TEIL 5 — DIE SCHATTENVERGANGENHEIT IM DÜNENHAUS
Die Türöffnung blieb dunkel, als wolle das Haus uns den Zutritt verwehren. Lucas hielt schützend den Arm vor mich, obwohl er selbst auf der Hut war. Gemeinsam überschritten wir die Schwelle und betraten das verlassene, kühle Innere.
Der Flur roch muffig. Der Teppichboden war an den Rändern abgenutzt und auf den kleinen Tischen lag eine dicke Staubschicht. Doch es gab Leben im Haus: Im Wohnzimmer hinter dem Flur brannte ein kleiner Gaskasofen, der ein flackerndes, oranges Licht an die Wände warf.
„Hallo?“, rief Lucas, seine Stimme hallte durch das leere Haus. „Ist hier jemand?“
Keine Antwort. Nur das Knistern des Ofens und das Heulen des Windes draußen.
Wir gingen weiter ins Wohnzimmer. Dort stand ein alter, durchgesessener Sessel, ein Tischchen mit einer Tasse kalten Tees und… eine geöffnete Pappschachtel, die der Kiste, die ich zu Hause im Schrank versteckt hatte, zum Verwechseln ähnlich sah.
Meine Augen glitten über den Inhalt dieser Kiste. Fotos. Dutzende alter Familienfotos.
Ich hob eines der Fotos auf. Es war ein Schnappschuss von Lucas, als er gerade fünf Jahre alt war, wie er am Strand mit einem roten Eimer spielte. Auf der Rückseite stand mit der Handschrift meines verstorbenen Mannes Willem geschrieben: „Unsere Zukunft, unser Alles.“
Ein Schmerzstich durchbohrte meine Brust. Willem hatte diese Fotos also nicht weggeworfen. Er hatte sie hier aufbewahrt, versteckt in diesem abgelegenen Haus in den Dünen, weit weg von unserer alltäglichen Realität. Warum sollte ein Mann, der seinen eigenen Sohn fortjagte und jahrzehntelang über dessen Aufenthaltsort log, eine Schachtel voller Jugenderinnerungen an einem Ort aufbewahren, an den niemand kommen konnte?
„Mami, schau dir das mal an“, sagte Lucas plötzlich mit einer Stimme, die klang, als hätte er einen Geist gesehen.
Er stand an einem kleinen Esstisch an der hinteren Wand. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Tagebuch mit Ledereinband. Lucas zeigte auf die vorletzte Seite, wo die Tinte noch relativ frisch zu sein schien.
Ich ging zu ihm hinüber und las die Zeilen über seine Schulter mit. Das Tagebuch gehörte Willem. Das Datum oben auf der Seite stammte von vor genau drei Wochen – kurz bevor Willem starb, oder Moment… nein, das Datum stimmte nicht. Willem war vor fünfzehn Jahren gestorben, aber diese Handschrift… dieses Tagebuch war vor Kurzem von jemand anderem geführt worden, der Willems alte Bücher benutzt hatte. Oder hatte Willem seinen Tod etwa inszeniert?
Mir stockte der Atem im Hals. Der Gedanke war zu verrückt, um wahr zu sein. Mein Mann lag seit fünfzehn Jahren unter der Erde auf dem Friedhof im Dorf. Ich war bei seiner Beerdigung gewesen. Ich hatte seinen Sarg gesehen.
Und doch… die Worte im Tagebuch erzählten eine völlig andere Geschichte. „Wenn sie die Kiste in den Dünen finden, ist es Zeit für die Wahrheit. Es tut mir leid, dass ich es so lange verschweigen musste, um sie zu beschützen.“
Wer war „sie“? Und wer hatte dieses Tagebuch geschrieben?
Plötzlich hörten wir ein leises Geräusch aus dem Schlafzimmer hinter dem Wohnzimmer. Das Geräusch von schiebendem Holz, gefolgt von einem tiefen, rasselnden Seufzer.



