TEIL 4 — Mein Vater war in meinem Haus, während mein Ehemann mich jeden Tag belogen hatte
„Sag mir, dass das nicht stimmt.“
Meine Stimme zitterte.
Declan antwortete nicht.
Sein Schweigen war schlimmer als jedes Geständnis.
„Declan!“
Er sah mich an.
„Wir fahren sofort nach Hause.“
„Warum?“
„Weil dein Vater möglicherweise tatsächlich dort ist.“
„Und du wusstest nichts davon?“
„Nein.“
Colin trat näher.
„Wir sollten vorsichtig sein. Wenn dein Vater wirklich dort ist, wartet er vielleicht nicht allein.“
Die Worte ließen mir einen Schauer über den Rücken laufen.
Mein Zuhause.
Der Ort, an dem ich mich achtzehn Monate lang unsichtbar gefühlt hatte.
Der Ort, an dem Declan und ich wie Fremde gelebt hatten.
Vielleicht war dort die ganze Zeit jemand gewesen.
Wir stiegen in Declans Wagen.
Diesmal saß ich neben ihm.
Nicht hinten.
Er sagte kein Wort, während wir durch die nächtlichen Straßen fuhren.
Ich sah aus dem Fenster.
„Warum hast du mich nie berührt?“
Seine Hände verkrampften sich am Lenkrad.
„Weil ich Angst hatte.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Du? Angst?“
„Vor dem, was passieren würde, wenn ich mich in dich verliebe.“
Ich konnte nur starren.
„Was?“
Er sah mich kurz an.
„Unsere Ehe sollte ein Vertrag sein. Nichts mehr.“
„Aber?“
„Aber irgendwann warst du nicht mehr nur meine Frau auf dem Papier.“
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
„Warum hast du mich dann behandelt, als wäre ich unsichtbar?“
„Weil jeder wusste, dass du meine Schwachstelle bist.“
Er schluckte.
„Ich dachte, wenn ich dich von mir fernhalte, bleiben meine Feinde von dir fern.“
„Du hast mich trotzdem allein gelassen.“
„Ich weiß.“
Seine Stimme brach beinahe.
„Und das ist der größte Fehler meines Lebens.“
Das Auto hielt plötzlich.
Ich blickte nach vorne.
Unsere Villa lag im Dunkeln.
Alle Lichter waren ausgeschaltet.
Colin stieg aus seinem Wagen.
Seine Männer verteilten sich sofort um das Grundstück.
Declan nahm meine Hand.
„Bleib hinter mir.“
Wir betraten das Haus.
Stille.
Zu viel Stille.
Die Eingangshalle sah unverändert aus.
Doch ich bemerkte etwas.
Eine Tür stand offen.
Die Tür zu meinem alten Arbeitszimmer.
Wir gingen hinein.
Auf meinem Schreibtisch lag ein einzelner Umschlag.
Mein Name stand darauf.
Ich öffnete ihn.
Nur ein Satz.
„Du hast endlich angefangen, die richtigen Fragen zu stellen.“
Darunter stand eine Adresse.
Ich kannte sie.
Das alte Lagerhaus meines Vaters am Chicago River.
Declan las die Adresse.
Sein Gesicht wurde hart.
„Wir gehen nicht dorthin.“
„Doch.“
„Nora—“
„Mein Vater hat mich angerufen.“
Ich sah ihn direkt an.
„Zwölf Jahre lang dachte ich, er sei tot. Wenn er dort ist, werde ich ihn sehen.“
Declan wollte widersprechen.
Doch plötzlich hörten wir ein Geräusch aus dem oberen Stockwerk.
Ein Schritt.
Dann noch einer.
Colin hob sofort seine Waffe.
„Wir sind nicht allein.“
Declan stellte sich vor mich.
„Bleib hier.“
Doch bevor er die Treppe erreichte, ging oben das Licht an.
Eine Frau erschien am Geländer.
Silbernes Haar.
Schwarzes Kleid.
Ein ruhiges Lächeln.
Ich kannte dieses Gesicht.
Ich hatte es auf alten Familienfotos gesehen.
„Victoria“, flüsterte ich.
Meine Tante sah mich an.
„Hallo, Nora.“
Declan hob seine Waffe.
„Keine Bewegung.“
Victoria lachte.
„Immer noch so misstrauisch, Declan.“
„Du solltest seit zehn Jahren tot sein.“
„Viele Menschen sollten tot sein.“
Sie kam langsam die Treppe herunter.
„Aber nicht alle bekommen die Gelegenheit, ihre Fehler zu korrigieren.“
Ich trat vor.
„Wo ist mein Vater?“
Victoria sah mich lange an.
„Du bist ihm erstaunlich ähnlich.“
„Wo ist er?“
„Im Lagerhaus.“
„Lebt er?“
„Ja.“
Meine Knie wurden weich.
„Warum hast du ihn versteckt?“
Victoria antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie:
„Weil dein Vater mich verraten hat.“
„Was?“
„Er hat das Geld nicht für dich versteckt.“
Sie sah zu Declan.
„Er hat es für ihn versteckt.“
Ich folgte ihrem Blick.
Declan.
Mein Mann.
Victoria lächelte.
„Dein Vater wusste, dass Declan eines Tages der mächtigste Mann in Chicago werden würde.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Warum sollte er sein Vermögen Declan geben?“
Victoria antwortete:
„Weil Declan nicht nur dein Ehemann ist.“
Sie trat näher.
„Er ist der Sohn des Mannes, der deinen Vater vor zwölf Jahren gerettet hat.“
Ich sah Declan an.
Er schloss die Augen.
„Das stimmt.“
„Warum hast du mir das nie erzählt?“
„Weil ich versprochen hatte, dass du niemals erfahren würdest, wer ich wirklich bin.“
„Und wer bist du?“
Declan sah mich an.
Seine Augen waren voller Schmerz.
„Der Mann, den dein Vater ausgewählt hat, um dich zu beschützen.“
Plötzlich ertönte draußen ein Schuss.
Victoria lächelte.
„Ihr seid zu spät.“
Colin rannte zum Fenster.
„Wir werden umzingelt!“
Weitere Schüsse hallten durch die Nacht.
Declan zog mich hinter eine Wand.
„Nora, hör mir zu.“
„Was?“
Er hielt mein Gesicht zwischen seinen Händen.
„Wenn wir heute Nacht nicht überleben, musst du eines wissen.“
„Was?“
„Ich habe dich nie ignoriert, weil du mir egal warst.“
Seine Stirn berührte meine.
„Ich habe dich ignoriert, weil ich dich mehr geliebt habe, als ich durfte.“
Dann explodierte im Erdgeschoss eine Granate.
Das Haus bebte.
Und aus dem Rauch erklang eine Stimme.
Eine Stimme, die ich zwölf Jahre lang für tot gehalten hatte.
„Nora!“
Mein Vater.



