TEIL 6 — DER MANN HINTER VICTOR
Niemand sagte ein Wort.
Victor stand im alten Flur.
Sein teurer Anzug war zerknittert.
Blut lief an seiner Stirn hinunter.
Zum ersten Mal sah ich nicht den arroganten Restaurantbesitzer.
Ich sah einen verängstigten Mann.
Doch ich traute ihm nicht.
„Warum sollte Samuel Cross dich töten wollen?“
Victor lachte bitter.
„Weil ich ihm nicht mehr geben kann, was er will.“
Grace trat vor.
„Was will er?“
Victor sah sie an.
„Das rote Notizbuch.“
Robert schüttelte den Kopf.
„Du hast es ihm versprochen.“
Victor sah ihn wütend an.
„Ich hatte keine Wahl.“
„Doch“, sagte Robert. „Du hattest immer eine Wahl.“
Ich hob das Notizbuch.
„Was steht darin?“
Victor sah darauf.
Sein Gesicht wurde bleich.
„Du solltest es nicht lesen.“
„Warum?“
„Weil du dann verstehen wirst, warum dein Vater sterben musste.“
Mein Körper wurde kalt.
„Was hast du gerade gesagt?“
Victor schloss die Augen.
„Ich habe ihn nicht getötet.“
„Aber du weißt, wer es getan hat.“
Er schwieg.
Grace stellte sich neben mich.
„Dann sprechen Sie.“
Victor sah uns an.
„Samuel Cross war der ursprüngliche Investor.“
Robert nickte langsam.
„Und dein Vater wollte ihn loswerden.“
Victor fuhr fort:
„Samuel hatte Geld in das Restaurant gesteckt. Sehr viel Geld. Aber er wollte Kontrolle.“
„Und mein Vater?“
„Er weigerte sich.“
Victor sah mich an.
„Dann kam dein Vater zu mir.“
Ich runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Er wollte, dass ich das Unternehmen offiziell führe.“
„Damit du mich heiratest?“
Victor schwieg.
Mein Herz sank.
„Sag es.“
„Ja.“
Ich trat einen Schritt zurück.
„Du hast mich geheiratet, weil mein Vater dich dafür eingesetzt hat?“
„Am Anfang war es geschäftlich.“
Ich schloss die Augen.
Zwanzig Jahre.
Meine gesamte Ehe.
„Und später?“
Victor sah mich an.
Seine Stimme wurde leiser.
„Später habe ich dich wirklich geliebt.“
Ich lachte bitter.
„Du hast mich vor Gericht ein Lasttier genannt.“
Er senkte den Blick.
„Ich weiß.“
„Du hast meine Arbeit gestohlen.“
„Ja.“
„Du hast mich nach meinem Unfall belogen.“
„Ja.“
„Und du hast meinen Vater verraten.“
Victor sah mich an.
„Ja.“
Die Ehrlichkeit tat fast mehr weh als die Lügen.
Grace nahm das Notizbuch.
„Was ist auf der Kassette?“
Victor erstarrte.
„Das weißt du?“
„Sie lag im Safe.“
Victor schloss die Augen.
„Dann ist es vorbei.“
Robert holte einen alten Kassettenrekorder aus einem Schrank.
Wir legten die Kassette ein.
Ein Klicken.
Rauschen.
Dann hörte ich die Stimme meines Vaters.
Meine Knie wurden weich.
„Evelyn, wenn du das hörst, ist etwas schiefgegangen.“
Ich hielt den Atem an.
„Victor wird dir erzählen, dass er keine Wahl hatte.“
Victor schloss die Augen.
Die Stimme meines Vaters fuhr fort:
„Aber das stimmt nicht.“
Ich sah Victor an.
„Er hat eine Entscheidung getroffen.“
Rauschen.
Dann:
„Er hat sich mit Samuel Cross getroffen.“
Victor begann zu zittern.
„Bei diesem Treffen wurde beschlossen, dass das Restaurant auf deinen Namen übertragen wird.“
Ich sah Robert an.
„Aber warum?“
Die Aufnahme lief weiter.
„Weil Samuel wusste, dass Evelyn eines Tages erben würde.“
Mein Herz raste.
„Und er wollte nicht das Restaurant.“
Eine Pause.
Dann kam der Satz, der alles veränderte.
„Er wollte Evelyn.“
Ich erstarrte.
Grace sah mich an.
Die Stimme meines Vaters wurde leiser.
„Samuel Cross hat seit Jahren versucht, Kontrolle über unsere Familie zu bekommen. Er wusste, dass Evelyn der Schlüssel ist.“
Die Kassette knackte.
Dann sagte mein Vater:
„Wenn Victor dich heiratet, wird Samuel glauben, dass er gewonnen hat.“
Ich konnte kaum atmen.
„Aber Victor darf niemals wissen, dass ich die Beweise gegen Samuel bereits versteckt habe.“
Die Aufnahme endete.
Stille.
Niemand bewegte sich.
Dann hörten wir draußen ein Auto.
Robert ging zum Fenster.
Sein Gesicht wurde weiß.
„Evelyn.“
„Was?“
Er zeigte hinaus.
Ein schwarzer Wagen hielt vor dem Restaurant.
Die Tür öffnete sich.
Ein Mann stieg aus.
Er war vielleicht sechzig.
Eleganter Mantel.
Graue Haare.
Und in seiner Hand hielt er eine alte Fotografie.
Victor flüsterte:
„Samuel.“
Samuel Cross blickte direkt zum Fenster.
Dann lächelte er.
Er hob die Fotografie hoch.
Ich erkannte das Bild sofort.
Es zeigte mich.
Vor zwanzig Jahren.
An meinem Hochzeitstag.
Aber neben mir stand nicht Victor.
Neben mir stand ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Samuel legte einen Finger an seine Lippen.
Dann sagte er etwas, das wir durch das geschlossene Fenster nicht hören konnten.
Doch Victor verstand es.
Er wich zurück.
„Was hat er gesagt?“
Victor sah mich an.
„Er sagt, dass dein Vater dir die falsche Wahrheit hinterlassen hat.“
Mein Herz raste.
Samuel klopfte an die Eingangstür.
Einmal.
Zweimal.
Dann sagte er laut:
„Evelyn, du hast zwanzig Jahre lang geglaubt, Victor sei dein größtes Problem.“
Er lächelte.
„Aber Victor war nur der Mann, den ich benutzt habe, um zu dir zu gelangen.“



