TEIL 5 — Was Douglas wirklich vor ihr versteckt hatte
Gideon verbrachte den restlichen Tag damit, alte Unterlagen seines Vaters zu durchsuchen.
Gwen kümmerte sich um Toby und Maisie, doch ihre Gedanken waren ständig bei den Dokumenten.
Am Abend kam Gideon in die Küche.
In der Hand hielt er eine alte Mappe.
„Ich glaube, ich weiß, warum.“
Gwen stellte das Abendessen auf den Tisch.
„Warum was?“
„Warum mein Vater in diesen Unterlagen auftaucht.“
Er öffnete die Mappe.
Darin befand sich ein Brief.
Handschriftlich.
Das Datum war zwölf Jahre alt.
Gideon begann zu lesen.
Nach wenigen Zeilen veränderte sich sein Gesicht.
„Was steht darin?“
Er reichte Gwen den Brief.
Sie las.
Ihr Atem stockte.
Der Brief stammte von Gideons Vater.
Darin schrieb er, dass er Douglas misstraute.
Er erwähnte das Geld aus einer Immobilienveräußerung.
Und er schrieb ausdrücklich:
„Gwen darf niemals erfahren, was Douglas mit ihrem Geld getan hat, bevor wir sicher sind, dass sie geschützt werden kann.“
Gwen ließ den Brief sinken.
„Er wusste von mir.“
„Ja.“
„Und er wusste, dass Douglas mein Geld benutzt.“
Gideon nickte.
„Offenbar.“
„Warum hat er mir nie etwas gesagt?“
Gideon sah auf das Datum.
„Vielleicht wollte er es. Vielleicht konnte er nicht mehr.“
Gwen erinnerte sich an ihren Schwiegervater.
Er war immer freundlich zu ihr gewesen.
Kurz vor seinem Tod hatte er sie sogar einmal angerufen.
Sie hatte den Anruf verpasst.
Danach hatte sie keine Nachricht erhalten.
Gideon öffnete eine weitere Mappe.
„Hier ist noch etwas.“
Es war ein handgeschriebener Vermerk.
Nur ein Satz.
„Wenn Douglas versucht, Gwen aus dem Haus zu drängen, überprüfe Konto 4419.“
Gwen starrte auf die Zahl.
„Konto 4419.“
Gideon nickte.
„Ich kenne dieses Konto nicht.“
Er rief Marcus an.
Eine Stunde später hatten sie die Antwort.
Konto 4419 gehörte nicht Douglas.
Es gehörte einer Stiftung.
Und diese Stiftung war vor siebzehn Jahren gegründet worden.
Der Name ließ Gwen den Atem anhalten.
Ramirez Family Trust.
„Das ist meine Familie.“
„Ja.“
„Aber meine Eltern haben nie eine Stiftung erwähnt.“
Marcus antwortete:
„Weil die Stiftung erst nach dem Verkauf Ihrer Wohnung gegründet wurde.“
Gwen wurde blass.
„Von wem?“
Marcus sah auf seine Unterlagen.
„Von Douglas Palmer.“
Gideon schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Warum sollte Douglas eine Stiftung unter Gwens Familiennamen gründen?“
Marcus schob ihm ein Dokument zu.
„Weil darin ein Vermögen hinterlegt wurde.“
„Wie viel?“
Marcus zögerte.
„Der aktuelle Wert liegt bei etwa 1,7 Millionen Dollar.“
Gwen starrte ihn an.
„Was?“
„Die Stiftung wurde nie aufgelöst.“
„Dann gehört das Geld mir?“
„Das ist kompliziert.“
„Warum?“
„Weil Sie als Begünstigte eingetragen sind.“
Gwen konnte kaum glauben, was sie hörte.
„Aber warum hat Douglas mir nie davon erzählt?“
Marcus sah sie ernst an.
„Vielleicht weil er wusste, dass Sie dadurch finanziell unabhängig gewesen wären.“
Stille.
Gwen spürte, wie ihr die Tränen kamen.
Achtzehn Jahre lang hatte sie geglaubt, sie sei von Douglas abhängig.
Vielleicht war das die größte Lüge von allen gewesen.
Doch bevor sie weiterfragen konnte, klingelte Gideons Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Sterling.“
Niemand antwortete.
Dann erklang eine Männerstimme.
„Sie sollten aufhören, in alten Konten zu graben.“
Gideon wurde sofort aufmerksam.
„Wer ist da?“
„Sie wissen genau, wer.“
„Nein.“
„Dann fragen Sie Ihre Frau, was sie vor siebzehn Jahren unterschrieben hat.“
Gideon sah Gwen an.
„Welche Frau?“
Die Stimme lachte leise.
„Nicht Ihre Frau.“
Dann wurde aufgelegt.
Gwen wurde blass.
„Was meinte er damit?“
Gideon sah sie an.
„Ich weiß es nicht.“
Doch in diesem Moment bemerkte Gwen etwas auf dem Küchentisch.
Zwischen den alten Unterlagen lag ein Foto.
Ein Foto von Douglas.
Neben ihm stand Claire.
Und zwischen ihnen stand eine Frau, die Gwen noch nie zuvor gesehen hatte.
Auf der Rückseite des Fotos stand ein Datum.
Drei Monate vor ihrer Hochzeit.
* * *
TEIL 6 — Die Frau auf dem Foto
Gwen nahm das Foto in die Hand.
Sie konnte ihren Blick nicht davon lösen.
Douglas war darauf jünger.
Vielleicht dreiundzwanzig oder vierundzwanzig.
Claire war noch nicht bei ihm.
Aber die dritte Frau kannte Gwen nicht.
„Wer ist das?“
Gideon nahm das Foto.
Er betrachtete es mehrere Sekunden.
Dann setzte er sich.
„Ich glaube, ich kenne sie.“
„Wer?“
„Ihr Name war Laura Bennett.“
Gwen wartete.
„Sie war früher Buchhalterin.“
„Bei Douglas?“
„Nein.“
Gideon schüttelte langsam den Kopf.
„Bei meinem Vater.“
Gwen spürte erneut dieses unangenehme Gefühl.
„Was hat sie mit Douglas zu tun?“
Gideon stand auf und ging zu einem alten Aktenschrank.
Er öffnete mehrere Schubladen.
Nach einigen Minuten zog er eine Mappe heraus.
„Hier.“
Darin befand sich ein alter Zeitungsartikel.
Laura Bennett war darauf abgebildet.
Unter dem Foto stand:
„Buchhalterin verschwindet nach interner Untersuchung.“
Gwen las weiter.
Laura hatte angeblich Unregelmäßigkeiten in den Finanzen eines lokalen Unternehmens entdeckt.
Kurz danach hatte sie gekündigt.
Wenige Wochen später war sie verschwunden.
„Was ist mit ihr passiert?“
Gideon schüttelte den Kopf.
„Niemand weiß es.“
Gwen sah erneut auf das Foto.
„Aber sie kannte Douglas.“
„Ja.“
„Und sie kannte deinen Vater.“
„Ja.“
„Dann wusste sie vielleicht, was damals passiert ist.“
Gideon nickte.
„Das denke ich auch.“
In diesem Moment hörten sie ein Geräusch draußen.
Ein dumpfes Klopfen.
Toby kam aus dem Wohnzimmer.
„Mama?“
Gwen legte das Foto weg.
„Bleib bei Maisie.“
Gideon ging zur Haustür.
Doch niemand stand davor.
Nur ein kleiner Umschlag lag auf der Fußmatte.
Kein Absender.
Gideon hob ihn auf.
Darin befand sich ein USB-Stick.
Und ein Zettel.
Nur vier Wörter:
„Sie hat alles aufgezeichnet.“
Gideon sah Gwen an.
„Laura.“
Er steckte den USB-Stick in seinen Computer.
Eine einzige Audiodatei erschien.
Datum: vor siebzehn Jahren.
Gideon drückte auf „Play“.
Zuerst war nur Rauschen zu hören.
Dann eine Männerstimme.
Douglas.
Gwen erkannte sie sofort.
„Wenn sie unterschreibt, gehört die Wohnung praktisch uns.“
Eine zweite Stimme antwortete.
Eine Frau.
Claire.
„Und wenn sie später Fragen stellt?“
Douglas lachte.
„Dann wird sie keine Beweise haben.“
Gwen wurde eiskalt.
Die Aufnahme lief weiter.
„Das Geld reicht für die Firma“, sagte Claire.
„Nicht alles“, antwortete Douglas.
„Was machst du mit dem Rest?“
Eine Pause.
Dann sagte Douglas:
„Ich brauche eine Reserve. Für den Fall, dass Gwen irgendwann unbequem wird.“
Gwen hielt sich die Hand vor den Mund.
Gideon sah sie an.
Doch dann kam eine dritte Stimme.
Eine Stimme, die beide sofort erkannten.
Gideons Vater.
„Douglas, du hast versprochen, dass Gwen ihre Anteile behält.“
Stille.
Dann Douglas:
„Sie wird nie erfahren, dass sie welche hat.“
Gwen schloss die Augen.
Doch die Aufnahme war noch nicht zu Ende.
Gideons Vater sagte:
„Wenn du sie betrügst, werde ich alles offenlegen.“
Douglas antwortete:
„Dann wirst du das vielleicht nicht mehr erleben.“
Die Aufnahme brach ab.
Niemand bewegte sich.
Toby erschien wieder in der Tür.
„Mama?“
Gwen drehte sich zu ihm um.
Sie zwang sich zu einem Lächeln.
„Alles gut, Schatz.“
Doch nichts war gut.
Denn jetzt hatten sie endlich den Beweis.
Douglas hatte sie nicht nur aus ihrem Zuhause geworfen.
Er hatte ihr Geld genommen.
Ihre Beteiligung versteckt.
Eine Stiftung verschwiegen.
Und offenbar jahrelang dafür gesorgt, dass sie niemals erfuhr, was ihr tatsächlich gehörte.
Gideon sah auf den Bildschirm.
„Wir müssen morgen zu einem Anwalt.“
Gwen nickte.
„Ja.“
Doch bevor sie den Computer ausschalten konnten, erschien plötzlich eine neue Datei auf dem USB-Stick.
Sie war zuvor nicht dort gewesen.
Dateiname:
„Für Gwen – wenn Douglas sie endlich verlässt.“
Gwen sah Gideon an.
„Öffne sie.“
Er zögerte.
Dann klickte er darauf.
Und aus den Lautsprechern erklang die Stimme einer Frau.
„Gwen, wenn du das hörst, bedeutet das, dass Douglas dich bereits aus dem Haus geworfen hat.“
Gwen erstarrte.
Sie kannte diese Stimme nicht.
Doch die Frau fuhr fort:
„Ich weiß, was er dir angetan hat. Und ich weiß, wo sich das Geld befindet, das er dir gestohlen hat.“
Eine Pause.
Dann sagte die Frau:
„Aber bevor ich dir die Wahrheit sage, musst du wissen, dass dein Mann nicht der einzige Mensch ist, der dich all diese Jahre belogen hat.“
Die Aufnahme endete.
Gwen sah Gideon an.
„Wer war das?“
Gideon blickte auf den Bildschirm.
Dann flüsterte er:
„Ich glaube, wir müssen Laura Bennett finden.“



