TEIL 3 — Der Mann, der meinen Namen rief, hätte seit zwölf Jahren tot sein müssen
Die Galerie versank in völliger Dunkelheit.
Ich lag auf dem Boden, Declans Körper schützend über meinem.
Überall schrien Menschen.
Glas zerbrach.
Jemand rannte gegen eine Wand.
Dann hörte ich einen dritten Knall.
„Bleib unten“, flüsterte Declan.
Seine Hand lag fest an meinem Hinterkopf.
Zum ersten Mal seit achtzehn Monaten berührte er mich nicht aus Pflicht.
Er berührte mich, als hätte er Angst, mich zu verlieren.
„Declan…“
„Ich bin hier.“
Zwei Worte.
Aber sie trafen mich härter als alles, was er in unserer Ehe gesagt hatte.
Plötzlich flackerte das Notlicht auf.
Rot.
Schwach.
Colin stand wenige Meter entfernt.
Seine Waffe war erhoben.
„Drei Männer am Hintereingang“, sagte er.
Declan erhob sich.
„Zwei am Seiteneingang.“
Die beiden Männer sahen sich an.
Keine Feindseligkeit mehr.
Nur Konzentration.
Dann packte Declan meine Hand.
„Du kommst mit mir.“
Ich wollte protestieren.
Doch eine weitere Kugel schlug in das Gemälde hinter uns ein.
Ich gehorchte.
Declan zog mich hinter eine massive Säule.
Colin ging in die entgegengesetzte Richtung.
Sekunden später waren Schüsse zu hören.
Dann Stille.
Ich zitterte.
Declan kniete vor mir.
„Bist du verletzt?“
„Nein.“
Er sah meine Hände an.
„Sicher?“
„Ja.“
Seine Finger berührten kurz meine Wange.
Ich erstarrte.
Er zog die Hand sofort zurück.
„Entschuldige.“
„Warum hast du mich achtzehn Monate lang nicht berührt?“
Er antwortete nicht.
„Jetzt ist keine Zeit dafür“, sagte er.
„Doch.“
Ich sah ihn an.
„Vielleicht ist das unsere letzte Gelegenheit.“
Sein Blick wurde weich.
„Du hast keine Ahnung, wie oft ich dir diese Frage beantworten wollte.“
Bevor er weitersprechen konnte, erschien Colin.
„Wir müssen sofort weg.“
„Wer waren sie?“, fragte ich.
Colin sah mich an.
„Leute deines Vaters.“
Mein Herz blieb stehen.
„Mein Vater ist tot.“
Colin schwieg.
Declan stand langsam auf.
„Wir müssen gehen.“
„Nein.“
Ich stellte mich ihm entgegen.
„Vor fünf Minuten habt ihr mir gesagt, dass mein Vater ein Vermögen versteckt hat. Jetzt greifen plötzlich bewaffnete Männer an und jemand ruft meinen vollständigen Namen.“
Ich sah beide an.
„Ich will die Wahrheit.“
Colin blickte zu Declan.
„Sag es ihr.“
Declan atmete schwer aus.
„Dein Vater ist möglicherweise nicht tot.“
Die Welt blieb stehen.
„Was?“
„Wir haben nie eine Leiche gefunden.“
Ich starrte ihn an.
„Warum hast du mir gesagt, er sei tot?“
„Weil er wollte, dass du das glaubst.“
„Warum?“
„Um dich zu schützen.“
Ich lachte bitter.
„Alle benutzen dieses Wort.“
Ich zeigte auf ihn.
„Du.“
Dann auf Colin.
„Er.“
„Schützen.“
Meine Stimme brach.
„Aber niemand fragt mich, ob ich die Wahrheit überhaupt wissen will.“
Declan sah mich lange an.
„Dein Vater hat seinen Tod inszeniert.“
„Warum?“
„Weil er wusste, dass jemand aus seiner eigenen Organisation ihn verraten hatte.“
„Wer?“
Declan schwieg.
Colin antwortete:
„Deine Tante.“
Ich erstarrte.
„Meine Tante ist seit zehn Jahren tot.“
„Nein“, sagte Colin.
„Sie lebt.“
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Wo?“
„In Chicago.“
„Wie heißt sie?“
Colin sah mich an.
„Victoria Hayes.“
Ich kannte diesen Namen.
Meine Mutter hatte ihn immer vermieden.
Ich hatte als Kind geglaubt, Victoria sei eine entfernte Verwandte.
Doch plötzlich ergaben sich Dinge, die ich nie verstanden hatte.
Die Familienfeiern.
Die verschwundenen Fotos.
Die Briefe meiner Mutter.
„Warum sollte meine Tante meinen Vater verraten?“
Declan antwortete:
„Weil sie sein Imperium wollte.“
„Und das Geld?“
„Sie glaubte, dein Vater hätte es dir hinterlassen.“
Ich sah ihn an.
„Aber du hast gesagt, du besitzt es.“
Declan wurde still.
„Das Geld liegt auf einem Konto, auf das nur eine Person Zugriff hat.“
„Wer?“
Er sah mir direkt in die Augen.
„Du.“
Ich konnte nicht sprechen.
Dann vibrierte Colins Telefon.
Er nahm ab.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Was?“
Kurze Pause.
„Bist du sicher?“
Er legte auf.
„Wir haben ein Problem.“
Declan sah ihn an.
„Was?“
Colin antwortete:
„Jemand hat gerade versucht, auf Noras Konto zuzugreifen.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Wer?“
Colin sah mich an.
„Die Zugangsdaten wurden von einem Computer eingegeben, der sich nur zwei Straßen von hier befindet.“
Declan wurde blass.
„Wer ist dort?“
Colin sagte nur:
„Victoria Hayes.“
Ich konnte kaum atmen.
Meine Tante war in Chicago.
Und sie wusste offenbar, dass ich heute Abend hier sein würde.
Declan griff nach meiner Hand.
Diesmal ließ ich ihn gewähren.
„Wir fahren sofort.“
Doch bevor wir die Galerie verlassen konnten, klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Hallo?“
Zuerst hörte ich nur Atemzüge.
Dann eine Männerstimme.
Älter.
Rau.
Und erschreckend vertraut.
„Nora.“
Ich erstarrte.
„Wer ist da?“
Eine lange Pause.
Dann sagte der Mann:
„Dein Vater.“
Mein Herz setzte aus.
„Das ist nicht möglich.“
Er lachte leise.
„Doch, meine Tochter.“
Ich begann zu weinen.
„Wo bist du?“
Seine Antwort ließ Declan und Colin gleichzeitig erstarren.
„Im Haus, in dem du mit deinem Ehemann seit achtzehn Monaten schläfst.“
Dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Ich sah Declan an.
Er war kreidebleich.
Denn jetzt wusste auch er:
Mein Vater war die ganze Zeit näher gewesen, als wir jemals vermutet hatten.



