MEINE MUTTER BESTELLTE MICH ZU EINEM „FAMILIENTREFFEN“
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MEINE MUTTER BESTELLTE MICH ZU EINEM „FAMILIENTREFFEN“

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TEIL 6 — DER LETZTE SATZ MEINES VATERS

Die ganze Nacht schlief niemand.

Richard blieb in meinem Wohnzimmer.

Austin saß am Fenster.

Und ich hörte die Aufnahme immer wieder.

Nicht die gesamte Datei.

Nur diesen einen Satz.

„Und wenn sie nicht unterschreibt, wird sie eben verschwinden.“

Ich versuchte herauszufinden, wer ihn gesagt hatte.

Gregory.

Ganz sicher.

Aber die Stimme auf der Aufnahme war verzerrt.

Vielleicht absichtlich.

Vielleicht durch das alte Gerät.

Gegen fünf Uhr morgens erhielt ich einen Anruf.

General Mitchell.

„Laura.“

„Ja?“

„Wir haben die Audiodatei analysiert.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Und?“

„Sie ist echt.“

Ich schloss die Augen.

„Was noch?“

„Die Aufnahme wurde nicht in eurem Haus gemacht.“

Ich runzelte die Stirn.

„Was?“

„Sie wurde in einem Büro aufgenommen.“

„Welchem?“

Er nannte eine Adresse.

Ich kannte sie.

Das Hauptgebäude von Prescott Holdings.

„Das ist unmöglich.“

„Warum?“

„Mein Vater war dort an diesem Tag nicht.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“

„Dann gibt es ein Problem.“

Ich wartete.

„Die Sicherheitskameras zeigen, dass dein Vater an diesem Tag tatsächlich dort war.“

Mir wurde kalt.

„Jemand hat mir gesagt, er sei zu Hause gewesen.“

„Wer?“

Ich schwieg.

Dann sagte ich:

„Meine Mutter.“

General Mitchell antwortete nicht.

Ich wusste, was er dachte.

Meine Mutter hatte mich belogen.

Vielleicht seit Jahren.

Ich legte auf.

Austin stand hinter mir.

„Was hat er gesagt?“

„Dass Vater am Tag der Aufnahme im Firmengebäude war.“

Austin schüttelte den Kopf.

„Das kann nicht sein.“

„Warum?“

„Weil ich ihn an diesem Tag zu Hause gesehen habe.“

Ich drehte mich um.

„Wann?“

„Gegen sechs Uhr abends.“

„Und wann wurde die Aufnahme gemacht?“

Austin sah mich an.

„Keine Ahnung.“

Richard trat näher.

„Wir können das überprüfen.“

Wir fuhren gemeinsam zu Prescott Holdings.

Das Gebäude war seit dem Tod meines Vaters geschlossen.

Als wir ankamen, wartete bereits ein Sicherheitsbeamter.

„Ich habe Anweisung, niemanden hereinzulassen.“

Ich zeigte ihm meinen Ausweis.

„Ich bin Laura Prescott.“

Er wurde blass.

„Natürlich.“

Er öffnete die Tür.

Im Gebäude war es dunkel.

Der Geruch meines Vaters lag noch in der Luft.

Sein Büro befand sich im obersten Stock.

Ich ging hinein.

Sein Schreibtisch war genau so, wie er ihn hinterlassen hatte.

Ein Stift.

Eine Tasse.

Ein Stapel Dokumente.

Und ein gerahmtes Foto von mir.

Ich nahm es in die Hand.

Darunter lag ein kleiner Umschlag.

Mein Name stand darauf.

LAURA. ERST ÖFFNEN, WENN DU ALLES VERLOREN ZU HABEN GLAUBST.

Meine Hände zitterten.

Ich öffnete ihn.

Darin lag nur ein Satz.

„Du bist nicht die Erbin meines Vermögens.“

Ich sah Richard an.

„Was?“

Ich las weiter.

„Du bist die Erbin meiner Wahrheit.“

Darunter befand sich eine Adresse.

Keine Firma.

Kein Bankkonto.

Ein kleines Lagerhaus außerhalb der Stadt.

Austin trat näher.

„Was ist dort?“

Richard sah die Adresse.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Ich kenne diesen Ort.“

„Woher?“

„Dein Vater hat dort früher persönliche Unterlagen aufbewahrt.“

Wir fuhren sofort dorthin.

Das Gebäude war alt.

Rostige Tore.

Zerbrochene Fenster.

Ein Vorhängeschloss hing an der Tür.

Richard holte einen Schlüssel aus seiner Tasche.

Ich starrte ihn an.

„Sie hatten einen Schlüssel?“

„Dein Vater gab ihn mir vor drei Jahren.“

Er öffnete das Schloss.

Im Inneren standen Dutzende Kisten.

Wir fanden schließlich eine mit meinem Namen.

LAURA PRESCOTT — PRIVAT.

Ich öffnete sie.

Darin lagen Fotos.

Briefe.

Bankunterlagen.

Und eine Videokamera.

Daneben lag ein Umschlag.

Ich öffnete ihn.

Ein USB-Stick.

Ich steckte ihn in den Laptop.

Das Video begann.

Mein Vater saß vor der Kamera.

Er sah erschöpft aus.

Aber seine Augen waren klar.

„Laura“, sagte er.

Ich hielt den Atem an.

„Wenn du das siehst, bin ich wahrscheinlich tot.“

Austin begann zu weinen.

Mein Vater fuhr fort.

„Ich habe lange versucht, meine Familie zu schützen.“

Er sah direkt in die Kamera.

„Aber ich habe einen Fehler gemacht.“

Eine Pause.

„Ich habe der falschen Person vertraut.“

Dann nannte er einen Namen.

Ich erstarrte.

Austin trat zurück.

Richard wurde vollkommen still.

Denn der Name, den mein Vater aussprach, gehörte nicht meiner Mutter.

Nicht Gregory.

Nicht Austin.

Nicht einmal einem Geschäftspartner.

Es war der Name eines Mannes, dem wir seit Jahren vertrauten.

Der Mann, der uns nach dem Tod meines Vaters als Erster sein Beileid ausgesprochen hatte.

Der Mann, der behauptet hatte, nur helfen zu wollen.

Mein Vater sah noch einmal in die Kamera.

„Wenn dieser Mann dir sagt, dass er auf deiner Seite steht, glaub ihm kein Wort.“

Das Video endete.

Niemand sprach.

Dann vibrierte mein Handy.

Eine neue Nachricht.

Diesmal stand nur:

ICH WEISS, DASS DU DAS VIDEO GEFUNDEN HAST.

Darunter kam eine zweite Nachricht.

DU HÄTTEST DEINEN VATER BESSER NICHT SUCHEN SOLLEN.

Ich sah Richard an.

„Woher wissen sie, dass wir hier sind?“

Er antwortete nicht.

Dann hörten wir draußen einen Wagen.

Motorengeräusch.

Scheinwerfer.

Jemand stieg aus.

Schritte näherten sich dem Lagerhaus.

Langsam.

Ruhig.

Als hätte diese Person überhaupt keine Angst.

Austin flüsterte:

„Wer ist das?“

Ich ging zur Tür.

Und in dem Moment, als die Silhouette vor dem Fenster erschien, erkannte ich ihn.

Den Mann, den mein Vater auf dem Video gemeint hatte.

Den Mann, dem meine Familie seit Jahren vertraute.

Und er war nicht gekommen, um mit uns zu reden.