TEIL 7 – Der Mann draußen
„Victor Hale.“
Ich flüsterte seinen Namen.
Daniel sah mich an.
„Sie kennen seine Stimme?“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber ich kenne sie aus den Aufnahmen meines Großvaters.“
Patricia lag noch immer auf dem Boden.
Ihre Hände zitterten.
„Er darf dich nicht bekommen.“
„Warum?“
„Weil er nicht gekommen ist, um dich zu retten.“
Draußen ertönten Schritte.
Langsam.
Gelassen.
Als hätte der Mann vor der Tür alle Zeit der Welt.
Dann klopfte es.
Dreimal.
Daniel hob seine Waffe.
„Bleiben Sie hinter mir.“
Eine Stimme erklang.
„Daniel.“
Der Sicherheitschef erstarrte.
Victor lachte leise.
„Du weißt genau, dass du mich nicht aufhalten kannst.“
Daniel antwortete nicht.
Ich sah ihn an.
„Was meint er?“
„Maya, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“
„Doch.“
Ich trat neben ihn.
„Ich will wissen, warum mein eigener Vater auf mich schießen lässt.“
Patricia begann zu weinen.
„Victor ist gefährlich.“
„Das sehe ich.“
Plötzlich hörten wir einen dumpfen Knall.
Die Haustür flog auf.
Zwei Männer stürmten herein.
Daniel reagierte sofort.
Er drückte mich hinter die Wand und erwiderte das Feuer.
Ich hörte Schreie.
Dann Schritte.
Patricia packte meine Hand.
„Komm!“
„Wohin?“
„Es gibt einen Ausgang im Keller.“
Wir rannten durch den Flur.
Ich stolperte beinahe über einen Teppich.
Patricia öffnete eine unscheinbare Tür.
Dahinter führte eine schmale Treppe nach unten.
„Seit wann gibt es das?“
„Seit dein Großvater dieses Haus gekauft hat.“
Wir stiegen hinab.
Unten war es dunkel.
Patricia schaltete eine kleine Lampe ein.
Vor uns befand sich ein langer Gang.
An den Wänden hingen alte Aktenordner.
Ich blieb stehen.
„Was ist das?“
„Die Wahrheit.“
Ich nahm einen Ordner aus dem Regal.
Auf dem Etikett stand:
MAYA WARD – GEBURT
Mein Herz blieb stehen.
Ich schlug ihn auf.
Die erste Seite war ein medizinischer Bericht.
Geburtsdatum.
Gewicht.
Blutgruppe.
Dann ein Abschnitt über meine Mutter.
Evelyn Hale.
Ich blätterte weiter.
Dann sah ich einen Namen, den ich noch nie zuvor gehört hatte.
Dr. Samuel Reed.
Daneben stand:
„Vater bei Geburt anwesend.“
Ich erstarrte.
„Patricia.“
Sie antwortete nicht.
„Wer ist Samuel Reed?“
„Der Mann, der dich zur Welt gebracht hat.“
Ich sah sie verwirrt an.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Er war der Arzt.“
Ich blätterte weiter.
Dann fiel ein Foto aus der Akte.
Darauf waren Evelyn und ein Mann in einem Krankenhausflur.
Doch dieser Mann war nicht Victor.
Und nicht Robert.
„Warum hat mein Großvater behauptet, Victor sei mein Vater?“
Patricia sah mich an.
„Weil Victor es selbst glaubte.“
„Was?“
„Er dachte, Evelyn hätte dich von ihm bekommen.“
„Aber das stimmt nicht.“
„Nein.“
Sie zeigte auf einen DNA-Bericht.
„Victor ist nicht dein Vater.“
Ich starrte auf das Dokument.
„Aber du hast gerade gesagt—“
„Ich habe dir gesagt, was ich damals geglaubt habe.“
„Und was ist die Wahrheit?“
Patricia schwieg.
Dann sagte sie:
„Dein Großvater hat die DNA-Ergebnisse manipuliert.“
Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
„Dann wer ist mein Vater?“
Patricia sah mich direkt an.
„Samuel Reed.“
Ich konnte nicht sprechen.
Der Mann auf dem Foto.
Der Arzt.
Mein biologischer Vater.
„Warum hat niemand es mir gesagt?“
„Weil Samuel verschwunden ist.“
„Wann?“
„Kurz nach deiner Geburt.“
„Warum?“
Patricia senkte den Blick.
„Weil er herausgefunden hatte, dass dein Großvater dich verkaufen wollte.“
Ich schluckte.
„Und Clara?“
Patricia schloss die Augen.
„Clara war diejenige, die er zuerst genommen hat.“
„Aber du hast gesagt, er hat sie versteckt.“
„Das habe ich.“
„Vor wem?“
Patricia sah mich an.
„Vor deinem Großvater.“
Ich wurde still.
„Dann war Clara nie verkauft worden.“
„Nein.“
„Sie wurde versteckt.“
„Ja.“
„Von wem?“
Patricia antwortete nicht.
Plötzlich hörten wir oben einen dumpfen Schlag.
Dann Daniels Stimme.
„Maya!“
Ich griff nach Patricias Arm.
„Wir müssen gehen.“
Doch sie schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“
Sie zog einen kleinen Schlüssel aus ihrer Tasche.
„Es gibt noch einen Raum.“
Wir gingen weiter durch den Gang.
Am Ende befand sich eine eiserne Tür.
Patricia steckte den Schlüssel hinein.
Die Tür öffnete sich.
Ich trat ein.
Und blieb sofort stehen.
An der Wand hingen Dutzende Fotos.
Fotos von mir.
Als Kind.
Als Teenager.
Während meines Studiums.
Bei meiner Hochzeit.
Sogar Fotos, die erst wenige Wochen alt waren.
Jemand hatte mich mein ganzes Leben lang beobachtet.
In der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch.
Darauf lag ein aktuelles Foto.
Ich nahm es hoch.
Darauf war Clara.
Neben ihr stand ein Mann.
Ich kannte ihn.
Mein Herz setzte aus.
„Das ist unmöglich.“
Patricia sah mich an.
„Was?“
Ich zeigte auf das Foto.
Der Mann neben Clara war derselbe Mann, der vor wenigen Minuten draußen vor dem Haus gestanden hatte.
Victor Hale.
Doch auf der Rückseite stand ein Datum.
Vor zwölf Jahren.
Darunter:
„Projekt Clara – erfolgreich abgeschlossen.“
Ich sah Patricia an.
„Was bedeutet das?“
Sie antwortete nicht.
Hinter uns knarrte plötzlich die Tür.
Wir drehten uns um.
Daniel stand dort.
Blut lief über seine Stirn.
„Maya.“
Ich ging auf ihn zu.
„Wo sind die Männer?“
„Weg.“
„Und Victor?“
Daniel sah mich ernst an.
„Er ist nicht mehr draußen.“
Ich erstarrte.
„Wo ist er?“
Daniel blickte auf den Raum hinter mir.
Dann sagte er:
„Er ist hier.“
Im selben Moment ertönte hinter dem Schreibtisch eine Stimme.
„Sehr gut, Daniel.“
Ich drehte mich um.
Victor trat aus dem Schatten.
Er lächelte.
„Jetzt können wir endlich reden.“
Ich wich zurück.
„Du bist mein Vater.“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Nein, Maya.“
Sein Blick fiel auf das Foto in meiner Hand.
„Das ist die erste Lüge, die du über mich erfahren hast.“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
„Ich bin der Mann, der dein Leben seit deiner Geburt kontrolliert.“
Dann sah er Patricia an.
„Und sie ist die Frau, die dich damals hätte sterben lassen sollen.“
Patricia begann zu weinen.
Ich sah sie an.
„Was meint er?“
Victor lächelte.
„Frag sie, warum du als Baby aus dem Krankenhaus verschwunden bist.“
Patricia schloss die Augen.
Und flüsterte:
„Weil du damals nicht allein geboren wurdest.“
Ich erstarrte.
„Was?“
Sie öffnete die Augen.
„Du hattest eine Zwillingsschwester.“
Victor sah mich an.
„Und sie ist nicht Clara.“



