TEIL 8 — SOPHIES WAHRHEIT
Wir verließen das Haus durch die Hintertür.
Christopher fuhr ohne Licht aus der Einfahrt.
Niemand sprach.
Sophie saß neben mir.
Sie zitterte.
Ich hielt Hannah fest.
Nach einer halben Stunde erreichten wir eine verlassene Kapelle außerhalb der Stadt.
Christopher verriegelte die Türen.
„Hier findet uns niemand.“
Ich sah Sophie an.
„Erklär mir, was Mama gesagt hat.“
Sophie antwortete nicht.
„Wer bist du?“
Sie sah aus dem Fenster.
„Ich weiß es nicht.“
„Du bist meine Schwester.“
„Vielleicht.“
Ich spürte einen Stich im Herzen.
„Was soll das heißen?“
Sophie zog ein altes Foto aus ihrer Tasche.
Darauf waren zwei Babys.
Nebeneinander.
Auf der Rückseite stand:
Baby A — Claire.
Baby B — unbekannt.
Ich sah sie an.
„Woher hast du das?“
„Marcus hat es mir gegeben.“
„Wann?“
„Vor sechs Monaten.“
Ich erstarrte.
„Du hast mit ihm gesprochen?“
Sie nickte.
„Ich wollte wissen, warum er mich verfolgt.“
„Und?“
„Er sagte, ich sei nicht seine Schwester.“
Ich sah sie an.
„Was bist du dann?“
„Sein Testobjekt.“
Mir wurde schlecht.
Sophie erzählte weiter.
„Vor siebenundzwanzig Jahren gab es eine Studie.“
„Von Daniel?“
„Ja.“
„Aber warum?“
„Daniel glaubte, dass bestimmte genetische Veränderungen Krankheiten verhindern könnten.“
„Und dafür brauchte er Kinder.“
Sophie nickte.
„Zwillinge.“
Ich sah Hannah an.
„Du meinst…“
„Ja.“
„Du und ich?“
„Ihr wart Zwillinge.“
Mein Kopf wurde leer.
„Aber ich habe nie eine Zwillingsschwester gehabt.“
„Weil man dich getrennt hat.“
„Warum?“
Sophie sah zu Mama.
„Weil eine von euch die Veränderung nicht trug.“
Ich verstand.
„Ich?“
„Du.“
„Und die andere?“
Sophie legte die Hand auf ihre Brust.
„Ich.“
Ich starrte sie an.
„Du hast die Krankheit.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Dann lächelte sie traurig.
„Ich habe die Veränderung.“
„Was ist der Unterschied?“
„Die Veränderung macht mich nicht krank.“
„Dann warum sucht Marcus dich?“
„Weil er sie braucht.“
Plötzlich wurde die Tür der Kapelle geöffnet.
Wir erschraken.
Doch es war nicht Marcus.
Ein alter Mann stand dort.
Er trug einen langen Mantel.
Sophie wich zurück.
„Nein.“
Mama trat vor.
„Daniel.“
Ich sah den Mann an.
Mein Herz schlug schneller.
Daniel Reed.
Der Mann, dessen Name seit Stunden mein ganzes Leben zerstörte.
Er sah mich an.
Dann Hannah.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Sie lebt.“
Ich trat vor.
„Wer?“
Daniel antwortete:
„Deine andere Tochter.“
Ich erstarrte.
„Ich habe nur eine Tochter.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er holte ein Dokument heraus.
„Hannah hat eine Zwillingsschwester.“
Mir wurde schwindelig.
„Das ist unmöglich.“
„Sie wurde bei der Geburt getrennt.“
„Wo ist sie?“
Daniel sah zu Sophie.
„Marcus hat sie.“
Sophie begann zu weinen.
„Seit wann?“
„Seit ihrer Geburt.“
Ich konnte kaum atmen.
„Warum?“
Daniel sah mich an.
„Weil Marcus glaubt, dass nur deine beiden Kinder zusammen die vollständige genetische Sequenz besitzen.“
„Und was will er damit?“
Daniel antwortete:
„Er will die Krankheit stoppen.“
„Warum sollte er dafür meine Kinder nehmen?“
„Weil er glaubt, dass die einzige Heilung in eurem Blut liegt.“
Ich sah auf Hannah.
„Dann ist sie in Gefahr.“
Daniel nickte.
„Sehr.“
Christopher fragte:
„Wo ist die andere Tochter?“
Daniel sah ihn an.
„In einer Klinik.“
„Welche?“
Daniel antwortete nicht.
Stattdessen sagte er:
„Wenn ihr sie retten wollt, müsst ihr mir vertrauen.“
Ich lachte bitter.
„Vertrauen? Nach allem, was passiert ist?“
Daniel sah mich an.
„Du hast jedes Recht, mich zu hassen.“
Dann zeigte er auf Sophie.
„Aber ohne sie werdet ihr die Klinik niemals finden.“
Sophie sah mich an.
„Ich weiß, wo sie ist.“
„Wo?“
Sie antwortete:
„In der alten Klinik aus dem roten Ordner.“
Mein Herz raste.
„Die Klinik, in der Sophie damals verschwunden sein soll?“
„Ja.“
Daniel nickte.
„Und dort wartet Marcus.“
Plötzlich vibrierte mein Telefon.
Eine neue Nachricht.
Claire, komm allein.
Darunter ein Foto.
Meine Tochter.
Nicht Hannah.
Ein Baby, das ich noch nie gesehen hatte.
Aber ich erkannte sofort die Augen.
Meine Augen.
* * *



