TEIL 4 — DAS GELD, DAS NIEMANDEM GEHÖRTE
Daniel brachte mich in ein kleines Café außerhalb der Innenstadt.
Wir setzten uns in die hinterste Ecke.
Ich konnte immer noch nicht begreifen, was er mir erzählt hatte.
„Wie viel Geld?“
Daniel sah sich um.
„Sehr viel.“
„Das ist keine Antwort.“
„Mehr als zwanzig Millionen Euro.“
Ich starrte ihn an.
„Was?“
Er nickte.
„Fiona war nicht arm.“
Ich dachte an die letzten zwölf Jahre.
An die unbezahlten Rechnungen.
An die Medikamente.
An die Miete.
An die kleinen Beträge, die ich heimlich für sie übernommen hatte.
„Warum hat sie uns dann nie etwas gesagt?“
Daniel antwortete:
„Weil das Geld nicht einfach ihr gehörte.“
„Wem dann?“
„Uns.“
Ich runzelte die Stirn.
„Uns?“
„Fiona und ihre Kinder.“
Er legte mehrere Dokumente auf den Tisch.
„Unser Großvater hatte eine Firma. Eine große Firma. Vor Jahrzehnten wurde sie verkauft.“
„Und das Geld?“
„Verschwand offiziell.“
„Offiziell?“
„Inoffiziell wurde es auf mehrere Konten verteilt.“
Ich sah auf die Dokumente.
Drei Namen.
Daniel Carter.
Mein Mann.
Und …
Mabel Carter.
Ich sprang fast auf.
„Mein Name?“
Daniel nickte.
„Fiona hat dich als Erbin eingetragen.“
„Warum?“
„Weil sie wusste, dass ihre eigenen Kinder das Geld zerstören würden.“
„Aber warum ich?“
„Weil du zwölf Jahre lang geblieben bist.“
Ich musste schlucken.
Daniel sah mich ernst an.
„Fiona wusste, wer ihre Kinder wirklich waren.“
„Und mein Mann?“
Er schwieg.
„Daniel.“
„Er weiß seit Jahren von dem Geld.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Warum hat er nie etwas gesagt?“
„Weil er nicht wollte, dass du davon erfährst.“
„Warum?“
„Weil du ohne dich nicht an das Geld herankommen konntest.“
Ich fühlte mich plötzlich benutzt.
Die zwölf Jahre.
Die Pflege.
Die Ehe.
Alles schien plötzlich anders.
„Hat er mich deshalb geheiratet?“
Daniel sah mich an.
„Ich weiß es nicht.“
Doch seine Stimme verriet, dass er mehr wusste.
„Sag es mir.“
„Ich habe Beweise.“
Er zog sein Telefon heraus.
Ein Video.
Mein Mann saß in einem Büro.
Neben ihm saß eine Frau.
Ich erkannte sie.
Meine Schwägerin.
Sie sprachen über Fiona.
„Mabel darf nichts erfahren“, sagte mein Mann.
Meine Schwägerin antwortete:
„Und wenn Fiona stirbt?“
Mein Mann sagte:
„Dann kümmern wir uns um Mabel.“
Ich hielt die Hand vor meinen Mund.
Dann hörte ich einen Satz, der mich innerlich zerbrach.
„Sie wird sowieso nichts verlangen. Sie war immer zu loyal.“
Das Video endete.
Ich weinte.
Nicht wegen des Geldes.
Sondern weil ich plötzlich verstand, wie wenig sie mich respektiert hatten.
Ich hatte Fiona aus Liebe gepflegt.
Aber vielleicht hatten sie meine Güte immer als Schwäche betrachtet.
Daniel legte seine Hand auf meine.
„Es tut mir leid.“
„Was soll ich jetzt tun?“
„Das, was Fiona wollte.“
„Was wollte sie?“
Er zog einen letzten Umschlag heraus.
„Sie wollte, dass du die Familie konfrontierst.“
Ich öffnete den Umschlag.
Fionas Brief war kurz.
„Mabel, du warst die Einzige, die mich gepflegt hat, ohne nach meinem Geld zu fragen. Deshalb bekommst du nicht nur meinen Anteil. Du bekommst die Kontrolle über den gesamten Familienfonds. Aber bevor du ihn beanspruchst, musst du wissen, wer wirklich auf deiner Seite steht.“
Darunter war eine Liste.
Namen.
Einige kannte ich.
Andere nicht.
Neben jedem Namen stand ein Datum.
Dann entdeckte ich einen Namen, der mich erschütterte.
Mein Mann.
Daneben:
„Er weiß alles.“
Doch darunter stand noch ein Name.
Daniel Carter.
Daneben:
„Er kennt die Wahrheit über seine Herkunft.“
Ich sah Daniel an.
„Was bedeutet das?“
Er antwortete nicht.
„Daniel.“
Er senkte den Blick.
„Ich bin nicht der Sohn von Samuel.“
„Was?“
„Ich bin der Sohn eines anderen Mannes.“
„Wessen?“
Daniel holte tief Luft.
„Des Mannes, der das Geld überhaupt erst geschaffen hat.“
Ich erstarrte.
„Wer?“
Daniel sah mich an.
„Fionas erster Ehemann.“
„Aber Samuel war ihr Ehemann.“
„Samuel war ihr zweiter Mann.“
Ich konnte kaum atmen.
„Dann wer war der erste?“
Daniel antwortete:
„Victor Hayes.“
Der Name sagte mir nichts.
Doch Daniel sah aus, als würde er jeden Moment etwas Schreckliches erzählen.
„Mabel, dein Mann kennt diesen Namen.“
„Warum?“
„Weil Victor Hayes sein wirklicher Vater ist.“
Mein Herz schlug schneller.
„Dann sind mein Mann und du Halbbrüder.“
Daniel nickte.
Und genau in diesem Moment bekam ich eine Nachricht.
Von meinem Mann.
Wir müssen reden. Heute Nacht. Allein.
Darunter stand eine Adresse.
Ein altes Haus außerhalb der Stadt.
Daniel sah die Nachricht.
„Geh nicht.“
„Warum?“
„Weil ich diesen Ort kenne.“
„Was ist dort?“
Daniel sah mich ernst an.
„Dort hat Fiona vor dreißig Jahren jemanden sterben lassen.“



