Teil 3 – Die Nacht, in der alles zerbrach
Für einen Moment konnte ich nicht einmal atmen.
Meine Schwester.
Andrew hatte meine Schwester mitgenommen.
Ich las seine Nachricht noch einmal.
„Jetzt wirst du verstehen, warum du niemals hättest versuchen sollen, mich zu verraten.“
Meine Hände wurden eiskalt.
„Ethan…“
„Ich weiß.“
Seine Stimme war ruhig, aber in seinen Augen lag eine Wut, die ich bei ihm noch nie gesehen hatte.
Er nahm mir vorsichtig das Telefon aus der Hand und fotografierte die Nachricht.
„Wie heißt deine Schwester vollständig?“
„Lily Morgan.“
„Alter?“
„Neunzehn.“
„Hat sie ein eigenes Auto?“
„Ja. Aber sie ist heute mit der U-Bahn gekommen.“
Ethan wandte sich an seinen Sicherheitschef.
„Überprüfen Sie sofort alle Kameras rund um den Tower. Eingänge, Tiefgarage, Hinterhof, Straßenkameras. Ich will wissen, mit welchem Fahrzeug Dr. Vaughn das Gebäude verlassen hat.“
Der Sicherheitschef nickte und verschwand.
Ich stand einfach da.
Mein Kopf war leer.
„Das ist meine Schuld.“
Ethan drehte sich sofort zu mir.
„Nein.“
„Doch.“
„Ava.“
„Wenn ich nichts gesagt hätte—“
„Dann hätte er möglicherweise morgen dasselbe getan.“
Ich sah ihn an.
„Du verstehst das nicht.“
„Dann erklär es mir.“
Meine Stimme brach.
„Andrew hasst Kontrollverlust. Wenn etwas nicht nach seinem Willen läuft, wird er unberechenbar.“
Ethan trat näher.
„Dann geben wir ihm keine Kontrolle.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du kennst ihn nicht.“
„Nein.“
Er sah mir direkt in die Augen.
„Aber ich kenne Menschen, die glauben, sie seien unantastbar.“
Er hielt mein Telefon hoch.
„Und ich habe gerade beschlossen, dass Andrew Vaughn lernen wird, dass er es nicht ist.“
* * *
Wenige Minuten später kam der Sicherheitschef zurück.
„Wir haben das Fahrzeug.“
Ethan drehte sich um.
„Details.“
„Ein schwarzer Range Rover hat die Tiefgarage um 19:42 Uhr verlassen.“
„Kennzeichen?“
Der Mann nannte es.
Ethan gab die Information sofort weiter.
„Wir verfolgen das Fahrzeug.“
Ich sah ihn an.
„Wohin fährt es?“
„Wir wissen es noch nicht.“
Dann kam eine zweite Meldung.
„Mr. Carter.“
„Ja?“
„Wir haben noch etwas gefunden.“
Der Sicherheitschef legte ein Tablet auf den Tisch.
Darauf war eine Überwachungskamera zu sehen.
Andrew stand vor dem Hintereingang.
Neben ihm Lily.
Sie sah nicht aus, als würde sie freiwillig mit ihm gehen.
„Wann wurde das aufgenommen?“
„19:36 Uhr.“
Ich trat näher an den Bildschirm.
„Halt.“
Der Sicherheitschef stoppte das Video.
„Zurück.“
Das Bild wurde vergrößert.
Lily hielt ihr Telefon in der Hand.
„Sie hat mir geschrieben.“
Ich öffnete meinen Nachrichtenverlauf.
Die letzte Nachricht meiner Schwester war von 19:35 Uhr.
„Ava, ich muss dir etwas sagen. Es geht um Andrew. Ich glaube, ich habe etwas gefunden.“
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Sie wusste etwas.“
Ethan sah mich an.
„Was könnte sie gefunden haben?“
Ich dachte nach.
Dann erinnerte ich mich.
Vor drei Tagen hatte Lily mich angerufen.
Sie hatte gefragt, ob Andrew manchmal spät nachts ins Krankenhaus zurückkehrte.
Ich hatte ihr gesagt, sie solle sich nicht einmischen.
Jetzt bereute ich diese Worte.
„Sie arbeitet als Praktikantin im Krankenhaus.“
Ethan runzelte die Stirn.
„In welchem Bereich?“
„Archivverwaltung.“
Er sah den Sicherheitschef an.
„Finden Sie heraus, auf welche Patientenakten Lily in den letzten zwei Wochen zugegriffen hat.“
* * *
Zehn Minuten später hatten wir eine Antwort.
Der Sicherheitschef sah ungewöhnlich ernst aus.
„Sie hat auf sieben Patientenakten zugegriffen.“
„Welche Patienten?“, fragte Ethan.
Er legte die Liste auf den Tisch.
Ich überflog die Namen.
Dann erkannte ich ein Muster.
Alle sieben Patienten waren ehemalige Patienten von Andrew.
Und vier von ihnen waren nach Operationen gestorben.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Das kann nicht sein.“
Ethan sah mich an.
„Was?“
„Andrew hat mir immer erzählt, dass diese Patienten wegen komplizierter Vorerkrankungen gestorben sind.“
„Vielleicht stimmt das.“
„Nein.“
Ich zeigte auf die Akten.
„Lily hätte nicht danach gesucht, wenn sie nichts Verdächtiges gefunden hätte.“
Ethan nahm das Tablet.
„Wir brauchen die vollständigen Krankenakten.“
Der Sicherheitschef schüttelte den Kopf.
„Das könnte schwierig werden. Der Zugriff ist streng geschützt.“
„Dann besorgen Sie die Daten rechtmäßig.“
„Verstanden.“
Ich sah Ethan an.
„Was glaubst du, was Andrew getan hat?“
„Ich weiß es nicht.“
Seine Antwort war ehrlich.
„Aber wir werden es herausfinden.“
* * *
Um 21:03 Uhr klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Hallo?“
Niemand antwortete.
Dann hörte ich Atmen.
„Lily?“
Ein leises Geräusch.
Dann ihre Stimme.
„Ava.“
Ich sprang auf.
„Lily! Wo bist du?“
„Ich weiß es nicht.“
Ihre Stimme zitterte.
„Bist du verletzt?“
„Nein.“
„Ist Andrew bei dir?“
Stille.
Dann flüsterte sie:
„Ja.“
Mein Herz raste.
„Gib ihm das Telefon nicht.“
„Ava, hör mir zu.“
Ihre Stimme wurde hektisch.
„Ich habe etwas gefunden.“
„Was?“
„Patientenakten.“
„Welche?“
„Menschen, die gestorben sind.“
Ich schloss die Augen.
„Was ist mit ihnen?“
„Die Operationsberichte wurden nachträglich verändert.“
Ethan trat näher.
Ich stellte das Telefon auf Lautsprecher.
„Was meinst du damit?“, fragte Ethan.
Lily schwieg.
Dann sagte sie:
„Die Patienten waren während der Operation noch stabil.“
Ich sah Ethan an.
„Und danach?“
„Andrew hat Medikamente angeordnet, die nicht in den ursprünglichen Behandlungsplänen standen.“
Ethan wurde vollkommen still.
„Bist du sicher?“
„Ich habe die Originaldaten gesehen.“
Ihre Stimme zitterte.
„Jemand hat versucht, sie aus dem System zu löschen.“
„Wer?“, fragte ich.
Lily antwortete nicht sofort.
Dann hörten wir eine männliche Stimme im Hintergrund.
Andrew.
„Du hättest nicht anrufen dürfen.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
„Lily!“
Nichts.
Ich sah Ethan an.
„Wir müssen sie finden.“
„Wir werden.“
Er nahm sein Telefon.
Doch plötzlich kam eine weitere Nachricht.
Diesmal mit einem Foto.
Ich öffnete sie.
Es zeigte Lily.
Sie saß auf einem Stuhl in einem dunklen Raum.
Sie war unverletzt.
Aber hinter ihr stand Andrew.
Und in seiner Hand hielt er einen USB-Stick.
Darunter stand:
„Das hier sucht ihr doch, oder?“
Ethan betrachtete das Bild.
„Er hat die Beweise.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum?“
Ich deutete auf das Foto.
„Schau auf seine Hand.“
Ethan zoomte hinein.
Der USB-Stick war nicht angeschlossen.
„Er blufft.“
Ethan nickte langsam.
„Er will, dass wir glauben, er hätte alles.“
Ich sah wieder auf das Bild.
Dann entdeckte ich etwas im Hintergrund.
Eine Wand.
Ein Fenster.
Und dahinter ein Gebäude.
Ich kannte es.
Mein Herz begann zu rasen.
„Ich weiß, wo sie sind.“
Ethan sah mich an.
„Wo?“
„Das alte medizinische Forschungszentrum.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Ich griff nach meiner Jacke.
„Andrew hat dort früher gearbeitet.“
Ethan hielt mich am Arm fest.
„Du gehst nirgendwo allein hin.“
„Meine Schwester ist dort.“
„Genau deshalb kommst du nicht allein.“
Er wandte sich an sein Sicherheitsteam.
„Wir fahren sofort los.“
Ich sah Ethan an.
„Und wenn Andrew Lily etwas antut?“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Dann wird er den größten Fehler seines Lebens gemacht haben.“
* * *
Teil 3 – Ende
Als wir den Tower verließen, ahnte keiner von uns, dass Andrew nicht nur auf unsere Ankunft vorbereitet war.
Er wartete bereits auf uns.
Und was wir in diesem verlassenen Forschungszentrum finden würden, würde beweisen, dass die Geschichte um Dr. Andrew Vaughn viel größer war als ein Fall häuslicher Gewalt.
Denn Lily hatte etwas entdeckt, das Andrew um jeden Preis geheim halten wollte.
Etwas, das nicht nur seine Karriere zerstören konnte.
Sondern möglicherweise das Leben von Dutzenden Patienten gekostet hatte.
Fortsetzung folgt – Teil 4: Das geheime Archiv.



