TEIL 3 — DER MANN AUF DEM FOTO
Ich folgte dem Fremden nicht.
Nicht, weil ich keine Angst hatte.
Sondern weil ich wusste, dass genau das vielleicht sein Plan war.
Ich verließ den Bahnhof durch einen anderen Ausgang und fuhr direkt zu meiner Schwester.
Ich erzählte ihr nichts.
Noch nicht.
Ich musste zuerst verstehen, was Fiona mir hinterlassen hatte.
Zu Hause versteckte ich die Metallkassette unter dem Bett.
Dann wartete ich.
Mein Mann kam gegen sieben Uhr nach Hause.
„Mabel.“
Ich sah ihn an.
„Wo warst du?“
„In Utrecht.“
Er erstarrte für einen Sekundenbruchteil.
Nur einen Sekundenbruchteil.
Aber ich bemerkte es.
„Warum?“
„Ich musste etwas erledigen.“
Er trat näher.
„Was?“
„Nichts Wichtiges.“
Er sah mich lange an.
„Du lügst.“
Ich lächelte schwach.
„Seit wann interessiert dich das?“
Er antwortete nicht.
Dann sagte er:
„Meine Mutter ist gerade gestorben. Können wir nicht wenigstens heute aufhören zu streiten?“
Ich wollte ihm glauben.
Wirklich.
Aber Fionas Brief lag in meiner Tasche.
Vertraue keinem meiner Kinder.
Ich nickte.
„Natürlich.“
Er küsste mich auf die Stirn.
Dann ging er ins Schlafzimmer.
Ich wartete.
Zehn Minuten später hörte ich die Tür zum Badezimmer.
Ich ging leise ins Schlafzimmer.
Seine Jacke hing am Stuhl.
Ich durchsuchte die Taschen.
Nichts.
Dann fand ich einen kleinen Schlüssel.
Nicht denselben wie meinen.
Auf dem Anhänger stand:
417.
Mein Herz setzte aus.
Ich nahm ein Foto davon.
Dann legte ich den Schlüssel zurück.
Als mein Mann wieder herauskam, saß ich bereits im Wohnzimmer.
„Mabel?“
„Ja?“
„Alles okay?“
„Ja.“
Ich lächelte.
„Alles bestens.“
In dieser Nacht schlief ich nicht.
Am nächsten Morgen fuhr ich wieder nach Utrecht.
Ich öffnete Schließfach 417.
Doch diesmal war es leer.
Jemand hatte die Kassette herausgenommen.
Mein Herz begann zu rasen.
Ich hatte sie doch zu Hause versteckt.
Dann hörte ich hinter mir eine Stimme.
„Sie haben es auch gefunden.“
Ich drehte mich um.
Der Mann aus dem Bahnhof stand vor mir.
Ich wich zurück.
„Wer sind Sie?“
Er hob beide Hände.
„Keine Angst.“
„Wer sind Sie?“
Er zog ein altes Foto aus seiner Tasche.
Dasselbe Foto, das ich in Fionas Kassette gefunden hatte.
„Mein Name ist Daniel.“
Ich betrachtete das Bild.
„Sie kennen Fiona.“
„Sehr gut.“
„Wer sind Sie für sie?“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Ihr ältester Sohn.“
Ich lachte ungläubig.
„Das ist unmöglich.“
„Nein.“
Er nahm ein weiteres Dokument heraus.
Eine Geburtsurkunde.
Darauf stand sein Name.
Daniel Carter.
Mutter:
Fiona Carter.
Geburtsjahr:
1978.
Ich konnte kaum sprechen.
„Aber … Fiona hatte nur einen Sohn.“
Daniel sah mich traurig an.
„Das hat sie euch glauben lassen.“
„Warum?“
„Weil sie mich weggeben musste.“
„Wohin?“
„Zu einer Familie, die mich schützen konnte.“
Ich starrte ihn an.
„Warum musste sie dich schützen?“
Daniel sah sich um.
„Weil mein Vater nicht wusste, dass ich existiere.“
„Wer war dein Vater?“
Er sah mich direkt an.
„Samuel Carter.“
Ich erstarrte.
„Fionas Ehemann.“
Daniel nickte.
„Aber das ist nicht das Schlimmste.“
Er nahm einen weiteren Umschlag heraus.
„Lies das.“
Ich öffnete ihn.
Es war ein Brief von Fiona.
Diesmal hatte sie ihn offenbar für Daniel geschrieben.
„Wenn Mabel diesen Brief liest, bedeutet das, dass ich tot bin. Daniel, du musst sie beschützen. Sie weiß noch nicht, dass dein Bruder ihr Ehemann nicht derjenige ist, für den er sich ausgibt.“
Ich sah Daniel an.
„Was bedeutet das?“
Er setzte sich.
„Dein Mann ist nicht mein Bruder.“
Ich verstand nichts.
„Dann wer ist er?“
Daniel holte ein altes Familienfoto hervor.
Darauf waren Fiona und Samuel.
Und zwei Babys.
„Fiona bekam Zwillinge.“
Ich hielt den Atem an.
„Zwillinge?“
„Ja.“
„Aber warum wusste niemand davon?“
Daniel antwortete:
„Weil eines der Kinder kurz nach der Geburt verschwinden sollte.“
„Welches?“
Er zeigte auf das Foto.
„Dein Mann.“
Ich wurde blass.
„Warum?“
Daniel sah mich an.
„Weil er nicht Samuel Carters Sohn war.“
Stille.
„Was?“
„Fiona hatte Angst, dass jemand herausfinden würde, wer sein wirklicher Vater war.“
Ich dachte an die zweite Geburtsurkunde.
An die verschiedenen Daten.
An den Fremden.
An Fionas Warnung.
Dann vibrierte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sprach.
Dann hörte ich eine Stimme.
Eine Stimme, die ich kannte.
Mein Mann.
„Mabel.“
Ich erstarrte.
„Wo bist du?“
Ich sagte nichts.
Er atmete langsam aus.
Dann flüsterte er:
„Du hättest das Schließfach niemals öffnen dürfen.“
Die Verbindung wurde beendet.
Daniel sah mich an.
„Er weiß es.“
„Was?“
„Dass ich noch lebe.“
Er stand auf.
„Und jetzt wird er versuchen, uns beide zum Schweigen zu bringen.“
Ich sah ihn an.
„Warum?“
Daniel antwortete:
„Weil Fiona nicht nur ein Geheimnis über unsere Familie versteckt hat.“
Er zeigte auf den Umschlag.
„Sie hat ein Geheimnis über Millionen von Euro versteckt.“



