TEIL 9 – DIE WAHRHEIT ÜBER MEINEN NAMEN
Ich hielt das Dokument in meinen Händen.
Meine Augen wanderten immer wieder über dieselbe Zeile.
„Der Anspruch auf das Erbe ist nur gültig, wenn Sophie die wahre Tochter von Thomas van der Meer ist.“
Mein Herz schlug schneller.
Nach all den Geheimnissen.
Nach all den Lügen.
Nach zwanzig Jahren voller Fragen…
stand ich wieder vor einer neuen Wahrheit.
* * *
Alexander Krüger beobachtete jede meiner Reaktionen.
Er wollte, dass ich Angst bekam.
Er wollte, dass ich zweifelte.
Aber er verstand eine Sache nicht.
Ich war nicht mehr das Mädchen, das vor sechs Jahren aus diesem Haus geflohen war.
Ich hatte gelernt, Menschen zu durchschauen.
* * *
„Sie wussten die ganze Zeit davon“, sagte ich.
Alexander lächelte leicht.
„Ich wusste mehr, als du dir vorstellen kannst.“
„Dann sagen Sie mir die Wahrheit.“
Meine Stimme wurde kalt.
„Bin ich Thomas van der Meers Tochter?“
* * *
Für einen Moment schwieg er.
Dann sah er zu meiner Mutter.
„Frag sie.“
Alle Blicke richteten sich auf sie.
* * *
Meine Mutter senkte den Kopf.
Und diese Reaktion tat mehr weh als jede Antwort.
„Mama…“
Sie sah mich an.
Ihre Augen waren voller Tränen.
„Ja, Sophie.“
„Du bist Thomas’ Tochter.“
* * *
Ich atmete aus.
Ein Teil von mir fühlte Erleichterung.
Aber ein anderer Teil war wütend.
Warum hatte niemand mir vertraut?
Warum musste ich alles auf diese Weise erfahren?
* * *
„Warum hat niemand mir die Wahrheit gesagt?“
Meine Mutter trat näher.
„Weil wir Angst hatten.“
„Nicht vor dir.“
„Vor den Menschen, die dich benutzen wollten.“
* * *
Alexander lachte leise.
„Wie rührend.“
„Die perfekte Familie, die ein Kind aus Liebe versteckt hat.“
Er machte eine Pause.
„Aber du hast eine Sache vergessen, Sophie.“
* * *
Ich sah ihn an.
„Was?“
Er hielt ein weiteres Dokument hoch.
„Dein Vater war nicht nur ein Opfer.“
* * *
Mein Blick ging zu meiner Mutter.
Sie wurde blass.
„Alexander, hör auf.“
* * *
Aber er machte weiter.
„Thomas hat vor zwanzig Jahren eine Entscheidung getroffen.“
„Eine Entscheidung, die alles verändert hat.“
* * *
Mein Herz begann zu rasen.
„Welche Entscheidung?“
* * *
Alexander sah mich direkt an.
„Er hat deine Mutter nicht nur versteckt.“
„Er hat auch dafür gesorgt, dass eine andere Person die Schuld bekommt.“
* * *
Stille.
* * *
„Wer?“
Meine Stimme war kaum hörbar.
* * *
Alexander antwortete:
„Daniel Weber.“
* * *
Ich erstarrte.
Daniel.
Der Mann, der meine Mutter beschützt hatte.
Der Mann, der jahrelang im Schatten gewartet hatte.
* * *
„Das ist eine Lüge“, sagte meine Mutter sofort.
Aber ihre Stimme klang nicht sicher.
* * *
Alexander lächelte.
„Ist es das?“
Er zeigte auf das Dokument.
„Dann frag Thomas, warum Daniel zwanzig Jahre lang verschwunden war.“
* * *
Ich nahm mein Handy.
Ich rief meinen Vater an.
Er ging sofort ran.
„Sophie? Wo bist du?“
Ich antwortete nicht direkt.
„Papa… kennst du Daniel Weber?“
Am anderen Ende wurde es still.
* * *
Zu still.
* * *
„Sophie, hör mir zu.“
Seine Stimme klang plötzlich angespannt.
„Du musst sofort weg von dort.“
* * *
Mein Herz sank.
„Warum?“
* * *
Er sagte nur einen Satz:
„Weil Daniel nicht der Mann ist, für den du ihn hältst.“
* * *
Ich blickte zu meiner Mutter.
Sie sah genauso erschrocken aus wie ich.
* * *
Dann hörten wir plötzlich Motorengeräusche.
Mehrere schwarze Fahrzeuge näherten sich dem alten Bahnhof.
Die Türen öffneten sich.
Männer in dunklen Anzügen stiegen aus.
* * *
Alexander lächelte.
„Es ist Zeit.“
* * *
Meine Mutter griff meine Hand.
„Sophie, du musst mir vertrauen.“
* * *
Ich sah die Männer näher kommen.
Dann sah ich Alexander.
Dann meine Mutter.
Dann das Dokument in meiner Hand.
* * *
Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht, wer die Wahrheit sagte.
Mein Vater?
Meine Mutter?
Daniel?
Oder Alexander?
* * *
Einer der Männer kam auf uns zu.
„Frau van der Meer.“
Ich trat einen Schritt zurück.
„Wer sind Sie?“
* * *
Der Mann zeigte eine Identifikation.
Und mein Blut gefror.
Denn darauf stand ein Name, den ich kannte.
Van der Meer Sicherheitsdienst.
* * *
„Wir sind hier, um Sie zu schützen.“
Ich sah verwirrt aus.
„Wer hat Sie geschickt?“
* * *
Der Mann antwortete:
„Ihr Vater.“
* * *
Meine Mutter schloss die Augen.
Und flüsterte:
„Thomas wusste, dass dieser Tag kommen würde.“
* * *
Ich sah zurück zu der Villa in der Ferne.
Zu meinem Vater.
Zu dem Mann, dem ich gerade wieder vertraut hatte.
* * *
Aber dann bekam ich eine neue Nachricht.
Von einer unbekannten Nummer.
Nur ein Foto.
Ein Foto von meinem Vater.
Mit Helena.
Aufgenommen…
vor zwei Tagen.
* * *
Darunter stand:
„Sophie, frag dich nicht, wer dich belogen hat.“
„Frag dich, warum dein Vater immer noch mit deiner größten Feindin zusammenarbeitet.“
* * *
Meine Hände begannen zu zittern.
Denn plötzlich gab es nur noch eine Frage:
War mein Vater wirklich mein Beschützer… oder der letzte Mensch, vor dem ich mich schützen musste?
Fortsetzung volgt…



