Nach 12 Jahren, in denen ich mich um meine Schwiegermutter gekümmert hatte,
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Nach 12 Jahren, in denen ich mich um meine Schwiegermutter gekümmert hatte,

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TEIL 11 — DER MANN AM TELEFON

Ich hielt das Telefon noch immer am Ohr.

„Hallo?“

Keine Antwort.

„Wer sind Sie?“

Die Verbindung war tot.

Ich sah Victor an.

Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren.

„Du kennst ihn“, sagte ich.

Victor schwieg.

„Wer ist er?“

Daniel trat näher.

„Victor?“

Er sah uns an.

Dann sagte er leise:

„Sein Name ist Samuel.“

Ich erstarrte.

„Samuel?“

Victor nickte.

„Samuel Carter.“

Mein Mann wurde blass.

„Unser Großvater?“

„Ja.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist unmöglich.“

Victor sah mich ernst an.

„Nein, Mabel. Es ist möglich.“

„Aber Samuel ist seit Jahren tot.“

„Das haben wir alle geglaubt.“

Draußen hörten wir erneut Schritte.

Die Männer vor dem Haus waren noch immer da.

Doch plötzlich geschah etwas Seltsames.

Kein weiterer Schuss.

Keine eingeschlagene Tür.

Nur Stille.

Daniel blickte aus dem Fenster.

„Sie sind weg.“

„Was?“

Er sah hinaus.

Die drei Autos waren verschwunden.

Auf der Straße war niemand mehr.

Ich wusste sofort, dass das kein Zufall war.

Jemand hatte ihnen befohlen, sich zurückzuziehen.

Jemand, der mächtiger war als Victor.

Jemand, der wusste, dass wir hier waren.

Ich nahm die rote Mappe.

„Wir müssen gehen.“

Niemand widersprach.

Wir verließen das Haus durch die Hintertür.

Im Auto sagte lange niemand etwas.

Dann fragte mein Mann:

„Mabel … glaubst du wirklich, dass Samuel lebt?“

„Ich weiß es nicht.“

Victor antwortete vom Rücksitz:

„Er lebt.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Daniel.

Victor sah aus dem Fenster.

„Weil ich ihn vor zwei Monaten gesehen habe.“

Ich drehte mich um.

„Du hast ihn gesehen?“

„Ja.“

„Und du hast uns nichts gesagt?“

„Ich wollte euch schützen.“

Ich lachte bitter.

„Schon wieder diese Worte.“

Victor schwieg.

Wir fuhren zu einem kleinen Hotel außerhalb der Stadt.

Dort öffnete Daniel die rote Mappe erneut.

Wir legten jedes Dokument auf den Tisch.

Namen.

Konten.

Firmen.

Geburtsurkunden.

Fotos.

Und schließlich fanden wir eine Seite, die bisher zwischen zwei Dokumenten versteckt gewesen war.

Darauf stand:

PROJEKT FAMILIE — STUFE DREI

Darunter:

Zielperson: Mabel Carter.

Ich wurde kalt.

„Was bedeutet das?“

Daniel las weiter.

„Beobachtung seit Geburt.“

Mein Mann setzte sich.

„Nein.“

Ich sah ihn an.

„Du wusstest davon.“

„Ich wusste von einem Teil.“

„Welchem?“

Er antwortete:

„Dass dich jemand beobachten ließ.“

„Wer?“

Er zeigte auf die Liste.

Ganz unten stand ein Name.

Samuel Carter.

Ich schloss die Augen.

„Mein Großvater.“

Victor nickte.

„Er hat dich dein ganzes Leben lang beobachtet.“

„Warum?“

Victor antwortete:

„Weil du der Schlüssel zu seinem größten Geheimnis bist.“

„Welchem?“

Er nahm einen letzten Umschlag aus seiner Tasche.

„Das weiß niemand.“

Ich öffnete ihn.

Darin lag ein Foto.

Ein Baby.

Ich.

Daneben standen zwei Männer.

Victor.

Und Samuel.

Auf der Rückseite stand:

„Wenn sie erwachsen ist, wird sie die Wahrheit finden.“

Darunter ein Datum.

Morgen.

Ich sah auf.

„Was passiert morgen?“

Victor antwortete:

„Der Familienfonds wird endgültig übertragen.“

„An mich?“

„Ja.“

„Und Samuel?“

Victor schwieg.

Dann klingelte mein Telefon.

Wieder diese unbekannte Nummer.

Diesmal nahm ich sofort ab.

„Samuel?“

Eine ruhige Männerstimme antwortete:

„Endlich.“

Mein Herz raste.

„Warum hast du mich mein ganzes Leben lang beobachtet?“

„Weil ich wissen musste, ob du deiner Mutter ähnlich bist.“

„Warum?“

„Weil Fiona die einzige Frau war, die mich jemals verraten hat.“

Ich schluckte.

„Sie hat mich gerettet.“

„Ja.“

„Und du hast sie dafür bestraft.“

„Nein.“

Seine Stimme wurde plötzlich traurig.

„Ich habe sie geliebt.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

„Dann warum hast du sie sterben lassen?“

Lange Stille.

Dann sagte Samuel:

„Ich habe sie nicht sterben lassen.“

Ich erstarrte.

„Was?“

„Fiona ist nicht an ihrer Krankheit gestorben.“

Mein Atem stockte.

„Was willst du damit sagen?“

„Sie wurde ermordet.“

Ich ließ das Telefon beinahe fallen.

„Wer?“

Samuel antwortete:

„Das solltest du deinen Mann fragen.“

Ich sah ihn an.

Mein Mann wurde bleich.

„Mabel …“

„Was hast du getan?“

„Nichts.“

Samuel sagte am Telefon:

„Er war in der Nacht bei ihr.“

Mein Mann schüttelte den Kopf.

„Das stimmt nicht.“

„Doch.“

Ich konnte kaum atmen.

„Warst du dort?“

Er sah mich an.

Tränen standen in seinen Augen.

„Ja.“

Ich trat zurück.

„Warum?“

„Weil Fiona mich darum gebeten hatte.“

„Worum?“

Er antwortete nicht.

Samuel sagte:

„Frag ihn, was Fiona ihm kurz vor ihrem Tod gegeben hat.“

Ich dachte an das Kissen.

An den Schlüssel.

An die Briefe.

Doch mein Mann schüttelte nur den Kopf.

„Mabel, du verstehst das falsch.“

„Dann erklär es mir.“

Er öffnete den Mund.

Aber bevor er sprechen konnte, hörten wir draußen eine Autotür.

Daniel sprang auf.

„Jemand ist hier.“

Samuel sagte am Telefon:

„Sie haben euch gefunden.“

„Wer?“

„Die Menschen, die Fiona töten ließen.“

Ich sah zur Tür.

Dann sagte Samuel:

„Mabel, hör mir genau zu.“

„Ja?“

„Vertrau niemandem.“

„Nicht einmal dir?“

Eine kurze Pause.

Dann antwortete er:

„Vor allem nicht mir.“

Die Verbindung wurde beendet.

Ich stand mitten im Zimmer.

Vor mir mein Mann.

Neben mir Daniel.

Hinter mir Victor.

Und auf dem Tisch lag die rote Mappe.

Zum ersten Mal verstand ich:

Vielleicht war Fiona nicht gestorben, weil ihr Geheimnis entdeckt worden war.

Vielleicht war sie gestorben, weil sie mir die Wahrheit hinterlassen hatte.

Und irgendwo in dieser Stadt wartete der Mann, der behauptete, mein Großvater zu sein.

Doch bevor wir ihn finden konnten, erhielt ich eine letzte Nachricht.

Nur vier Worte:

„Schau unter das Kissen.“

Ich erstarrte.

Denn das Kissen lag nicht mehr im Hotel.

Es war zu Hause.

Und dort hatte ich es zuletzt allein zurückgelassen.

FORTSETZUNG FOLGT …