TEIL 10 — DAS VERBORGENE ARCHIV
Das Blitzen des metallenen Gegenstands in der Hand des Eindringlings durchschnitt die Spannung im Flur wie ein Messer durch Butter. Mir stockte der Atem, aber Adrenalin durchströmte meine Adern mit einer Intensität, die ich in all den Jahren voller Trauer und Einsamkeit nicht mehr gespürt hatte. Ich war eine Mutter, die ihren Sohn nach dreißig Jahren wiedergefunden hatte; ich würde mich nicht einfach so geschlagen geben.
Bevor der Mann mit der Narbe einen weiteren Schritt tun konnte, tat Lucas etwas Unerwartetes. Mit blitzschneller Bewegung griff er nach einer schweren Garderobenstange an der Wand und schleuderte sie mit voller Wucht nach vorn.
Die Stange traf den Mann voll vor die Brust, sodass er nach hinten stolperte und gegen den Türpfosten prallte.
„Jetzt verschwinden wir, Mami!“, schrie Lucas, während er sich umdrehte und mich am Arm packte.
Aber statt zu fliehen, zeigte ich auf den alten Schrank im Flur – den Schrank, in dem wir früher Mäntel aufgehängt hatten, dessen untere Blende immer schief gesessen hatte.
„Nein, Lucas! Warte!“, rief ich aus. „Der Brief deines Vaters… er erwähnte etwas von Beweisen. Schau dir das untere Brett an!“
Der Mann mit der Narbe hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt, wütend, mit rot angelaufenem Gesicht. „Verdammte Idioten! Schnappt sie euch!“, brüllte er seinem Komplizen zu, der hinter ihm stand.
Lucas begriff sofort. Mit einem kräftigen Tritt rammte er gegen die untere Blende des Flurschranks. Das Holz brach mit einem lauten Knall auf, und hinter der Verkleidung kam ein kleiner, in der Wand verankerter Metallsafe zum Vorschein.
Der Komplize stürmte auf uns zu, die Hände ausgestreckt, um Lucas zu packen. Lucas wirbelte herum und verpasste dem Mann einen harten Fausthlag, der ihn voll am Kiefer traf. Mit einem dumpfen Schlag stürzte der Komplize rückwärts zu Boden.
Doch die Zeit drängte. Der Mann mit der Narbe zog nun endgültig die Schusswaffe aus der Tasche und zielte direkt auf Lucas’ Brust.
„Hände hoch! Hände hoch, oder ich schieße jetzt!“, brüllte er, während sein Finger bereits am Abzug ruhte.
Ich schloss die Augen. Das konnte nicht wahr sein. Nach dreißig Jahren Suche, nach dreißig Jahren Schmerz, sollte es hier enden?
Da flog die Schlafzimmertür hinter uns mit einem harten Schlag auf. Willem stand in der Türöffnung. Er lehnte schwer gegen den Rahmen, hielt aber in seiner Hand ein altes, dickes Logbuch hoch.
„Suchst du das?“, scholl Willems Stimme durch den Flur, rauchig, aber stark genug, um die Aufmerksamkeit des Eindringlings zu fesseln. „Es steht alles darin. Jeder Name. Jede Überweisung. Wenn du uns etwas antust, geht das direkt an die Bundespolizei. Es liegt schon bereit zum Abschicken.“
Der Mann mit der Narbe erstarrte. Seine Waffe zitterte kurz, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Rache und der Angst, alles zu verlieren.
Und dann, aus der Ferne, ertönte der erlösende Ton heulender Sirenen, die durch die Dünen hallten.



