TEIL 2 — DER NAME, DEN ICH 49 JAHRE LANG VERGESSEN WOLLTE
Ich starrte die Krankenschwester an.
Ich konnte nicht sprechen.
Nicht, weil ich ihren Namen nicht verstanden hatte.
Sondern weil ich ihn kannte.
Ich hatte diesen Namen vor neunundvierzig Jahren gehört.
In einer Zeit, in der mein Leben noch anders gewesen war.
In einer Zeit, in der ein sechzehnjähriges Mädchen mit einem ungeborenen Kind in meinen Händen gelegen hatte.
Die Krankenschwester drückte meine Hand.
Ihre Finger zitterten.
— Sie heißen… Elisabeth Hartmann.
Ich schloss die Augen.
Elisabeth.
Mein Name.
Mein alter Name.
Der Name, den Anna immer ausgesprochen hatte, wenn sie mich „Mutter“ nannte.
Ich öffnete langsam die Augen.
— Anna?
Die Krankenschwester begann zu weinen.
Sie nickte.
— Ja.
Ein einziges Wort.
Aber es fühlte sich an, als hätte jemand die Tür zu einer längst vergessenen Welt aufgestoßen.
— Du bist… Annas Tochter?
Sie setzte sich auf den Stuhl neben meinem Bett.
— Ja.
Ich sah ihr Gesicht an.
Zum ersten Mal erkannte ich die Ähnlichkeit richtig.
Die Augen.
Diese großen, warmen Augen.
Anna hatte dieselben gehabt.
Auch die kleine Falte über ihrer linken Augenbraue war identisch.
Ich erinnerte mich plötzlich an ein Mädchen, das damals oft ihre Hand auf ihren Bauch gelegt hatte.
Ein Mädchen, das nachts Angst gehabt hatte.
Ein Mädchen, das mir einmal gesagt hatte:
„Ich möchte, dass mein Kind niemals Angst haben muss.“
Und jetzt saß ihr Kind vor mir.
Als erwachsene Frau.
Als Krankenschwester.
Und ich war achtzig Jahre alt und lag im Sterben.
— Wie heißt du? — fragte ich.
Sie lächelte unter Tränen.
— Maria.
Ich wiederholte den Namen leise.
Maria.
— Ich habe dich im Arm gehalten, bevor du überhaupt deinen eigenen Namen kanntest.
Maria bedeckte ihren Mund.
— Meine Mutter hat mir alles erzählt.
Ich richtete mich mühsam auf.
— Dann sag mir bitte, warum sie verschwunden ist.
Maria schwieg.
Ich sah sofort, dass etwas nicht stimmte.
— Anna ist tot?
Sie schüttelte den Kopf.
— Nein.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
— Dann lebt sie?
Maria sah zur Tür.
Als müsste sie überprüfen, ob jemand lauschte.
Dann sagte sie:
— Meine Mutter lebt.
Ich konnte meinen Ohren kaum glauben.
Neunundvierzig Jahre.
Neunundvierzig Jahre hatte ich mich gefragt, ob Anna noch lebte.
— Wo?
Maria nahm tief Luft.
— Nicht weit von hier.
Ich begann zu weinen.
Nicht aus Freude.
Nicht nur.
Es war etwas Größeres.
Wut.
Erleichterung.
Schmerz.
Und all die Jahre, die ich verloren hatte.
— Warum hat sie nie geschrieben?
Maria senkte den Blick.
— Weil sie es versucht hat.
Ich sah sie an.
— Was meinst du?
Sie griff in ihre Tasche und holte einen kleinen, alten Umschlag heraus.
Der Umschlag war vergilbt.
Die Ecken waren zerknittert.
Und vorne stand mein Name.
Elisabeth.
Meine Hände begannen zu zittern.
— Was ist das?
— Ein Brief meiner Mutter.
— Warum habe ich ihn nie bekommen?
Maria antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie:
— Weil jemand dafür gesorgt hat.
Mir wurde kalt.
Kälter als in jener Schneenacht im Jahr 1976.
— Wer?
Maria sah mich direkt an.
— Mein Großvater.
Ich erstarrte.
Anna hatte mir damals nie viel über ihre Familie erzählt.
Nur, dass ihr Vater streng gewesen sei.
Sehr streng.
Und dass sie von zu Hause weggelaufen war.
Ich hatte nie weiter gefragt.
Maria öffnete vorsichtig den Umschlag.
— Meine Mutter wollte Ihnen diesen Brief geben. Aber sie durfte nicht.
— Durfte?
Maria nickte.
— Mein Großvater hat sie gefunden, kurz nachdem sie Sie verlassen hatte.
Ich schloss die Augen.
Plötzlich ergaben viele Dinge Sinn.
Warum Anna ohne Abschied gegangen war.
Warum sie nichts zurückgelassen hatte.
Warum sie nie wiedergekommen war.
Aber eine Frage blieb.
— Warum?
Maria sah mich lange an.
Dann sagte sie:
— Weil mein Großvater nicht wollte, dass ich existiere.
Ich öffnete die Augen.
— Was?
Maria legte den Brief auf meine Bettdecke.
— Meine Mutter war sechzehn. Sie war schwanger. Ihre Familie wollte das Kind weggeben.
Ich starrte sie an.
— Sie wollten dich weggeben?
— Ja.
Maria schluckte.
— Aber meine Mutter wollte mich behalten.
Ich sah auf den Brief.
— Und was hatte ich damit zu tun?
Maria lächelte traurig.
— Sie waren die einzige Person, die meiner Mutter damals geholfen hat.
Sie nahm meine Hand.
— Deshalb hat sie Ihnen ihr Kind anvertraut.
Ich sah sie fassungslos an.
— Aber warum ist sie gegangen?
Maria antwortete:
— Weil sie glaubte, sie würde Sie und mich in Gefahr bringen.
Dann zog sie einen zweiten Umschlag hervor.
Dieser war kleiner.
Auf ihm standen nur drei Worte:
Für Elisabeth. Wenn nötig.
Mein Atem stockte.
— Was ist darin?
Maria sah mich an.
— Die Wahrheit darüber, wer mein Vater wirklich war.
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
Ich war achtzig Jahre alt.
Mein Leben sollte eigentlich zu Ende gehen.
Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, dass meine Geschichte gerade erst begann.



