TEIL 4 — DER MANN, DER UNS ALLE BEOBACHTETE
Ich verbrachte die ganze Nacht damit, das Foto anzusehen.
Der Mann neben Sophie hieß Dr. Marcus Reed.
Er war der Spezialist, bei dem Mama behandelt worden war.
Ich erinnerte mich genau an ihn.
An seine ruhige Stimme.
An seine freundlichen Fragen.
An die Art, wie er meine Mutter angesehen hatte.
Jetzt fragte ich mich, was davon echt gewesen war.
„Wir müssen ihn finden“, sagte ich.
Christopher schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum?“
„Weil er uns bereits gefunden hat.“
Ich sah ihn an.
„Was meinst du?“
Christopher zeigte auf die Überwachungskamera-App.
„Schau.“
Er öffnete die Aufnahmen der letzten Wochen.
Zuerst sah ich nichts Besonderes.
Dann bemerkte ich einen schwarzen Wagen.
Er stand immer wieder gegenüber unserem Haus.
Nicht lange.
Zwanzig Minuten.
Manchmal eine Stunde.
Immer spät abends.
„Seit wann?“
„Seit Mama hier ist.“
Mein Magen verkrampfte sich.
„Und du hast nichts gesagt?“
„Ich wusste nicht, wer es war.“
„Jetzt wissen wir es.“
Wir gingen am nächsten Morgen zur Polizei.
Wir erzählten alles.
Die Beamten nahmen die Fotos auf.
Doch als sie den Namen Marcus Reed hörten, änderte sich der Gesichtsausdruck eines Polizisten.
„Sie kennen ihn?“, fragte ich.
„Nicht persönlich.“
Er sah in seine Unterlagen.
„Aber sein Name ist vor einigen Jahren in einem anderen Fall aufgetaucht.“
„Welchem?“
„Vermisste Kinder.“
Mir wurde schlecht.
„Sophie?“
Der Beamte nickte langsam.
„Möglicherweise.“
Mama saß neben mir.
Sie begann zu zittern.
„Dann hat er sie gefunden.“
Der Polizist sah sie an.
„Wer?“
Mama antwortete:
„Meine Tochter.“
Am selben Nachmittag bekamen wir einen Anruf.
Eine Frau wollte mit uns sprechen.
Sie sagte, sie sei Sophies Pflegemutter.
Ihr Name war Eleanor Brooks.
Wir trafen sie in einem kleinen Café.
Sie war ungefähr sechzig Jahre alt.
Als sie Mama sah, standen ihr sofort Tränen in den Augen.
„Abigail.“
Mama stand auf.
„Sie kennen mich.“
Eleanor nickte.
„Ich habe dich gesucht.“
„Warum?“
„Weil Sophie endlich bereit ist, die Wahrheit zu erzählen.“
Ich setzte mich näher.
„Wo ist sie?“
„In Sicherheit.“
„Warum kommt sie nicht selbst?“
Eleanor sah mich an.
„Weil sie Angst hat, dass jemand sie findet.“
„Wer?“
Eleanor senkte die Stimme.
„Der Mann, der sie damals mitgenommen hat.“
„Wer?“
Sie sah zu Mama.
„Dein Mann.“
Meine Mutter erstarrte.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
Eleanor legte einen alten Umschlag auf den Tisch.
„Sophie war sieben. Dein Mann hatte hohe Schulden. Er nahm sie mit und übergab sie einer Familie, die bereit war, für sie zu bezahlen.“
Ich konnte nicht atmen.
„Er hat seine eigene Tochter verkauft?“
Eleanor nickte.
„Aber Sophie wusste nicht, was passiert war.“
„Wie kam sie zurück?“
„Sie wurde Jahre später von einer Sozialarbeiterin gefunden.“
„Und warum hat sie nie Kontakt zu Mama aufgenommen?“
Eleanor sah mich traurig an.
„Weil sie glaubte, ihre Mutter hätte sie freiwillig aufgegeben.“
Mama begann zu weinen.
„Nein.“
Eleanor griff nach ihrer Hand.
„Ich weiß.“
Dann holte sie ein weiteres Dokument heraus.
„Dein Mann hat damals einen Vertrag unterschrieben.“
Mama nahm das Papier.
Ich sah, wie ihre Finger zitterten.
„Was steht darin?“
Eleanor antwortete:
„Dass er niemals versuchen würde, Sophie zu finden.“
„Und wenn er es doch tat?“
Eleanor sah mich an.
„Dann würde er bezahlen.“
„Womit?“
Sie antwortete nicht.
Stattdessen zeigte sie auf eine Klausel.
Darin stand eine Summe.
500.000 Dollar.
Ich sah Christopher an.
„Deshalb das Geld.“
Er nickte.
„Die Abbuchungen.“
Plötzlich verstand ich.
Mama war nicht nur krank.
Sie hatte in den vergangenen Monaten Geld von ihrem Konto abgehoben.
Ich dachte an all die Überweisungen.
Die teuren Medikamente.
Die Reisen.
Die Klinik.
Doch vielleicht hatte sie noch etwas anderes bezahlt.
„Mama“, fragte ich vorsichtig, „hast du jemanden bezahlt?“
Sie sah mich an.
„Ja.“
„Wen?“
Sie schwieg.
„Mama.“
„Ich habe versucht, Sophie zu finden.“
„Wie viel?“
Sie schloss die Augen.
„Fast zweihunderttausend Dollar.“
Christopher sah sie fassungslos an.
„Aber du hattest kaum noch Geld für deine Behandlung.“
„Das war mir egal.“
Ich begann zu weinen.
Meine Mutter hatte ihr eigenes Leben geopfert, um eine Tochter zu finden, die sie seit fast drei Jahrzehnten vermisst hatte.
Doch dann klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Hallo?“
Eine Männerstimme sagte:
„Sie hätten nicht nach Sophie suchen dürfen.“
Ich stand auf.
„Wer sind Sie?“
„Jemand, der weiß, was Ihre Mutter getan hat.“
„Was wollen Sie?“
„Den roten Ordner.“
Ich erstarrte.
„Welchen Ordner?“
„Den, den Abigail seit siebenundzwanzig Jahren versteckt.“
Mama wurde bleich.
„Leg auf“, flüsterte sie.
Doch ich fragte:
„Was ist in dem Ordner?“
Die Stimme antwortete:
„Die Wahrheit darüber, warum Sophie verschwand.“
Dann wurde die Verbindung beendet.
Ich sah meine Mutter an.
„Du hast diesen Ordner.“
Sie sagte nichts.
Ich stand auf.
„Mama.“
Endlich nickte sie.
„Ja.“
„Wo?“
Sie sah mich direkt an.
„In deinem Haus.“



