TEIL 8 — DIE HOCHZEIT, DIE NIE STATTFAND
Ich setzte mich nicht.
Ich konnte nicht.
Meine Beine zitterten, aber ich wollte nicht zusammenbrechen.
Nicht vor Samuel.
Nicht vor Victor.
Nicht vor meiner eigenen Vergangenheit.
„Erklär es mir“, sagte ich.
Samuel nickte.
„Vor zwanzig Jahren warst du bereits verheiratet.“
Ich sah ihn an.
„Das ist unmöglich.“
„Nein.“
„Ich erinnere mich an meine Hochzeit.“
„Du erinnerst dich an eine Hochzeit.“
Er machte eine Pause.
„Aber nicht an die erste.“
Victor hob den Kopf.
„Samuel…“
„Du hast kein Recht, ihren Namen auszusprechen.“
Victor verstummte.
Ich wandte mich ihm zu.
„Was ist passiert?“
Er sah mich an.
„Dein Vater hat dafür gesorgt, dass du dich an bestimmte Dinge nicht erinnerst.“
Ich wurde wütend.
„Wie?“
„Mit Medikamenten.“
Mein Gesicht wurde heiß.
„Was?“
„Nach deinem Unfall.“
Ich erstarrte.
Mein Unfall.
Der Unfall, von dem Victor mir zwanzig Jahre lang erzählt hatte.
Ein nasser Abend.
Eine glatte Straße.
Ein Lastwagen.
Eine Gehirnerschütterung.
Wochen im Krankenhaus.
Danach hatte ich angeblich nur noch wenige Erinnerungen an die Monate davor.
Ich hatte es akzeptiert.
Weil Victor immer gesagt hatte, ich solle dankbar sein, dass ich überlebt hatte.
Jetzt begann alles auseinanderzufallen.
„Mein Unfall war kein Unfall.“
Niemand antwortete.
Ich sah Victor an.
„Sag es.“
Er senkte den Blick.
„Nein.“
„Victor.“
„Ich war nicht derjenige, der den Wagen gefahren hat.“
„Aber du wusstest davon.“
Er nickte.
„Ja.“
Ich schloss die Augen.
Zwanzig Jahre lang hatte ich neben einem Mann gelebt, der die Wahrheit kannte.
Und jedes Mal, wenn ich nachts von diesem Unfall geträumt hatte, hatte er meine Hand gehalten und gesagt:
Du bist sicher.
Ich wollte schreien.
Stattdessen fragte ich:
„Wer war Daniel Hart?“
Samuel trat näher.
„Daniel war der Sohn eines Mannes, mit dem dein Vater Geschäfte machte.“
„Und ich war mit ihm verheiratet?“
„Ja.“
„Wie lange?“
„Neununddreißig Tage.“
Ich schluckte.
Neununddreißig Tage.
Ein ganzes Leben war in meinem Kopf verschwunden.
„Warum erinnere ich mich nicht?“
Samuel sah zu Victor.
„Weil Victor dir geholfen hat, alles zu vergessen.“
Victor begann zu weinen.
„Ich wollte dich schützen.“
Ich lachte bitter.
„Du hast mich belogen!“
„Ja.“
„Du hast mir gesagt, Daniel hätte nie existiert!“
„Ja.“
„Du hast mir gesagt, mein Vater hätte dich ausgewählt, weil er dir vertraute!“
Victor schüttelte den Kopf.
„Das war nicht wahr.“
„Was war wahr?“
Victor sah mich an.
„Dein Vater wollte, dass Daniel verschwindet.“
Stille.
„Warum?“
Victor antwortete:
„Weil Daniel etwas wusste.“
„Was?“
„Er wusste, dass dein Vater Geld von mehreren Investoren unterschlagen hatte.“
Samuel nickte.
„Und Daniel hatte Beweise.“
„Wo sind sie?“
Samuel sagte:
„Bei dir.“
Ich erstarrte.
„Bei mir?“
„Dein Vater hat sie dir gegeben.“
„Wann?“
„In der Nacht deiner ersten Hochzeit.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich erinnere mich an keine erste Hochzeit.“
„Das ist der Punkt.“
Grace kam näher.
„Was hat man ihr gegeben?“
Samuel antwortete:
„Eine kleine silberne Schachtel.“
Ich sah plötzlich etwas vor mir.
Eine Tür.
Weiße Blumen.
Regen.
Daniel.
Seine Hand in meiner.
Und eine kleine silberne Schachtel.
Ich griff mir an den Kopf.
„Ich… sehe etwas.“
Victor stand auf.
„Evelyn.“
„Nein!“
Ich wich zurück.
„Fass mich nicht an.“
Meine Erinnerung wurde stärker.
Daniel lächelte.
Er sagte meinen Namen.
Nicht Evelyn.
Sondern einen anderen Namen.
„Elena…“
Ich öffnete die Augen.
„Was?“
Samuel sah mich überrascht an.
„Was hast du gesagt?“
„Er hat mich Elena genannt.“
Victor wurde bleich.
„Das ist unmöglich.“
Ich sah ihn an.
„Warum?“
Er sagte nichts.
Samuel verstand.
„Jetzt wird alles klar.“
„Was?“
„Dein Vater hat nicht nur deine Erinnerungen gelöscht.“
Er sah Victor an.
„Er hat deine Identität verändert.“
Mein Herz schlug wild.
„Was bedeutet das?“
Samuel antwortete:
„Evelyn Hartmann war nicht dein Geburtsname.“
Ich starrte ihn an.
„Wie bitte?“
„Du wurdest als Elena Hart geboren.“
Der Raum begann sich zu drehen.
Elena.
Der Name, den Daniel benutzt hatte.
Der Name, den ich manchmal in meinen Träumen hörte.
Der Name, von dem ich nie wusste, woher er kam.
„Warum wurde ich Evelyn?“
Samuel sagte:
„Weil Elena Hart die Erbin eines Vermögens war.“
Ich sah auf meine Hände.
„Welches Vermögen?“
„Das Vermögen deiner Mutter.“
Ich runzelte die Stirn.
„Meine Mutter starb, als ich fünf war.“
„Nein.“
Samuel sprach leise.
„Sie verschwand.“
Ich konnte kaum atmen.
Meine Mutter.
Mein ganzes Leben lang hatte ich geglaubt, sie sei tot.
Mein Vater hatte es mir erzählt.
Die Familie hatte es bestätigt.
Es gab sogar ein Grab.
Aber Samuel sagte, sie sei verschwunden.
„Wo ist sie?“
Samuel sah mich lange an.
Dann sagte er:
„Das weiß ich nicht.“
„Du weißt es.“
„Ich weiß nur, dass sie vor zwanzig Jahren noch gelebt hat.“
Victor flüsterte:
„Samuel, bitte.“
„Warum?“, fragte ich.
Samuel sah ihn an.
„Weil Victor sie gesehen hat.“
Ich drehte mich langsam zu Victor.
„Du hast meine Mutter gesehen?“
Victor weinte.
„Einmal.“
„Wann?“
„Kurz vor unserer Hochzeit.“
„Wo?“
„In einem privaten Krankenhaus.“
Mein Herz brach.
„Sie war dort?“
„Ja.“
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
Victor sah mich an.
„Weil dein Vater mir befohlen hatte, dir zu sagen, dass sie tot sei.“
Ich konnte es nicht mehr ertragen.
Ich ging zum Fenster.
Draußen stand noch immer der schwarze Wagen.
Samuel wartete.
„Wo ist die silberne Schachtel?“, fragte ich.
Er zeigte auf den alten Safe.
„Dein Vater hat sie dort versteckt.“
Robert ging sofort zum Safe.
Er öffnete ihn.
Nichts.
Nur Staub.
Grace schüttelte den Kopf.
„Sie ist weg.“
Samuel lächelte plötzlich.
„Natürlich.“
Ich drehte mich um.
„Was bedeutet das?“
Er sagte:
„Jemand war vor uns hier.“
Victor sah zur Tür.
„Wer?“
Samuel antwortete:
„Der Mann auf dem Foto.“
Ich sah erneut das Bild.
Daniel Hart.
Mein erster Ehemann.
Der Mann, von dem ich geglaubt hatte, er hätte nie existiert.
Dann bemerkte ich etwas auf der Rückseite der Fotografie.
Eine handschriftliche Notiz.
Nur vier Wörter.
Ich habe dich nie verlassen.
Meine Hände begannen zu zittern.
„Daniel ist am Leben.“
Samuel sagte nichts.
Aber sein Schweigen war Antwort genug.
In diesem Moment vibrierte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sprach.
Dann hörte ich eine Männerstimme.
Alt.
Ruhig.
Vertraut.
„Elena.“
Mein Herz blieb stehen.
„Wer ist da?“
Eine Pause.
Dann:
„Du hast lange genug auf mich gewartet.“
Die Verbindung brach ab.
Ich sah Victor an.
Er war kreidebleich.
„Das war er.“
„Wer?“
Victor flüsterte:
„Daniel.“



