TEIL 8 – Die zweite Schwester
Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
„Eine Zwillingsschwester?“
Das Wort hallte durch meinen Kopf.
„Das ist unmöglich.“
Patricia weinte lautlos.
Victor blieb vollkommen ruhig.
„Nein, Maya. Es ist die Wahrheit.“
Ich sah ihn an.
„Und Clara?“
„Clara ist deine ältere Schwester.“
Mein Atem stockte.
„Dann habe ich zwei Schwestern?“
Victor nickte.
„Du hattest zwei.“
Ich bemerkte das letzte Wort sofort.
„Hattest?“
Niemand antwortete.
Ich ging einen Schritt zurück.
„Was ist mit meiner Zwillingsschwester passiert?“
Patricia presste die Hände zusammen.
„Sie hieß Lillian.“
„Wo ist sie?“
Patricia sah zu Boden.
„Sie ist tot.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Nein.“
„Maya—“
„Nein!“
Ich schrie.
„Ihr könnt nicht jedes Mal behaupten, jemand sei tot, wenn ihr etwas verheimlichen wollt!“
Victor blieb still.
Ich zeigte auf ihn.
„Du hast gesagt, du kontrollierst mein Leben seit meiner Geburt.“
„Das tue ich.“
„Warum?“
Er antwortete nicht.
Ich ging auf ihn zu.
„Warum?“
Sein Gesicht veränderte sich.
Zum ersten Mal sah ich etwas, das beinahe wie Trauer aussah.
„Weil Lillian wegen mir gestorben ist.“
Stille.
Patricia schloss die Augen.
Ich sah zwischen beiden hin und her.
„Erzähl mir alles.“
Victor setzte sich.
„Deine Mutter brachte euch beide zur Welt. Du warst gesund. Lillian auch.“
Er hielt kurz inne.
„Aber dein Großvater hatte bereits entschieden, dass nur eines von euch beiden bleiben durfte.“
„Warum?“
„Weil er wusste, dass Evelyn die Familie verlassen wollte.“
„Und?“
„Er wollte einen Erben.“
Ich verstand es nicht.
Victor fuhr fort.
„Lillian war körperlich schwächer. Du warst gesund. Also beschloss er, dich bei Robert unterzubringen und Lillian verschwinden zu lassen.“
„Verschwinden?“
„Sie sollte in eine andere Familie gegeben werden.“
Ich schluckte.
„Aber sie starb.“
Victor nickte.
„Der Plan ging schief.“
„Wie?“
„Das Auto, das sie wegbringen sollte, hatte einen Unfall.“
Ich schloss die Augen.
„Und du?“
„Ich kam zu spät.“
Patricia begann zu weinen.
„Victor hat versucht, sie zu retten.“
Ich sah ihn an.
„Warum hast du mir dann all diese Jahre erzählt, dass du mein Vater bist?“
„Weil ich dich schützen musste.“
„Vor wem?“
„Vor den Menschen, die Lillians Tod vertuscht hatten.“
Ich dachte an meinen Großvater.
„Er?“
Victor nickte.
„Aber nicht allein.“
„Wer noch?“
Victor sah Patricia an.
Sie senkte den Kopf.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Patricia?“
Sie begann zu sprechen.
„Ich war damals Krankenschwester.“
Ich starrte sie an.
„In dem Krankenhaus?“
„Ja.“
„Du kanntest meine Mutter.“
„Ja.“
„Du kanntest Lillian.“
„Ja.“
„Und du hast mich mitgenommen.“
Patricia nickte.
„Ich habe dich aus dem Krankenhaus gebracht, bevor dein Großvater dich erreichen konnte.“
Ich konnte kaum atmen.
„Du hast mich gestohlen.“
„Ich habe dich gerettet.“
„Du hast mich belogen.“
„Ja.“
„Mein ganzes Leben lang.“
Sie weinte.
„Ja.“
Ich wandte mich ab.
Plötzlich fiel mir etwas ein.
„Das Foto.“
Patricia sah mich an.
„Welches Foto?“
„Das Foto mit Clara und dir. Fünf Jahre alt.“
Sie wurde blass.
„Woher hattest du es?“
„Aus dem Haus.“
Patricia schwieg.
„Du hast Clara also gekannt.“
„Ja.“
„Und Clara wusste von mir?“
„Sie wusste, dass du existierst.“
Mein Herz schlug schneller.
„Warum hat sie nie nach mir gesucht?“
Patricia antwortete nicht.
Victor tat es.
„Weil Clara nicht wusste, wo du bist.“
Ich sah ihn an.
„Aber du wusstest es.“
„Ja.“
„Seit wann?“
„Seit zwölf Jahren.“
Ich lachte ungläubig.
„Du hast zwölf Jahre gewusst, dass ich lebe.“
„Ja.“
„Und du hast nichts getan?“
„Ich habe dich beobachtet.“
„Warum?“
Er stand auf.
„Weil ich wusste, dass eines Tages jemand kommen würde, um dich zu holen.“
„Wer?“
Er sah mich direkt an.
„Die Menschen, die Lillian getötet haben.“
Plötzlich vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht.
Von Clara.
„Maya, glaub Victor nicht.“
Darunter ein Foto.
Ich öffnete es.
Mein Gesicht wurde blass.
Auf dem Bild war ein Krankenhauszimmer.
Ein kleines Baby lag darin.
Daneben stand Evelyn.
Und hinter ihr Robert.
Doch das Baby war nicht ich.
Ich zoomte hinein.
Am Handgelenk des Kindes hing ein kleines Armband.
Darauf stand:
LILLIAN REED.
„Das ist unmöglich.“
Victor kam näher.
„Was hast du?“
Ich zeigte ihm das Bild.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Woher hast du das?“
„Von Clara.“
Er nahm mein Handy.
Er starrte auf das Foto.
Dann flüsterte er:
„Das Krankenhaus hatte nie dieses Bild.“
Ich zog mein Handy zurück.
„Was bedeutet das?“
Victor antwortete nicht.
Patricia sah auf das Bild.
Plötzlich begann sie zu zittern.
„Nein.“
„Was?“
Sie zeigte auf den Hintergrund.
„Das ist nicht das Krankenhaus.“
„Woher weißt du das?“
Sie trat näher.
„Weil ich dieses Zimmer kenne.“
Ich sah sie an.
„Wo ist es?“
Patricia schluckte.
„In einem Haus außerhalb der Stadt.“
„Welchem Haus?“
Sie sah Victor an.
„Dem Haus deines Großvaters.“
Stille.
Ich verstand plötzlich.
Wenn das Foto echt war, dann bedeutete es nur eines.
Lillian war nicht bei dem Unfall gestorben.
Jemand hatte uns angelogen.
Und wenn meine Zwillingsschwester tatsächlich überlebt hatte, dann war die Frage nicht mehr, wer sie getötet hatte.
Die Frage war:
Wer hatte sie all diese Jahre versteckt?
Dann hörten wir Schritte im Flur.
Daniel hob sofort seine Waffe.
„Wir sind nicht allein.“
Eine Stimme erklang hinter der Tür.
„Maya?“
Ich erstarrte.
Ich kannte diese Stimme.
Es war Clara.
Doch dann sagte jemand direkt hinter ihr:
„Mach die Tür auf, Maya.“
Ich blickte zu Victor.
Er wurde kreidebleich.
„Das ist unmöglich.“
„Was?“
Er flüsterte:
„Clara ist gerade nicht hier.“
Dann klopfte es erneut.
Dreimal.
Und eine zweite Stimme sagte:
„Maya, ich bin deine Zwillingsschwester.“



