TEIL 7 — DER ERBE, DEN NIEMAND KANNTE
„Das ist unmöglich.“
Meine Stimme klang kaum hörbar.
Victor stand noch immer neben dem Tisch.
„Ich wünschte, es wäre so.“
Daniel nahm ihm das Telefon aus der Hand.
„Wer hat angerufen?“
Victor antwortete:
„Der Testamentsverwalter.“
„Und was hat er gesagt?“
„Der Fonds wurde aktiviert.“
„Das wissen wir.“
Victor schüttelte den Kopf.
„Nein. Du verstehst nicht.“
Er zeigte auf das Dokument.
„Der Fonds wurde nicht für Mabel aktiviert.“
Ich sah ihn an.
„Für wen dann?“
Victor sagte:
„Für einen unbekannten Erben.“
Stille.
Mein Mann wurde blass.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
„Es gibt keinen weiteren Erben.“
Victor sah ihn an.
„Das hast du geglaubt.“
Daniel setzte sich.
„Wer ist es?“
Victor antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Fiona hatte noch ein Kind.“
Ich dachte, ich hätte mich verhört.
„Was?“
„Ein Kind, das nie in den Familienunterlagen auftauchte.“
Daniel stand auf.
„Nein.“
Victor nickte.
„Doch.“
Mein Mann schüttelte den Kopf.
„Unsere Mutter hatte nur drei Kinder.“
„Offiziell.“
„Wer war das vierte?“
Victor sah mich an.
„Eine Tochter.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Wo ist sie?“
„Das weiß niemand.“
Daniel trat näher.
„Warum hast du sie versteckt?“
Victor schloss kurz die Augen.
„Weil sie in Gefahr war.“
„Vor wem?“
„Vor mir.“
Alle schwiegen.
Victor erzählte schließlich die Geschichte.
Fiona hatte kurz nach Daniels Geburt ein weiteres Kind bekommen.
Ein Mädchen.
Sie nannte sie Lily.
Doch Victor hatte zu dieser Zeit bereits Feinde.
Menschen, die wussten, dass seine Firma Millionen wert war.
Sie drohten ihm.
Und sie wollten seine Kinder.
Fiona gab Lily deshalb einer anderen Familie.
Sie bekam einen neuen Namen.
Eine neue Identität.
Ein neues Leben.
Und die Familie Carter tat so, als hätte sie nie existiert.
„Wo ist sie jetzt?“, fragte ich.
Victor schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Aber der Testamentsverwalter muss wissen, wer sie ist.“
„Er weiß nur, dass sie existiert.“
Daniel nahm das Dokument.
„Hier steht etwas.“
Er zeigte auf eine handschriftliche Notiz.
LILY HAYES — ERBIN NR. 4.
Darunter stand eine Telefonnummer.
Ich nahm mein Handy.
„Ich rufe an.“
Victor hielt meine Hand fest.
„Nicht.“
„Warum?“
„Weil wir nicht wissen, wer diese Nummer besitzt.“
Ich zog meine Hand zurück.
„Ich habe genug davon, dass alle für mich entscheiden.“
Ich wählte die Nummer.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Dann ging jemand ran.
Eine Frauenstimme.
„Hallo?“
Ich konnte nicht sprechen.
Die Stimme fragte:
„Wer ist da?“
Ich sagte:
„Mein Name ist Mabel.“
Stille.
Dann:
„Ich weiß.“
Mein Herz blieb stehen.
„Wer sind Sie?“
„Das weißt du doch.“
„Lily?“
Die Frau atmete hörbar ein.
„Wer hat dir diesen Namen gegeben?“
„Fiona.“
Wieder Stille.
Dann sagte die Frau:
„Dann ist sie tot.“
Ich schloss die Augen.
„Ja.“
„Und Victor?“
„Er lebt.“
Die Frau lachte leise.
„Natürlich tut er das.“
Victor sah mich fragend an.
Ich stellte den Lautsprecher an.
Die Stimme sagte:
„Ihr habt dreißig Jahre gebraucht.“
Daniel trat näher.
„Lily?“
„Daniel.“
Er wurde blass.
„Du kennst mich?“
„Ich kenne euch alle.“
Mein Mann fragte:
„Warum hast du dich nie gemeldet?“
„Weil Fiona mich darum gebeten hat.“
„Warum?“
„Weil sie wusste, dass einer von euch sie verraten würde.“
Niemand sagte etwas.
Dann fragte ich:
„Wer?“
Die Antwort kam sofort.
„Dein Mann.“
Ich sah ihn an.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Lily fuhr fort:
„Er hat vor sechs Jahren einen Vertrag unterschrieben.“
Mein Mann wurde blass.
„Das stimmt nicht.“
„Doch.“
„Welchen Vertrag?“
„Den Vertrag, der Fiona dazu brachte, ihre letzten Jahre unter deiner Kontrolle zu verbringen.“
Ich verstand plötzlich.
„Du hast ihr die Medikamente bezahlt.“
Mein Mann sah mich an.
„Mabel …“
„Du hast entschieden, wann sie zum Arzt durfte.“
„Ich wollte nur helfen.“
„Du hast ihr Konto kontrolliert.“
„Es war kompliziert.“
Lily sagte:
„Er hat versucht, Fiona für unmündig erklären zu lassen.“
Ich fühlte mich krank.
„Warum?“
„Damit er Zugriff auf ihre Unterlagen bekommt.“
Mein Mann schwieg.
Daniel schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Du verdammter Lügner.“
Mein Mann wich zurück.
Victor stand auf.
„Genug.“
Dann fragte Lily:
„Habt ihr den Safe geöffnet?“
Ich antwortete:
„Welchen Safe?“
Sie schwieg.
„Dann hat Fiona euch noch nicht alles gegeben.“
„Was fehlt?“
„Eine rote Mappe.“
Victor erstarrte.
„Nein.“
Lily lachte bitter.
„Doch.“
„Wo ist sie?“
„Bei mir.“
Ich sah Daniel an.
„Was ist darin?“
Lily antwortete:
„Der Beweis, dass Victor nicht der Vater von uns allen ist.“
Victor wurde kreidebleich.
„Lily, hör mir zu.“
„Nein.“
„Bitte.“
„Du hast dreißig Jahre lang geschwiegen.“
„Ich wollte euch schützen.“
„Nein.“
Ihre Stimme wurde kalt.
„Du wolltest dich schützen.“
Dann legte sie auf.
Ich sah in die Runde.
Niemand sagte etwas.
Schließlich fragte ich:
„Wer ist unser Vater wirklich?“
Victor antwortete nicht.
Mein Mann sah zu Boden.
Daniel schloss die Augen.
Und plötzlich wusste ich:
Sie alle kannten die Antwort.
Nur ich nicht.



