TEIL 2 – DIE WAHRHEIT HINTER DEM VERRAT
Drei Tage nach dem Zusammenbruch von Helena und Daan dachte ich, dass endlich Ruhe eingekehrt war.
Ich lag in meinem alten Schlafzimmer in der Villa meines Vaters und sah aus dem Fenster auf den Garten, in dem meine Mutter früher jeden Morgen gearbeitet hatte.
Alles sah genauso aus wie früher.
Die alten Bäume.
Die Steinwege.
Die Blumen, die sie gepflanzt hatte.
Aber etwas hatte sich verändert.
Ich war nicht mehr das Mädchen, das dieses Haus vor sechs Jahren mit gebrochenem Herzen verlassen hatte.
Ich war zurückgekommen.
Und diesmal würde mich niemand wieder zum Schweigen bringen.
Mein Vater saß im Rollstuhl neben mir.
Thomas van der Meer.
Ein Mann, den ganz Niederlande für stark und unbesiegbar gehalten hatte.
Doch an diesem Morgen sah ich nicht den erfolgreichen Unternehmer.
Ich sah nur einen Vater, der bereute.
„Sophie“, sagte er leise.
Ich blickte zu ihm.
„Ja, Papa?“
Er schwieg lange.
Dann sagte er:
„Ich habe sechs Jahre gebraucht, um zu verstehen, was ich verloren habe.“
Diese Worte trafen mich.
Denn ein Teil von mir hatte mein ganzes Leben darauf gewartet, genau das zu hören.
Aber ein anderer Teil erinnerte sich an all die Jahre voller Einsamkeit.
„Du hast mich nicht verloren, Papa“, sagte ich ruhig.
„Du hast mich weggeschickt.“
Er senkte den Blick.
Und zum ersten Mal sah ich, dass mein Vater wirklich Schmerzen hatte.
Nicht körperlich.
Sondern innerlich.
* * *
Am Nachmittag kam mein Anwalt in die Villa.
Er brachte neue Dokumente mit.
„Sophie, wir haben ein weiteres Problem.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Was für ein Problem?“
Er legte eine Akte auf den Tisch.
„Helena und Daan waren nicht allein.“
Mein Herz wurde schwer.
„Was meinst du damit?“
Er öffnete die Unterlagen.
„Die Übernahme der Firma wurde nicht nur durch gefälschte Dokumente ermöglicht.“
Er zeigte auf mehrere Namen.
„Jemand innerhalb des Unternehmens hat ihnen geholfen.“
Mein Vater wurde sofort aufmerksam.
„Wer?“
Der Anwalt sah ihn ernst an.
„Ihr ehemaliger Finanzdirektor.“
Mein Vater erstarrte.
„Markus Keller?“
Der Anwalt nickte.
„Genau.“
* * *
Markus Keller war seit fast zwanzig Jahren einer der engsten Mitarbeiter meines Vaters gewesen.
Mein Vater hatte ihm vertraut.
Er hatte ihm Zugang zu allen wichtigen Geschäftsunterlagen gegeben.
„Warum würde er das tun?“, fragte mein Vater.
Ich sah die Akte an.
Und plötzlich verstand ich.
„Weil er wusste, dass du ihm vertraust.“
Alle schauten mich an.
„Menschen wie Helena und Daan gewinnen nicht durch Stärke.“
Ich blätterte durch die Dokumente.
„Sie gewinnen, weil sie Schwächen finden.“
* * *
Noch am selben Abend fuhr ich zum alten Büro meines Vaters.
Die Firma war inzwischen wieder unter Kontrolle meines Vaters.
Aber ich wusste, dass wir nicht sicher waren.
Nicht solange wir nicht wussten, wie tief der Verrat ging.
Als ich das Gebäude betrat, wurde es still.
Viele Mitarbeiter sahen mich an.
Einige kannten mich noch von früher.
Die Tochter des Gründers.
Das Mädchen, das verschwunden war.
Jetzt war ich zurück.
Aber diesmal mit einer anderen Rolle.
* * *
Im Büro meines Vaters fand ich etwas Seltsames.
Eine Schublade, die abgeschlossen war.
Ich fragte die Assistentin meines Vaters.
„Wer hatte Zugang dazu?“
Sie wurde nervös.
„Nur Herr van der Meer.“
„Und Markus Keller.“
Mein Blick veränderte sich.
Ich holte den Schlüssel aus der alten Dokumentenbox meines Vaters.
Als ich die Schublade öffnete, fand ich einen Umschlag.
Darauf stand nur ein Name.
Mein Name.
Sophie.
* * *
Meine Hände zitterten.
Ich öffnete den Umschlag.
Darin lag ein Brief.
Aber diesmal war er nicht von meiner Mutter.
Er war von meinem Vater.
Geschrieben vor sechs Jahren.
Bevor ich gegangen war.
Ich begann zu lesen.
„Sophie,
wenn du diesen Brief findest, bedeutet das, dass ich nicht den Mut hatte, dir die Wahrheit selbst zu sagen.“
Ich hielt den Atem an.
* * *
„Helena hat mich nicht nur wegen meines Geldes geheiratet.“
„Sie wusste von einem Geheimnis, das unsere Familie zerstören könnte.“
Mein Herz schlug schneller.
Welches Geheimnis?
* * *
„Deine Mutter hat vor ihrem Tod herausgefunden, dass jemand versucht hat, die Firma zu übernehmen.“
„Sie wusste, dass sie in Gefahr war.“
Ich setzte mich langsam hin.
Meine Mutter war also nicht einfach nur ein Opfer eines Unfalls gewesen.
Sie hatte etwas entdeckt.
Etwas Gefährliches.
* * *
Dann las ich den letzten Teil des Briefes.
Und dort stand ein Satz, der alles veränderte.
„Sophie, wenn Helena und Daan jemals versuchen, dir oder mir alles wegzunehmen, musst du wissen:
Sie haben Angst vor dir.“
* * *
Ich blickte auf.
Warum sollten sie Angst vor mir haben?
Ich war doch nur zurückgekommen, um meinen Vater zu schützen.
Doch dann fiel mir etwas ein.
Der Tag, an dem ich die Firma verlassen hatte.
Der Tag, an dem Helena mich ausgelacht hatte.
Sie hatte gesagt:
„Du bist nur ein schwaches Mädchen. Du wirst niemals verstehen, wie diese Welt funktioniert.“
Damals hatte ich geschwiegen.
Heute würde ich ihr zeigen, wie falsch sie lag.
* * *
Plötzlich klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Hallo?“
Eine Männerstimme antwortete.
„Sophie van der Meer?“
„Ja.“
„Sie kennen mich nicht.“
Eine Pause.
„Aber ich kenne die Wahrheit über den Tod Ihrer Mutter.“
Mein Herz blieb stehen.
„Wer sind Sie?“
Die Stimme wurde leiser.
„Jemand, der damals dabei war.“
Ich stand langsam auf.
„Was wollen Sie?“
Dann kam der Satz, der meine ganze Welt erneut erschütterte:
„Ihre Mutter wurde nicht getötet, weil sie zu viel wusste.“
Eine Pause.
„Sie wurde getötet, weil sie jemanden schützen wollte.“
Ich konnte kaum atmen.
„Wen?“
Am anderen Ende herrschte Schweigen.
Dann sagte der Mann:
„Dich, Sophie.“
Die Verbindung brach ab.
Und in diesem Moment wusste ich:
Der Kampf gegen Helena und Daan war nur der Anfang gewesen.
Denn die größte Wahrheit…
war noch immer verborgen.
Fortsetzung folgt…



