TEIL 4 — Der Brief
Marianne blieb in der Tür stehen.
Lucas schaute von ihr zu mir.
„Warum darf sie nicht kommen?“
Marianne seufzte.
„Du bist müde.“
„Das ist keine Antwort.“
Sie sah ihn an.
„Lucas, ich will nur, dass du sicher bist.“
Ich spürte, wie die Wut in meiner Brust größer wurde.
„Das hast du vor zwölf Jahren auch gesagt.“
Sie sah mich an.
„Du verstehst nicht, was passiert ist.“
„Dann erklär es mir.“
„Nicht hier.“
„Wo dann?“
Sie schwieg.
Lucas drehte sein Gesicht zum Fenster.
„Geh weg, Oma.“
Marianne wirkte tief getroffen.
„Lucas…“
„Geh weg.“
Sie sah mich an.
„Das ist deine Schuld.“
„Was?“
„Du hättest uns in Ruhe lassen sollen.“
Sie ging.
Ich wollte ihr folgen, aber Lucas hielt meine Hand fest.
„Tu es nicht.“
„Warum?“
„Weil Papa gesagt hat, dass sie gefährlich wird, wenn sie Angst bekommt.“
Ich sah ihn an.
„Dein Vater wusste das?“
Er nickte.
Später am Vormittag kam ein Anwalt ins Krankenhaus.
Er stellte sich als Herr Verhoeven vor.
Er trug einen dunklen Anzug und eine Ledertasche.
„Frau Van der Meer?“
„Ja.“
„Ich vertrete Thomas.“
Mein Herz blieb kurz stehen.
„Thomas ist tot.“
„Ich weiß.“
Er setzte sich.
„Aber bevor er starb, hat er einige Dokumente vorbereitet.“
Er holte einen Umschlag hervor.
Mein Name stand darauf.
Eva Van der Meer.
Meine Hände begannen zu zittern.
„Das ist für Sie.“
„Wann hat er das geschrieben?“
„Drei Wochen vor seinem Tod.“
Ich öffnete den Umschlag.
Darin lag ein Brief.
Liebe Eva, wenn du diesen Brief liest, hast du Lucas gefunden. Es tut mir leid, dass ich dich zwölf Jahre lang glauben ließ, ich hätte ihn dir weggenommen. Das war niemals meine Absicht. Ich habe versucht, ihn zu dir zurückzubringen. Jedes Mal wurde ich aufgehalten. Zuerst von meinem Vater. Danach von meiner Mutter. Ich dachte, ich wäre stark genug, um gegen sie anzukämpfen. Ich habe mich geirrt.
Meine Sicht verschwamm durch die Tränen.
Ich las weiter.
Lucas ist der einzige Mensch, den ich niemals aufgegeben habe. Wenn ich sterbe, sorge dafür, dass er nicht allein bei meiner Familie bleibt. Suche Eva. Sie ist seine Mutter. Und sie ist die einzige Person, der ich vertraue.
Ich legte den Brief auf den Tisch.
„Warum hat er mich nie selbst gesucht?“
Der Anwalt sah mich an.
„Weil er jahrelang kontrolliert wurde.“
„Von Marianne?“
„Von mehreren Menschen.“
Er holte eine zweite Mappe hervor.
„Thomas hat einen Treuhandfonds für Lucas eingerichtet.“
„Wie viel?“
Er nannte eine Summe.
Ich sah ihn ungläubig an.
„Das interessiert mich nicht.“
„Das weiß ich.“
Er schob mir ein Dokument zu.
„Aber andere Menschen interessiert es sehr.“
Unter dem Dokument stand:
Vormund: Eva Van der Meer.
Ich blickte auf.
„Er hat mich als Vormund bestimmt?“
„Ja.“
„Aber er wusste nicht einmal, ob ich Lucas jemals finden würde.“
„Er hoffte, dass Sie kommen würden.“
„Warum?“
Der Anwalt sah auf den Brief.
„Weil Thomas wusste, dass Sie ihn niemals freiwillig aufgegeben haben.“
Mein Atem stockte.
„Was meinen Sie damit?“
„Er fand vor Jahren heraus, dass Ihre Unterschrift unter falschen Informationen erlangt wurde.“
Ich dachte an diesen Tag zurück.
Das Dokument.
Die Tränen.
Marianne.
Meine jungen Hände.
Ich hatte immer gedacht, ich hätte selbst entschieden.
Aber vielleicht hatte ich nie wirklich eine Wahl gehabt.
„Gibt es noch mehr?“
Der Anwalt nickte.
„Thomas hatte Angst, dass Marianne Lucas verschwinden lassen würde, sobald er stirbt.“
„Warum?“
Er sah zur Tür.
„Wegen des Geldes.“
„Ist das alles?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Es gibt noch etwas.“
„Was?“
„Lucas ist nicht nur der Erbe des Familienvermögens.“
Ich wartete.
„Er ist der Erbe eines alten Familienfonds, den sein Vater vor Jahren gegründet hat.“
„Und?“
„Nur Thomas konnte die Bedingungen ändern.“
„Jetzt, wo er tot ist?“
„Geht alles an Lucas.“
Ich sah zu meinem Sohn.
Dann hörte ich Schritte auf dem Flur.
Marianne erschien erneut.
Aber diesmal war sie nicht allein.
Neben ihr stand ein unbekannter Mann.
Ein älterer Mann.
Perfekt sitzender Anzug.
Kalte Augen.
Der Anwalt stand sofort auf.
„Sie?“
Der Mann sah mich an.
„Also bist du Eva.“
Ich spürte einen Schauer.
„Wer sind Sie?“
Er antwortete:
„Der Vater von Thomas.“
Er sah zu Lucas.
„Und wenn es nach mir geht, wird er niemals mit dir nach Hause gehen.“



