ICH NAHM EINEN JOB BEI EINEM EINSAMEN 82-JÄHRIGEN AN
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ICH NAHM EINEN JOB BEI EINEM EINSAMEN 82-JÄHRIGEN AN

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TEIL 4 – DER MANN, DEN ICH MEIN LEBEN LANG SUCHTE

Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte.

Wut.

Angst.

Hoffnung.

Alles gleichzeitig.

„Mein Vater lebt?“

Friedrich nickte.

„Ja.“

„Wie heißt er?“

Er schwieg.

„Ich habe das Recht, es zu wissen.“

„Das weiß ich.“

„Dann sag es mir.“

Friedrich ging zum Fenster.

Draußen begann es zu regnen.

„Sein Name ist Thomas Keller.“

Der Name traf mich wie ein Schlag.

Keller.

Mein Nachname.

„Aber meine Mutter hieß Keller.“

„Nein.“

Ich sah ihn verwirrt an.

„Maria hieß eigentlich Maria Weber.“

Ich wich einen Schritt zurück.

„Weber?“

Friedrich nickte.

„Sie war meine Tochter.“

Ich starrte ihn an.

Plötzlich ergaben einige Dinge Sinn.

Der Anhänger.

Die Fotos.

Die verschlossene Tür.

Elise.

Meine Mutter.

Aber gleichzeitig wurde alles noch komplizierter.

„Warum hat meine Mutter ihren Namen geändert?“

Friedrich antwortete:

„Um dich zu schützen.“

„Vor wem?“

„Vor meiner Frau.“

Ich verstand nicht.

„Ihrer Frau?“

Er nickte.

„Helena.“

Ich erinnerte mich an das Foto.

Die Frau mit dem kalten Lächeln.

„Was hat sie getan?“

Friedrich setzte sich.

„Helena wollte niemals, dass du geboren wirst.“

Mein Atem stockte.

„Warum?“

„Weil deine Mutter damals etwas entdeckt hatte.“

„Was?“

Er sah mich direkt an.

„Meine Frau hatte Geld aus unserer Stiftung gestohlen.“

Ich schwieg.

„Sehr viel Geld.“

„Und meine Mutter wusste davon?“

„Ja.“

„Und Elise?“

„Auch.“

„Was ist dann passiert?“

Friedrich sah zum Regen hinaus.

„Maria wollte zur Polizei.“

„Aber?“

„Helena drohte ihr.“

„Womit?“

„Mit dir.“

Ich spürte, wie meine Hände kalt wurden.

„Mit mir?“

„Du warst damals fünf Jahre alt.“

Er holte tief Luft.

„Maria hatte Angst, dass Helena dir etwas antun würde. Also brachte sie dich zu Thomas.“

„Mein Vater.“

„Ja.“

„Warum erinnere ich mich nicht daran?“

„Weil du einen Unfall hattest.“

Ich setzte mich.

„Welchen Unfall?“

„Das Auto, in dem du mit deiner Mutter saßt, wurde von der Straße gedrängt.“

Ich sah ihn fassungslos an.

„War das ein Unfall?“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Stille.

„Jemand wollte euch töten.“

Ich hielt mir die Hand vor den Mund.

„Meine Mutter?“

„Sie überlebte.“

„Aber ich dachte…“

„Sie lebte noch mehrere Jahre.“

Tränen liefen über mein Gesicht.

„Warum hat sie mich verlassen?“

„Sie hat dich nicht verlassen.“

Friedrichs Stimme wurde brüchig.

„Sie hat dich versteckt.“

„Wo?“

„Bei einer Familie, die dich später großgezogen hat.“

Ich dachte an meine Kindheit.

An die Menschen, die ich für meine Eltern gehalten hatte.

An all die Lücken in meiner Vergangenheit.

An die Fragen, die nie beantwortet worden waren.

„Warum hat sie mich nie besucht?“

Friedrich sah mich traurig an.

„Weil sie glaubte, dass sie dich gefährden würde.“

„Und wann ist sie gestorben?“

Er schwieg.

„Wann?“

„Vor drei Jahren.“

Ich erstarrte.

„Drei Jahre?“

„Ja.“

„Aber mir wurde gesagt, sie sei vor fünfzehn Jahren gestorben.“

Friedrich nickte.

„Das war Teil der Lüge.“

Mein Handy vibrierte.

Eine unbekannte Nummer.

Ich nahm ab.

„Hallo?“

Zunächst hörte ich nur Atem.

Dann eine Frauenstimme.

„Anna.“

Mein Herz blieb stehen.

„Wer ist da?“

„Du kennst mich nicht.“

Die Stimme zitterte.

„Aber ich kenne dich.“

„Wer sind Sie?“

„Elise.“

Ich sah Friedrich an.

Er wurde bleich.

„Wo sind Sie?“, fragte ich.

„Nicht wichtig.“

„Ich will Antworten.“

„Dann hör mir genau zu.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Vertrau Friedrich nicht.“

Ich sah den alten Mann an.

„Warum?“

„Weil er dir nicht alles erzählt hat.“

„Was verschweigt er?“

Eine lange Pause.

Dann sagte Elise:

„Er war derjenige, der deinen Vater verschwinden ließ.“

Die Verbindung brach ab.

Ich starrte auf mein Handy.

Friedrich stand reglos vor mir.

„Ist das wahr?“

Keine Antwort.

„Herr Weber!“

Er setzte sich.

„Ich habe Thomas nicht verschwinden lassen.“

„Elise behauptet das.“

„Elise glaubt das.“

„Was ist der Unterschied?“

Er sah mich an.

„Ich habe ihn damals versteckt.“

„Warum?“

„Weil er sterben sollte.“

Ich schluckte.

„Wer wollte ihn töten?“

Friedrich antwortete:

„Helena.“

„Ihre eigene Frau?“

„Ja.“

„Warum?“

Er öffnete eine Schublade.

Darin lag ein alter Schlüssel.

„Weil Thomas der einzige Mensch war, der wusste, wo das Geld war.“

„Welches Geld?“

„Das Geld, das Helena gestohlen hatte.“

Ich verstand.

„Und wo ist es?“

Friedrich sah auf meinen Anhänger.

„Seit dreiundzwanzig Jahren bei dir.“

Ich riss die Augen auf.

„Bei mir?“

„Deine Mutter hat es dort versteckt.“

„Aber hier ist doch nur ein Zettel.“

„Nicht nur.“

Er nahm den Anhänger.

Drückte erneut auf die winzige Stelle.

Der Deckel sprang weiter auf.

Hinter dem Zettel befand sich ein winziges Fach.

Darin lag ein kleiner Metallchip.

Ich starrte ihn an.

„Was ist das?“

„Der Beweis.“

„Für was?“

Friedrich sah mich ernst an.

„Für alles.“

Plötzlich hörten wir draußen einen Wagen.

Scheinwerfer glitten über die Fenster.

Friedrich stand auf.

„Wir müssen gehen.“

„Warum?“

„Weil sie uns gefunden haben.“

„Wer?“

Er ging zur Haustür.

Doch bevor er sie öffnen konnte, hörten wir ein lautes Geräusch.

Die Tür wurde von außen aufgerissen.

Zwei Männer stürmten herein.

Friedrich schob mich hinter sich.

„Anna, lauf!“

„Nein!“

Einer der Männer zog einen Umschlag aus seiner Jacke.

„Der Chip.“

Friedrich wurde blass.

„Woher wissen Sie davon?“

Der Mann lächelte.

„Weil derjenige, der ihn vor dreiundzwanzig Jahren versteckt hat, heute noch lebt.“

Dann trat eine Frau hinter den Männern hervor.

Eine ältere Frau.

Graue Haare.

Kalter Blick.

Ich kannte dieses Gesicht.

Es war das Gesicht auf dem Foto.

Helena.

Friedrichs angeblich längst verstorbene Frau.

Sie sah mich an.

Dann lächelte sie.

„Hallo, Anna.“

Meine Knie wurden weich.

„Sie… Sie sind tot.“

„Das sollte ich sein.“

Sie kam langsam näher.

„Aber deine Mutter hatte einen Fehler gemacht.“

„Welchen?“

Helena zeigte auf meinen Anhänger.

„Sie hat vergessen, dass manche Geheimnisse nicht sterben.“

Friedrich stellte sich zwischen uns.

„Lass sie in Ruhe.“

Helena lachte leise.

„Nach dreiundzwanzig Jahren willst du plötzlich den Helden spielen?“

Dann sah sie wieder mich an.

„Anna, du willst wissen, wer dein Vater ist?“

Ich konnte kaum sprechen.

Helena zog ein altes Foto aus ihrer Tasche.

Darauf waren meine Mutter und ein junger Mann zu sehen.

Ich erkannte ihn sofort.

Es war Thomas.

Doch neben ihm stand noch jemand.

Eine Person, deren Gesicht ich nie vergessen würde.

Denn ich sah es jeden Morgen im Spiegel.

Helena flüsterte:

„Thomas ist nicht dein Vater.“

Sie zeigte auf die dritte Person.

„Dieser Mann ist dein Vater.“

Ich nahm das Foto.

Und als ich den Namen auf der Rückseite las, begann mein ganzer Körper zu zittern.

Denn dort stand:

FRIEDRICH WEBER.