TEIL 4
Der Stoff des Vorhangs wurde mit einer aggressiven Bewegung zur Seite gerissen, doch der einzige Anblick, der Onkel Hendriks eiskaltem Blick begegnete, war eine leere Raumecke und ein offenes Fenster, durch das der eiskalte Nachtwind hereinwehte.
Ich stand nicht mehr hinter dem Vorhang.
In allerletzter Sekunde, als Hendrik auf den Vorhang zuging, hatte ich den Schatten der großen Standuhr direkt neben mir genutzt. Ich war auf allen Vieren unter die lange, herabhängende Tischdecke des Esstisches geschlüpft. Es war ein lebensgefährlicher Wagnis gewesen, aber dank des dicken Perserteppichs war meine Bewegung lautlos geblieben.
„Das Fenster steht offen!“, rief Laura panisch und zeigte auf den flatternden Vorhang. „Sie ist geflohen! Sie hat die Schritte gehört und ist aus dem Fenster geklettert!“
Hendrik ging zum Fenster und blickte hinaus in den dunklen, strömenden Regen. „Sie kann noch nicht weit sein. Das Auto ist nicht da, sie ist zu Fuß.“ Er wandte sich wütend zu Laura um. „Durchsuch das ganze Haus! Wenn sie die Dokumente hat, dürfen wir nicht zulassen, dass sie dieses Erbe verlässt!“
Aus meinem Versteck unter dem Tisch konnte ich die glänzenden schwarzen Schuhe meines Onkels sehen. Sie standen kaum einen Meter von meinem Gesicht entfernt. Meine Muskeln verkrampften sich. Die kalte Luft vom Boden drang durch meine Kleidung, aber der Schweiß brach mir aus.
„Was, wenn sie schon bei der Polizei ist?“, fragte Laura mit zitternder Stimme.
„Ohne die Originalurkunde der Gesellschaft hat sie nichts“, schnaubte Hendrik. „Es ist ihr Wort gegen unseres. Aber wenn sie den Tresorschlüssel gefunden hat… dann hat sie Zugang zum Keller.“
Hendrik brach abrupt ab. Ich sah, wie sich seine Schuhe in Richtung Flur drehten.
„Der Keller“, wiederholte er leiser. „Sie weiß wahrscheinlich nicht einmal, wo der echte Eingang ist. Wir gehen nach unten. Jetzt!“
Ich hörte ihre hastigen Schritte das Wohnzimmer verlassen. Die schwere Holztür zur Kellertür, die sich hinten im Flur befand, wurde mit einem lauten Knarzen geöffnet. Ich hörte ihre Schritte auf den knarzenden Stufen nach unten hallen, bis das Geräusch in der Tiefe des Fundaments verhallte.
Ich wartete drei Sekunden, kroch dann unter dem Tisch hervor und richtete mich auf. Mein ganzer Körper zitterte vor Adrenalin. Ich blickte auf die Kiste in meinen Händen. Omas Brief lag immer noch darin, zusammen mit dem silbernen Schlüssel.
Ich faltete den Brief weiter auf. Da gab es eine zweite Seite, die ich in der Eile noch nicht gelesen hatte.
„Emma“, schrieb Oma mit hastigen, schlampigen Buchstaben am Fuß der Seite. „Wenn sie entdecken, dass der Schrank leer ist, werden sie in den Keller gehen. Sie glauben, der Tresor befindet sich unter den Weinregalen – das ist die Falle, die dein Großvater vor zwanzig Jahren für den Fall gebaut hat, dass Hendrik jemals versuchen sollte einzubrechen. Der echte Tresor ist nicht im Keller. Der Schlüssel, den du hast, ist nicht für eine Tür, sondern für die Uhr. Die Standuhr im Wohnzimmer.“
Meine Augen flogen zu der gigantischen Eichen-Standuhr, die schon so lange, wie ich mich erinnern konnte, in der Ecke des Raumes tickte. Die Uhr, die Opa immer von Hand aufgezogen hatte.
„Dreh das Uhrwerk auf 02:15 Uhr zurück“, fuhr der Brief fort. „Die Uhrzeit, zu der dein Vater starb. Stecke den silbernen Schlüssel in das Schlüsselloch des Uhrgewichts. Dort wirst du die Aufnahme finden. Die Aufnahme des letzten Telefonats, das Hendrik führte, bevor der Wagen von der Straße abgedrängt wurde.“
Mein Atem stockte. Eine Tonbandaufnahme? Im Jahr 2004 waren digitale Diktiergeräte noch selten gewesen, aber Opa war ein leidenschaftlicher Radioamateur gewesen. Er hatte alles aufgezeichnet.
Ich rannte leise zur großen Uhr. Das kupferne Pendel bewegte sich ruhig hin und her: Tik. Tak. Tik. Tak.
Mit zitternden Fingern öffnete ich das gläserne Türchen der Standuhr. Ich ergriff den großen Minutenzeiger und begann ihn gegen den Uhrzeigersinn zu drehen. Das Mechanismus machte ein protestierendes, schabendes Geräusch, das durch den stillen Raum hallte.
12 Uhr… 9 Uhr… 6 Uhr… 3 Uhr…
Unten im Keller ertönte plötzlich ein dumpfer Schrei der Wut. Hendrik hatte entdeckt, dass der Tresor unter den Weinregalen ein Attrappen-Tresor war.
„Sie ist nicht hier!“, klang Hendriks Stimme, verzerrt von der Akustik des steinkellers. „Sie ist noch oben! Durchsuch das Zimmer!“
Panik überkam mich. Ich drehte den Zeiger schneller. 2 Uhr… fünfzehn Minuten. 02:15.
Ein lautes Klicken ertönte tief im Inneren des Uhrwerks. Das Ticksen der Uhr stoppte abrupt. Im kupfernen Gewicht an der linken Seite wurde ein kleines Schlüsselloch sichtbar, das bisher durch einen Schieber verdeckt gewesen war.
Ich steckte den silbernen Schlüssel in das Loch und drehte ihn um.
Mit einem mechanischen Klicken sprang die Unterseite des kupfernen Gewichts auf. Ein kleiner, schwarzer Gegenstand fiel heraus, direkt in meine Handfläche. Es war eine alte Minikassette – die Sorte, die früher in Anrufbeantwortern verwendet wurde – zusammen mit einem kompakten, batteriebetriebenen Diktiergerät.
In diesem Moment hörte ich, wie die Kellertür mit einem harten Knall aufging.
„Da ist sie!“, schrie Laura aus dem Flur.
Ich sah mich um und erblickte die Gestalt meines Onkels Hendrik im Türrahmen. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt, seine Augen wild. In seiner rechten Hand hielt er ein schweres, eisernes Werkzeug, das er aus dem Keller mitgebracht hatte.
„Gib auf, Emma“, sagte er mit eiskalter, aber drohender Stimme, während er langsam auf mich zukam. „Du hast keine Ahnung, was du tust. Du wirst das Familienunternehmen zerstören. Du wirst uns zerstören.“
Ich klammerte das Diktiergerät fest in meine Faust und wich zurück, bis mein Rücken gegen den Rand der Vitrine stieß. Es gab kein Entkommen mehr. Hendrik kam auf mich zu, sein Blick voller blinder Raserei. Er hob das Brecheisen, um zuzuschlagen.
Genau in dem Moment, als er das Werkzeug nach unten sausen lassen wollte, hallte ein dumpfer Knall durch den Raum.
Das Glas des Küchenfensters an der Rückseite des Hauses wurde mit Gewalt eingeworfen. Wir schraken beide zusammen. Schritte – mehrere Paare schwerer Stiefel – stürmten durch den Flur in Richtung Wohnzimmer.
„Polizei! Hände hoch! Waffe fallen lassen!“, schrie eine harte, autoritäre Stimme.
Zwei bewaffnete Polizisten stürmten das Zimmer, ihre Taschenlampen hell auf Hendrik gerichtet. Die grellen Lichtkegel schnitten durch das Dunkel des Wohnzimmers. Hendrik erstarrte. Das Brecheisen glitt aus seinen schlaff werdenden Fingern und fiel mit einem lauten Scheppern auf das Parkett.
„Wie… wie wissen Sie…“, stammelte Hendrik und hob langsam die Hände.
Hinter den beiden Polizisten trat ein großer Mann in einem dunklen Regenmantel vor. Es war Mr. Van de Berg – der Notar, der erst vor wenigen Stunden Omas Testament vorgelesen hatte.
„Es tut mir leid, Hendrik“, sagte der Notar ruhig, während er ein kleines Gerät aus seiner Innentasche zog, das leise blinkte. „Deine Großmutter hat nicht nur einen Brief in der Holzkiste hinterlassen. Sie hat mich beauftragt, die Polizei zu verständigen, sobald das GPS-Signal des Tresorschlüssels außerhalb der Bürozeiten aktiviert wurde. Sie wusste genau, was du tun würdest, wenn du dachtest, die Erbschaft wäre zum Greifen nah.“
Ich sank an der Vitrine hinab auf den Boden, erschöpft vom Adrenalin. Die Polizisten drückten Hendrik gegen die Wand und legten ihm Handschellen an, während Laura leise auf dem Boden weinte.
Der Notar ging auf mich zu und streckte mir die Hand hin, um mir aufzuhelfen. „Du warst sehr mutig, Emma. Deine Großmutter wäre sehr stolz auf dich.“
Ich blickte auf das Diktiergerät in meiner Hand. Es war vorbei. Das Geheimnis, das meine Familie zwanzig Jahre lang zerrissen hatte, war endlich enthüllt. Mein Vater würde endlich Gerechtigkeit erfahren.
„Komm“, sagte Mr. Van de Berg freundlich. „Wir müssen aufs Revier, um deine Aussage aufzunehmen. Die Beweise können sicher von der Spurensicherung sichergestellt werden.“
Ich nickte langsam und gab das Band dem Hauptkommissar. Ich zog meinen Mantel an und ging gemeinsam mit dem Notar nach hinaus in die kalte Nachtluft. Die Gefahr war gebannt. Hendrik und Laura wurden in einem Streifenwagen mit Blaulicht abgeführt.
Doch als wir am Auto des Notars ankamen, blickte ich noch einmal zurück zum alten Haus meiner Großmutter.
Im Fenster des obersten Stocks – dem Dachbodenraum, in den nie jemand kam und der seit Jahrzehnten wegen Einsturzgefahr verschlossen war – sah ich einen dünnen Lichtstrahl brennen. Und hinter dem Glas des Dachbodenfensters zeichnete sich deutlich eine Silhouette ab.
Es war die Gestalt eines Mannes. Ein Mann, der eine alte Taschenuhr aus Kupfer hielt… exakt dieselbe Taschenuhr, die mein Vater an dem Tag trug, an dem er verschwand.



