mich noch genau, wie sie ihre Hand an die gelbe Wand legte und leise sagte:
— Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder einen Ort haben würde, an den ich zurückkehren kann.
Diese Worte brachen mir fast das Herz.
Denn ein sechzehnjähriges Mädchen sollte nicht allein gegen die Welt kämpfen müssen.
Sie sollte beschützt werden.
Die Monate danach blieb Anna bei mir.
Von Januar bis April dieses Jahres.
Ich kümmerte mich um sie wie um meine eigene Tochter.
Ich zeigte ihr, wie man Babykleidung wäscht.
Wir kauften gemeinsam die ersten kleinen Dinge für das Baby.
Ein Paar weiße Söckchen.
Eine weiche Decke.
Eine winzige Mütze.
Jeden Abend saßen wir gemeinsam in dem gelben Zimmer und sprachen über die Zukunft.
Anna legte oft ihre Hand auf ihren Bauch und lächelte.
— Ich möchte, dass mein Kind ein besseres Leben bekommt als ich.
Ich lächelte und antwortete:
— Das wird es. Denn dein Kind hat eine Mutter, die es von ganzem Herzen liebt.
Der Tag der Geburt kam schneller, als wir erwartet hatten.
Im Cuoe District Hospital stand ich vor dem Kreißsaal und betete für Anna.
Als ich den ersten Schrei des Babys hörte, liefen auch mir die Tränen über das Gesicht.
Ein gesunder kleiner Junge.
Anna hielt ihr Baby im Arm und sah mich an.
Ihr Gesicht war voller Tränen.
— Danke… ohne Sie weiß ich nicht, was aus uns geworden wäre.
Ich hielt ihre Hand.
Ich wusste nicht, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich Annas Stimme hören würde.
Eines Morgens im April…
wachte ich auf wie jeden Tag.
Ich machte Frühstück.
Ich rief ihren Namen.
Doch niemand antwortete.
Ich ging zum gelben Zimmer.
Die Tür stand einen Spalt offen.
Das Bett war ordentlich gemacht.
Die Decke, die ich ihr gegeben hatte, lag sorgfältig zusammengefaltet darauf.
Die kleine Wiege neben dem Bett war leer.
Anna und ihr Baby waren verschwunden.
Ohne Abschied.
Ohne Brief.
Ohne eine einzige Nachricht.
Ich stand lange in diesem Zimmer.
Ich dachte, vielleicht würde sie nach ein paar Tagen zurückkommen.
Aber aus Tagen wurden Wochen.
Aus Wochen wurden Jahre.
Anna kam nie zurück.
49 Jahre lang betete ich für sie und ihr Kind.
Ich wusste nicht, wo sie waren.
Ich wusste nicht, wie ihr Leben verlaufen war.
Ich hoffte nur, dass sie beide glücklich und sicher waren.
Dieses Jahr wurde ich 80 Jahre alt.
Der Arzt sagte mir, dass ich nur noch wenige Wochen zu leben hätte.
Am Dienstag brachten sie mich auf die Palliativstation.
Ich dachte, mein Leben würde mit einer unbeantworteten Frage enden:
„Was ist aus Anna und ihrem Baby geworden?“
Doch heute Morgen…
kam eine Krankenschwester in mein Zimmer, um meine Infusion zu kontrollieren.
Sie hatte einige graue Haare.
Aber ihre Augen…
ihr Gesicht…
Ich erkannte sie sofort.
Ich konnte kaum atmen.
Sie sah in meine Krankenakte.
Dann blickte sie auf den Namen an meinem Armband.
Ihre Hand blieb plötzlich stehen.
Der Raum wurde vollkommen still.
Dann flüsterte sie mit zitternder Stimme:
— Sie sind es…
Ich sah sie fassungslos an.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
— Das gelbe Zimmer…
Mein Herz blieb für einen Moment stehen.
Sie nahm meine Hand.
— Meine Mutter hat immer gesagt… die Frau, die uns gerettet hat, hieß…
Und der Name, den sie danach aussprach…
war der Name, von dem ich niemals gedacht hätte, ihn nach 49 Jahren noch einmal zu hören.



