TEIL 5 – DER MANN, DER MEINE MUTTER BESCHÜTZTE
Mein Vater starrte auf den Namen auf dem Bildschirm.
Daniel Weber.
Für mehrere Sekunden sagte niemand ein Wort.
Es war, als hätte dieser Name eine Tür zu einer Vergangenheit geöffnet, die mein Vater für immer verschlossen halten wollte.
„Wer ist er?“, fragte ich.
Meine Stimme war ruhig.
Aber tief in mir wusste ich, dass die Antwort alles verändern würde.
* * *
Mein Vater setzte sich langsam in seinen Rollstuhl.
Er sah plötzlich älter aus.
Nicht wie der mächtige Unternehmer, den alle kannten.
Sondern wie ein Mann, der jahrzehntelang eine schwere Last getragen hatte.
„Daniel war der beste Freund deiner Mutter.“
Ich runzelte die Stirn.
„Nur ein Freund?“
Mein Vater schwieg.
Und genau dieses Schweigen verriet mir, dass es mehr gab.
* * *
„Bevor du geboren wurdest“, begann er langsam, „arbeitete Daniel mit deiner Mutter zusammen.“
„Sie haben gemeinsam herausgefunden, dass bestimmte Menschen in der Firma Geld verschwinden ließen.“
Ich erinnerte mich an die Worte meiner Mutter.
Sie hatte Beweise gesammelt.
Sie hatte versucht, die Wahrheit aufzudecken.
„Und du?“
Ich sah ihn an.
„Was hast du getan?“
Mein Vater schloss die Augen.
„Ich habe versucht, alles zu stoppen.“
„Aber ich war zu spät.“
* * *
Am nächsten Morgen brachte Michael Weber, der Mann aus der Vergangenheit meiner Mutter, neue Informationen.
Als er den Namen Daniel hörte, wurde auch sein Gesicht ernst.
„Ihr müsst ihn finden.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Warum?“
Michael öffnete seine Ledermappe.
Darin lag ein alter Brief.
„Weil Daniel derjenige war, der deine Mutter in ihrer letzten Nacht angerufen hat.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Er war bei ihr?“
Michael nickte.
„Ja.“
* * *
Wir fuhren zu einem kleinen Haus außerhalb von Amsterdam.
Der Ort war unscheinbar.
Kein Luxus.
Keine großen Tore.
Kein Zeichen von Macht.
Aber als die Tür geöffnet wurde…
blieb ich stehen.
Vor mir stand ein Mann mit grauem Haar und traurigen Augen.
Er sah mich an.
Und sofort wusste ich:
Er kannte mich.
* * *
„Sophie.“
Er sagte meinen Namen, als hätte er ihn tausendmal ausgesprochen.
„Du bist genauso wie deine Mutter.“
Ich wusste nicht, ob ich wütend oder traurig sein sollte.
„Warum haben Sie sich nie gemeldet?“
Sein Blick wurde schwer.
„Weil deine Mutter es so wollte.“
* * *
Ich erstarrte.
„Meine Mutter?“
Daniel nickte.
„Sie wusste, dass die Menschen, die hinter allem standen, dich benutzen würden, wenn sie wüssten, wer du bist.“
„Also hat sie mich versteckt.“
* * *
Daniel führte uns in ein kleines Arbeitszimmer.
An der Wand hingen Fotos.
Fotos meiner Mutter.
Dokumente.
Und ein Bild von mir als kleines Kind.
Mein Atem stockte.
„Sie haben mich mein ganzes Leben beobachtet.“
Daniel nickte traurig.
„Ja.“
* * *
„Warum?“
Er sah mich an.
„Weil deine Mutter wusste, dass eines Tages die Wahrheit ans Licht kommen würde.“
„Und sie wollte, dass du vorbereitet bist.“
* * *
Dann holte er eine schwarze Mappe hervor.
„Das hier hat deine Mutter vor ihrem Tod vorbereitet.“
Ich öffnete sie.
Darin waren Unterlagen über die Firma.
Banktransaktionen.
Namen.
Und eine Liste.
Oben stand ein Titel:
DIE MENSCHEN, DIE MEINE FAMILIE ZERSTÖREN WOLLTEN.
* * *
Ich blätterte weiter.
Und dann sah ich einen Namen.
Mein Herz blieb stehen.
Helena Verhoeven.
Darunter:
Alexander Krüger.
Aber der letzte Name ließ meine Hände zittern.
Denn ich kannte ihn.
Sehr gut.
* * *
Es war der Name meines eigenen Vaters.
Thomas van der Meer.
* * *
Ich sah Daniel schockiert an.
„Warum steht der Name meines Vaters hier?“
Daniel atmete tief ein.
„Weil deine Mutter nie herausgefunden hat, ob Thomas ein Opfer war…“
Eine Pause.
„…oder ob er Teil des Plans war.“
* * *
Die Welt um mich herum schien stillzustehen.
Mein Vater.
Der Mann, den ich gerade erst wiedergefunden hatte.
Der Mann, den ich beschützen wollte.
Könnte er wirklich etwas mit dem Tod meiner Mutter zu tun haben?
* * *
Plötzlich klingelte mein Telefon.
Eine Nachricht von meinem Vater.
Nur ein Satz:
„Sophie, komm sofort zurück zur Villa. Ich muss dir etwas sagen, bevor es zu spät ist.“
Ich sah auf die Nachricht.
Dann auf die Akte in meiner Hand.
Zum ersten Mal wusste ich nicht mehr, wem ich glauben konnte.
Nicht Helena.
Nicht Alexander.
Nicht einmal meinem eigenen Vater.
* * *
Als ich die Villa erreichte, stand mein Vater bereits im Wohnzimmer.
Aber er war nicht allein.
Neben ihm lag ein alter Koffer.
Ein Koffer, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.
„Sophie“, sagte er leise.
„Es gibt etwas, das ich dir vor sechs Jahren hätte erzählen müssen.“
Er öffnete den Koffer.
Darin befanden sich alte Dokumente.
Fotos.
Und ein Gegenstand, der mich erstarren ließ.
Ein Medaillon.
Das Medaillon meiner Mutter.
* * *
Mein Vater sah mich mit Tränen in den Augen an.
„Deine Mutter hat mir am Tag ihres Todes etwas anvertraut.“
Er hielt das Medaillon hoch.
„Und ich habe es all die Jahre versteckt.“
* * *
Ich nahm es langsam in die Hand.
Auf der Rückseite war eine Gravur.
Ein Satz.
Ein Satz, der mein Leben erneut verändern würde:
„Sophie, vertraue niemandem… nicht einmal dem Mann, der dich Vater nennt.“
Ich blickte langsam auf.
Denn plötzlich wusste ich:
Der größte Verrat…
war vielleicht nicht von Helena gekommen.
Fortsetzung folgt…



