TEIL 5 – Schatten aus der Vergangenheit
Das gleißend weiße Licht des Hubschraubers blendete uns. Die mächtigen Rotorblätter schlugen den Schnee von den Ästen über unseren Köpfen, wodurch ein eisiger Nebel aus Eiskristallen um uns herum entstand. Der Lärm war ohrenbetäubend.
„In Deckung!“, schrie Daniel und zog mich flach auf den eiskalten Boden unter den Stamm der umgestürzten Tanne.
Der Suchscheinwerfer schwenkte über den Waldboden hin und her, höchstens ein paar Meter von uns entfernt. Der Wind des Hubschraubers ließ die Bäume krachen. Ich klammerte mich an Daniel fest, meine Hände starr vor Kälte und Angst. Die Worte auf der Rückseite des Fotos spukten mir durch den Kopf. She was never just a bus driver. And you were never just a random boy. Was wollte Thomas damit sagen? War mein ganzes Leben, meine dreißig Jahre hinter dem Steuer dieses Schulbusses, auf einer Lüge aufgebaut?
Nach ein paar nervenaufreibenden Minuten verlagerte sich das Hubschraubergeräusch langsam nach Norden, in Richtung der Autobahn. Der Suchscheinwerfer erlosch in der Ferne.
Wir blieben eine Weile reglos liegen, bis die Stille des Waldes zurückkehrte. Daniel richtete sich vorsichtig auf und half mir hoch. Ich zitterte so stark, dass meine Zähne aufeinanderschlugen.
„Wir müssen Unterschlupf suchen“, sagte Daniel, während er besorgt in mein Gesicht sah. „Sie unterkühlen, wenn wir hier bleiben.“
„Es gibt… es gibt eine alte Jagdhütte“, brachte ich stotternd heraus. „Zwei Kilometer weiter… nahe dem alten Bahnübergang. Thomas und ich waren früher manchmal dort.“
Daniel nickte entschlossen. Er legte seinen Arm um meine Taille, um mich zu stützen, und gemeinsam setzten wir unseren Kurs durch den tiefen Schnee fort. Jeder Schritt fühlte sich wie ein Kampf gegen die Schwerkraft und die Elemente an. Meine Füße fühlten sich durch das Eiswasser aus dem Bach taub an, aber der Drang zu überleben und die Antworten zu finden, hielt mich auf den Beinen.
Nach einem halben Stunde intensiven Marsches tauchte die hölzerne Silhouette der Hütte zwischen den Tannen auf. Das kleine Gebäude sah verlassen aus; das Dach war halb mit Schnee bedeckt und die Fenster waren mit Holzläden verschlossen.
Daniel überprüfte die Umgebung sorgfältig, bevor er die verrostete Klinke der Tür versuchte. Die Tür war verschlossen, aber mit einem kräftigen Stoß seiner Schulter brach das verwitterte Schloss. Wir traten schnell ein und Daniel schloss die Tür hinter uns.
Es war dunkel und muffig drinnen, aber zumindest trocken und windgeschützt. Daniel fand eine alte Öllampe auf einem Holztisch und zündete sie mit einer Streichholzschachtel an, die er auf einem Regal fand. Das warme, gelbe Licht füllte den kleinen Raum. In der Ecke stand ein gusseiserner Holzofen.
Daniel sammelte schnell etwas trockenes Holz, das neben dem Ofen gestapelt lag, und innerhalb weniger Minuten brannte ein knisterndes Feuer. Die Wärme begann sich langsam auszubreiten.
Er ließ mich auf einer alten Holzbank am Feuer sitzen und zog meine nassen Schuhe und Socken aus. Er wickelte seinen eigenen trockenen Schal um meine Füße.
„So“, sagte er leise. „Das ist besser.“
Ich sah ihn an. Die Öllampe warf tiefe Schatten auf sein markantes Gesicht. „Daniel… das Foto. Was stand da genau drauf?“
Daniel holte das Notizbuch aus seiner Innentasche und zog das Foto wieder heraus. Er starrte es lange an, bevor er es mir überreichte.
Ich betrachtete den Text von Thomas erneut. Meine Finger zitterten über der vertrauten Tinte meines verstorbenen Ehemanns.
„Arthur“, sagte Daniel mit rauer Stimme. „Wussten Sie, wer mein Vater war? Ich habe Ihnen früher erzählt, dass er einfach weggegangen sei…“
„Ja“, antwortete ich. „Du hast gesagt, dass er euch im Stich gelassen hat, als du klein warst.“
Daniel schüttelte den Kopf. „Das hat mir meine Mutter immer erzählt, um mich zu schützen. Aber als ich älter wurde und bei der Kriminalpolizei anfing, entdeckte ich die Wahrheit. Mein Vater hat uns nicht freiwillig verlassen. Er war Zeuge in einem großen Korruptionsfall, in dem Milliarden an Steuergeldern verschwanden. Er wurde entführt… und nie wiedergefunden.“
Mein Atem stockte. „Und Thomas?“
„Thomas war damals kein gewöhnlicher Buchhalter“, fuhr Daniel fort, während seine Stimme immer lauter vor Emotionen wurde. „Er arbeitete für den Behördendienst, der Zeugen schützen sollte. Aber es gab ein Leck. Mein Vater wurde verraten. Und aus dem Notizbuch von Thomas geht hervor… dass Thomas derjenige war, der die Dokumente verwaltete.“
Ich schlug die Hände vor den Mund. „Nein… Thomas würde so etwas nie tun! Er war ein ehrlicher Mann!“
„Das dachte ich auch“, sagte Daniel. „Aber hören Sie weiter. Thomas entdeckte das Leck zu spät. Er konnte meinen Vater nicht mehr retten. Aber er schwor, dass er die Familie des Zeugen – meine Mutter, meine Schwestern und mich – schützen würde. Er veranlasste, dass wir in die kleine Stadt umzogen, direkt an deiner Busroute.“
Er sah mir fest in die Augen. „Thomas hat dich diese Busroute fahren lassen, Arthur. Er wusste, dass du die fürsorglichste Person auf Erden warst. Er vertraute mich deiner Obhut an, ohne dass du es selbst wusstest. Du warst mein unbewusster Schutzengel.“
Die Tränen schossen mir in die Augen. Das gesamte Bild begann sich zusammenzufügen, aber das Puzzle war noch lange nicht komplett.
„Aber warum wurde er dann in den letzten Monaten wieder kontaktiert?“, fragte ich. „Warum erst jetzt, nach dreißig Jahren?“
Daniel schlug das Notizbuch auf einer Seite voller neuerer Notizen auf. „Weil der Mann, der vor dreißig Jahren hinter dem Verschwinden meines Vaters steckte, jetzt für das höchste politische Amt im Land kandidiert. Und Thomas aufbewahrte den einzigen Beweis, der ihn mit diesem Verbrechen verbinden konnte.“
Plötzlich erklang ein lautes Krachen außerhalb der Hütte. Holz, das unter einem schweren Schritt brach.
Daniel blies die Öllampe mit einem einzigen Zug aus. Die Hütte wurde in eine dunkle, beklemmende Stille gehüllt.
Durch die Spalten der Holzläden sahen wir einen roten Laserpunkt langsam über die Wand der Hütte gleiten.


